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Fukushima Der Geigerzähler tickt

Tokio will Bewohner in die Dörfer der Provinz Fukushima zurückschicken. Doch Umweltorganisationen warnen vor zu hohen Grenzwerten - nach wie vor schlägt der Geigerzähler aus.

07.09.2015 18:50
Finn Mayer-Kuckuk
Shouhei Nomura, 79 Jahre, auf dem Weg zum Protestcamp beim AKW Sendai von Kyushu Electric Powers in der japanischen Präfektur Kagoshima. Foto: rtr

Vor dem Atomunfall hat er bei einer Cateringfirma gearbeitet, aber Yoichi Ozawa läuft heute einen Großteil seiner Zeit mit dem Geigerzähler durch die Provinz Fukushima und misst radioaktive Strahlung. „Diese schwarzen Ablagerungen sind immer verdächtig“, sagt er und deutet auf etwas am Rand der Landstraße, das auch eine verwaschene Bremsspur sein könnte. Tatsächlich klickt das Messgerät direkt darüber jedoch deutlich häufiger: 20 Mikrosievert pro Stunde, ein langfristig ungesunder Wert. „Das zeigt, dass diese Gegend noch längst nicht dafür geeignet ist, normal bewohnt zu werden.“

Ozawa ist ein besonders engagierter Bürger, aber er ist nur einer von vielen Japanern, die sich an einem laufenden Programm der Regierung stören. Möglichst viele Bewohner sollen in den kommenden Monaten in Gemeinden zurückkehren, die geräumt sind, seit im Atomkraftwerk Fukushima Daiichi der Reaktorkern geschmolzen ist. Rund 100 000 Bürger leben immer noch als Flüchtlinge im eigenen Land. Tokio will ihnen nach eigenem Verständnis die Rückkehr in die Heimat ermöglichen. Arbeiter haben dafür den Boden fünf Zentimeter tief abgetragen, Häuser mit Hochdruckreinigern gewaschen, Bäume gefällt, Klettergerüste auf Spielplätzen abgewischt.

Klage gegen die Regierung

Alles sauber, sagen nun Experten der Regierung. Schon seit vergangenem Jahr können erste Einwohner in ihre Häuser in der Gefahrenzone zurückkehren, doch erst jetzt erklärt die Regierung ganze Orte wieder für bezugsfähig. Am Wochenende feierte die Kleinstadt Naraha mit Zeremonie die vollständige Aufhebung der Evakuierungsanordnung. „Naraha steht an der Startlinie“, sagt Bürgermeister Yukiei Matsumoto. „Die Uhr, die im Moment der Atomkatastrophe stehengeblieben ist, tickt jetzt wieder.“

Doch auch Ozawas Geigerzähler tickt beunruhigend – wenn auch nicht in der Gemeinde Naraha, der die Messungen tatsächlich eine geringe Belastung bescheinigen. Ein Gesetz vom Juni schreibt jedoch eine weiträumige Aufhebung der Räumung bis März 2017 vor. „Die angewendeten Grenzwerte sind dabei höchst fragwürdig“, sagt Mitsuda Kanna von der Umweltorganisation FoE Japan. „Es ist kriminell, die Grenze bei 20 Millisievert pro Jahr zu ziehen.“ Eine Reihe von ehemaligen Einwohnern der Gemeinde Minami-Soma, die derzeit dekontaminiert wird, klagt derzeit gegen das Vorgehen der Regierung.

Bei dem Streit geht es um harte Zahlen. Die Regierung hat die Grenze für die Bewohnbarkeit bei einer Belastung von eben diesen 20 Millisievert pro Jahr gezogen. In Deutschland liegt der Grenzwert für die Bevölkerung bei einem Millisievert. Japan hat die Latte also 20-mal höher gelegt – auf den Wert, der in Deutschland für Profis gilt, etwa Krankenschwestern in der Röntgenabteilung oder AKW-Mitarbeiter. Der Körper von Kindern reagiert jedoch empfindlicher auf Strahlung, und in die betroffenen Gebiete sollen ganze Familien zurückkehren.

Forscher im Dilemma

Und dann ist da noch das Problem der „Hotspots“, wie Strahlenjäger Ozawa sie am Straßenrand oder sogar am Rande von Schulhöfen findet: Wer nur etwas in der Erde wühlt, ist deutlich höheren Dosen ausgesetzt. Und gerade kleine Kinder leben bekanntlich näher am Boden.
Regierungsnahe Forscher sehen sich in einem Dilemma. „Wir müssen über das Leben mit einem gewissen Risiko nachdenken“, sagt Junko Nakanishi vom National Institute of Advanced Industrial Science and Technology. Schließlich soll ein Gebiet, in dem grundsätzlich akzeptable Bedingungen herrschen, nicht ewig unbewohnt bleiben. Die 76-jährige Expertin für Umweltrisiken hält den Grenzwert von 20 Millisievert pro Jahr aus Sicht der Bevölkerung für zu hoch angesetzt, doch ein Millisievert hält sie in der Umgebung des havarierten Kraftwerks für unrealistisch. Sie schlägt als Kompromiss fünf Millisievert vor.
Doch Tokio macht weiter Druck. Aktivisten wie Ozawa werfen Premier Shinzo Abe vor, vor den Olympischen Spiele 2020 mit allen Mitteln den Anschein der Normalität herstellen zu wollen – und dafür die Gesundheit der Bevölkerung zu opfern. „Die Gesundheitsrisiken sind jedoch weiterhin völlig ungeklärt.“

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