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Frankreich AKW rosten vor sich hin

Frankreichs Atomaufsicht warnt davor, dass viele Reaktoren im Land Überschwemmungen oder Erdbeben nicht gewachsen sind. Eine Kettenreaktion wie in Fukushima könne die Folge sein.

18.10.2017 07:29
AKW
AKW des Betreibers EDF. Foto: rtr

Frankreichs Atomaufsichtsbehörde schlägt Alarm. Laut einem am Dienstag veröffentlichten Bericht der Agentur für Nuklearsicherheit (ASN) frisst sich in 29 der 58 Reaktoren des Landes Rost in Kühlwasserrohre, die in diesem Zustand einer Überschwemmung oder einem Erdbeben womöglich nicht gewachsen sind. Eine zur Kernschmelze führende Kettenreaktion wie in Fukushima könne die Folge sein.

Betroffen sind elf der 19 französischen Atomkraftwerke. Die beiden Reaktoren des elsässischen Kernkraftwerks Fessenheim zählen nicht dazu. Der 1977 ans Netz gegangene, älteste Atommeiler des Landes soll stillgelegt werden, wenn mit der Inbetriebnahme des ersten europäischen Druckwasserreaktors (EPR) Ersatz bereitsteht, was 2019 der Fall sein dürfte.

Wie aus der ASN-Sicherheitsexpertise weiter hervorgeht, ist der „heruntergekommene Zustand“ der Kühlwasserleitungen mangelhafter Wartung zuzuschreiben. Die ASN hält den Missstand für so schwerwiegend, dass sie ihn auf der siebenstufigen Internationalen Skala für nukleare Zwischenfälle (INES) auf Stufe zwei einordnet – ein trotz zahlreicher ans Licht gekommener Unzulänglichkeiten in Frankreichs Kernkraftwerken seit fünf Jahren nicht mehr erreichter Gefährdungsgrad. Die nach der Katastrophe von Tschernobyl eingerichtete Skala soll es der Bevölkerung erleichtern, bei Unfällen das Ausmaß der Bedrohung einzuschätzen.

Weitere Sicherheitslücke entdeckt

Nach Angaben Rémy Catteaus, ASN-Spezialist für unter Druck stehende Nuklearausrüstung, sind einige Rohre derart verrostet, dass die Dichte der Ummantelung abgenommen hat, und zwar in einem Ausmaß, dass „es ein reales Risiko gibt, dass die Leitungen im Fall eines Erdbebens den Erschütterungen nicht standhalten“.

Während Frédérique Ménage von Institut für Strahlenschutz und Nuklearsicherheit (IRSN) daraus den Schluss zieht, dass „die Effizienz der Wartung absolut zu erhöhen ist“, sieht der Kraftwerksbetreiber EDF keinen Grund zur Besorgnis. Die Alterung gewisser Materialien sei ein natürliches Phänomen, das dem Betreiber bekannt sei und von diesem überwacht und berücksichtigt werde. Sie habe keinerlei tatsächliche Auswirkung auf die Sicherheit der Angestellten oder der Umwelt.

Eine Woche zuvor war EDF von anderer Seite auf andere, offenbar nicht minder schwere Sicherheitslücken aufmerksam gemacht worden. Die Umweltschutzorganisation Greenpeace hatte den französischen Behörden am 10. Oktober eine Studie vorgelegt, wonach hochradioaktive, in sogenannten Abklingbecken lagernde Brennelemente vor böswilligen, etwa terroristischen Eingriffen nicht ausreichend geschützt sind. Die Wände der außerhalb der Reaktoren liegenden Becken seien „extrem anfällig“, heißt es in dem Gutachten. Mit auslaufendem Kühlwasser würden große Mengen Radioaktivität freigesetzt.

Um den Befund zu untermauern, sind gut ein Dutzend Greenpeace-Aktivisten zwei Tage später in das Gelände des nahe der deutschen Grenze gelegenen Atomkraftwerks Cattenom eingedrungen und haben am Rand eines Abklingbeckens Feuerwerkskörper gezündet. Acht Minuten später wurden die Eindringlinge festgenommen. Über den Kurznachrichtendienst Twitter teilte der Betreiber damals mit: „Greenpeace-Aktivisten auf dem Gelände. Gestoppt von Gendarmen. Kein Zugang zur nuklearen Zone. Keine Auswirkung auf die Sicherheit der Anlagen.“

EDF hat angekündigt, in den nächsten zehn Jahren 50 Milliarden Euro zu investieren, um die ursprünglich auf 40 Jahre veranschlagte Lebensdauer zahlreicher Reaktoren zu verlängern. Bis 2022, dem Ende der derzeitigen Legislaturperiode, werden 23 der 58 Reaktoren die Schwelle überschritten haben. Von Greenpeace zitierte Experten beziffern den Investitionsbedarf auf 140 bis 222 Milliarden Euro.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Frankreich

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