Lade Inhalte...

Interview mit Energieexperte Bukold „Fast alle Ölquellen sind extrem lukrativ“

Der Chef des Informationsdienstes Energycomment, Steffen Bukold, über den knappen Rohstoff Öl, steigende und zyklisch schwankende Preise sowie die Möglichkeit der Politik, über differenzierte Steuern den Verbrauch zu reduzieren.

01.02.2011 15:14
So langsam geht das Öl aus. Daher steigt der Preis auch über die 100-Dollar-Marke. Foto: dpa

Herr Bukold, der Ölpreis ist über 100 Dollar gestiegen. Wird Öl tatsächlich knapp?

Ja, das unterscheidet es von fast allen anderen Rohstoffen. Einzig das Ölkartell Opec, vor allem Saudi-Arabien, kann zur Zeit noch kurzfristig zusätzliche Mengen bereitstellen. Ich gehe aber davon aus, dass auch dort der Spielraum kleiner ist als vielfach berichtet – etwa drei bis vier Millionen Fass pro Tag, rund fünf Prozent des globalen Verbrauchs. Das ist kein großer Puffer. Die Risiken für die störungsfreie Ölversorgung sind deshalb sehr hoch. Eine einzige schwere Lieferstörung – zum Beispiel das Übergreifen der ägyptischen Krise auf ein wichtiges Ölförderland wie Libyen oder Saudi-Arabien – würde jetzt einen dramatischen Preisanstieg und chaotische Zustände hervorrufen. Und der Ölmarkt wird von Tag zu Tag enger.

Wird der bereits hohe Preis nicht dafür sorgen, dass neue Quellen lukrativ werden und das Angebot steigt?

Kaum, das hat sich in den vergangenen Jahren gezeigt. Die politischen und geologischen Probleme machen die Ölförderung immer schwieriger. Schon heute sind fast alle Ölquellen extrem lukrativ, zusätzliche Preissteigerungen machen keinen großen Unterschied.

Gefährden die steigenden Preise das Wirtschaftswachstum?

In den Öl importierenden Ländern auf jeden Fall. Die EU hat allein im vergangenen Jahr rund 72 Milliarden Euro mehr für Ölimporte ausgegeben als 2009. Die Belastungen werden allerdings noch deutlich größer. Meiner Einschätzung nach stehen wir am Anfang einer schmerzhaften Umstellung hin zu einem deutlich reduzierten Ölverbrauch. Während die Förderung immer unergiebiger wird, steigt der Bedarf in den Schwellenländern rasant. Das Resultat ist eine auf Dauer sehr angespannte Situation, sowohl wirtschaftlich als auch politisch.

Wie wird sich das knappe Öl bemerkbar machen?

Vermutlich treten wir in einen Zyklus ein, in dem die Preise erst rasant steigen, weil die Nachfrage kaum bedient werden kann. Hohe Preise – ich halte da auch 250 Dollar oder mehr für möglich – würgen das Wachstum der Weltwirtschaft dann wieder ab. Sinkt dann der Ölverbrauch und fallen die Preise, beginnt der Zyklus von vorne. Dieses Auf und Ab bringt natürlich enorme politische Risiken mit sich, gerade in den ärmeren Ländern. Schon 2008 kam es dort vielerorts zu Protesten wegen hoher Spritpreise.

Sind Sie nicht allzu pessimistisch? Die Politik wird mit aller Macht gegensteuern, wenn die Ölpreise unerträglich hoch steigen.

An der zunehmenden geologischen Knappheit lässt sich ja nichts ändern. Neue Technologien brauchen viel Zeit bis zur Marktreife, und auch die Umstellung der Infrastruktur ist langwierig. Von der Elektro-Mobilität erwarte ich keine schnellen Ergebnisse. Es wird noch sehr lange dauern, bis die E-Autos wirklich konkurrenzfähig und im großen Maßstab eingeführt worden sind. Eher rechne ich damit, dass Gas-Autos sowie kleinere und effizientere Diesel- oder Benzinautomobile wichtiger werden. Gas ist längst nicht so knapp und technisch erprobt. Die erste Notmaßnahme der Politik bei explodierenden Preisen wird aber sein, den Finanzinvestoren und Spekulanten enge Grenzen zu setzen und die Exzesse der Finanzmärkte zu stoppen.

Was kann man damit erreichen?

Nach dem Ölpreishoch im Sommer 2008 wurde zwar die Transparenz an einigen Terminbörsen erhöht. Aber die Spekulations- und Investitionsmöglichkeiten sind nicht wesentlich verändert worden. Es ist immer noch für alle möglich, mit geliehenem Geld hohe Positionen an den Terminmärkten aufzubauen, also Öl-Lieferkontrakte für ein bestimmtes Datum zu erwerben. Weil die Terminmärkte sich auch auf die Preisbildung beim real ausgelieferten Öl auswirken, kann das Preisniveau so kräftig nach oben verschoben werden. Das Grundproblem knappen Öls ließe sich mit einer stärkeren Regulierung derartiger Geschäfte zwar nicht lösen, aber enorme Preisausschläge und Marktmanipulationen werden erschwert.

Gibt es weitere Möglichkeiten, auf die Knappheit zu reagieren?

Ja, die Politik muss frühzeitig durch eine stark differenzierende Besteuerung dafür sorgen, dass der wertvolle Rohstoff Öl nur dort verbrannt wird, wo er uns den größten Nutzen bringt. Wirklich wirksam ist ein solcher Ansatz aber nur, wenn es ein international abgestimmtes Vorgehen gibt. Deutschland verbraucht nur etwa drei Prozent des weltweit verfügbaren Öls. Ohne die Amerikaner, die Chinesen und die Saudis kann das Problem nicht gelöst werden.

Interview: Jakob Schlandt

Zur Startseite

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum