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Energiewende Vom Öl-Multi zum Windfarmer

Konzerne wie Shell oder Statoil haben erkannt, dass die Rohstoff-Förderung in der Nordsee endlich ist, und schwenken nun auf Windkraft um.

Windparkbau in der Nordsee
Pflöcke eingeschlagen: Der Bau großer Windparks in der Nordsee geht unvermindert weiter. Foto: Fabian Bimmer /rtr

Die Nordsee war jahrzehntelang ein wichtiger Öllieferant. Doch das ändert sich gewaltig. Künftig wird das Meer für die Stromproduktion immer wichtiger. Das haben auch Multis wie Shell oder Statoil bemerkt. Sie wollen jetzt vom Boom bei Windfarmen auf hoher See profitieren.

Denn Öl aus der Nordsee wird ein immer schwierigeres Geschäft. Die Quellen unter dem Meeresgrund versiegen allmählich. Zudem sind in den vergangenen Monaten viele Bohrplattformen eingemottet worden, weil sich die Förderung immer weniger rentiert, wobei die Faustformel gilt: je weiter draußen, umso teurer. Die US-Energiebehörde EIA rechnet damit, dass die Tagesförderung in der Nordsee Ende 2018 bei nur noch 2,8 Millionen Fass (je 159 Liter) liegen wird. Mitte vorigen Jahres waren es zeitweise noch fast 3,5 Millionen Fass.

Hier machen sich die gesunkenen Ölpreise bemerkbar, die Mitte 2014 noch jenseits von 110 Dollar lagen. Voriges Jahr lag der Durchschnittspreis bei 43 Dollar pro Fass. Dann beschloss das Opec-Kartell gemeinsam mit Russland und anderen Förderländern im November, täglich künftig knapp 1,8 Millionen Fass weniger zu pumpen, bei einem globalen Gesamtbedarf von etwa 90 Millionen Fass. Prompt sprang der Preis für die europäische Referenzsorte Brent – das ist das gute alte Nordseeöl – in manchen Regionen über 55 Dollar. Doch am Donnerstag dieser Woche rutschte die Notierung zeitweise wieder unter 50 Dollar, mittlerweile hat sich der Preis knapp über dieser Marke eingependelt. Viele Experten erwarten, dass sich da in nächster Zeit wenig tun wird. Der Grund: „Die zunehmende Wettbewerbsfähigkeit der amerikanischen Fracking-Industrie setzt ein Preislimit nach oben“, sagt Walter Pfeiffer, Partner in der Unternehmensberatung Roland Berger.

Die US-Produzenten, die mit umstrittenen Methoden das sogenannte Schieferöl gewinnen, arbeiteten inzwischen schon bei 40 Dollar pro Barrel profitabel, so Pfeiffer. Deshalb sind nach den Zahlen des Ölfirmenausrüsters Baker Hughes aktuell wieder deutlich mehr als 600 Bohrtürme in den USA aktiv, fast doppelt so viele wie im Juni 2016. Die Fracking-Anlagen haben das Angebot so stark erhöht, dass in den USA die Öllager Rekordbestände aufweisen.

Das Limit nach unten wird nach Pfeiffers Einschätzung durch die Disziplin der Opec und Russland definiert. Dieses Wochenende treffen sich Abgesandte des Kartells und aus Putins Reich in Kuwait, um zu überlegen, wie es weitergeht. Die Experten der Commerzbank und anderer Banken sind sich sicher, dass die bislang bis zur Jahresmitte befristeten Förderkürzungen bis zu Beginn 2018 verlängert werden sollen, um ein weiteres Abrutschen der Notierungen zu verhindern. „Aus unserer Sicht ist daher ein längerfristiges Szenario mit Ölpreisen um 50 Dollar wahrscheinlich“, erklärt denn auch Roland-Berger-Berater Pfeiffer. Was weit weg von 100 Dollar oder mehr ist.

Für „Big Oil“, so werden die multinationalen Konzerne genannt, gibt es also hinreichend Gründe, sich nach neuen lukrativen Einnahmequellen umzuschauen. Und die liegen für Firmen wie Royal Dutch Shell, die staatliche norwegische Ölgesellschaft Statoil oder für die italienische Eni gewissermaßen vor der Haustür – das heißt unmittelbar in der Nähe ihrer angestammten Geschäfte. Erfahrungen mit Anlagen auf hoher See haben sie hinlänglich. Warum dann nicht in Windparks investieren? Es gebe schließlich offensichtliche Synergien mit dem traditionellen Öl- und Gasgeschäft, sagte Luca Cosentino, Top-Manager bei Eni, dem Finanznachrichtendienst Bloomberg. Man könne nicht stehenbleiben und darauf warten, dass andere sich bewegten.

Experten von Bloomberg New Energy Finance (BNEF) erwarten, dass die installierte Leistung für Offshore-Strom weltweit bis 2020 auf annähernd 40 Gigawatt steigen wird, ein Großteil davon in der Nordsee – das ist gut eine Vervierfachung im Vergleich zu 2016. Bis zum Jahr 2040 werde ein Bedarf, der 13 Millionen Fass Erdöl entspricht, durch Strom aus erneuerbaren Quellen ersetzt – hauptsächlich wegen der Elektromobilität.

 

Bei Big Oil jedenfalls hat das Umsatteln begonnen. So hat Shell gemeinsam mit Partnern im Dezember bei einer Ausschreibung der niederländischen Regierung für zwei große Windfarmen im Meer den Zuschlag bekommen. Statoil errichtet vor der englischen Ostküste moderne Windmühlen, hat Ende 2016 eine Ausschreibung des US-Bundesstaates New für Offshore-Rotoren gewonnen und plant diverse Projekte in den Hoheitsgewässern von Norwegen und Deutschland.

Der Boom beruht auf einem von Energieexperten schon vor Jahren prognostizierten Effekt: Je mehr gebaut wird, umso größer werden Erfahrungen und Know-how, und damit sinken die Kosten. So prognostiziert die Unternehmensberatung PwC denn auch, dass bei den im April anstehenden Ausschreibungen für neue deutsche Windparks Anlagenbauer Einspeisevergütungen offerieren, die „deutlich unter zehn Cent je Kilowattstunde“ liegen werden. Gute Chancen dürfte unter anderem Shell haben. Das Shell-Konsortium kam in den Niederlanden mit 5,45 Cent zum Zuge und will mit den Windfarmen dennoch ansehnliche Renditen erzielen. Damit haben sich die Preise für Windstrom in weniger als fünf Jahren mehr als halbiert.

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