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Energiewende und Suedlink Umstrittene Mega-Trasse

Für die Energiewende braucht Deutschland neue Stromtrassen. So sieht es die Regierung und lässt Netzbetreiber die Pläne für eine 800 Kilometer lange Stromautobahn vorstellen. Doch Experten bezweifeln die Notwendigkeit. Auch unter Bürgern regt sich Widerstand.

05.02.2014 20:22
Strommasten, die weit in den Himmel kragen, gehen vielen Bürgern gegen den Strich. Foto: dpa

Die Manager der Netzbetreiber Tennet und TransnetBW sprechen wahlweise von der „Hauptschlagader“ oder vom „Rückgrat“ der Energiewende. Am Mittwoch stellten die beiden Unternehmen ihr Projekt „Suedlink“ vor. Eine 800 Kilometer lange doppelte Stromautobahn von Schleswig-Holstein bis tief in den Süden soll’s werden – mit dem Feinsten, was die Stromtransporttechnik zu bieten hat. Experten bezweifeln allerdings den Nutzen des Projekts.

2022 soll die Höchstspannungsverbindung mit einer Übertragungskapazität von 4000 Megawatt fertig sein. Es soll mit Gleichstromtechnik gearbeitet werden, weil dadurch wenig Energie bei der Übertragung verloren geht. Die Leitungen werden an 60 bis 70 Meter hohe Masten gehängt, dafür müssen breite Schneisen in die Landschaft geschlagen werden. Zwei Stränge sind geplant, einer soll von Wilster bei Hamburg nach Grafenrheinfeld (Bayern) führen. Eine mögliche Trassenführung stellten Tennet und Transnet BW am Mittwoch vor.

Windstrom statt Atomenergie

Der andere Strang von Brunsbüttel nach Großgartach (Baden-Württemberg) soll weitgehend auf der gleichen Trasse verlaufen. Die Kosten liegen laut Tennet-Chef Lex Hartman „im unteren einstelligen Milliardenbereich“. Hauptlast trägt sein Unternehmen, das Deutschlands größter Betreiber von Überlandnetzen ist.

Hartman spricht von einer „elektrischen Autobahn ohne Abfahrten“. Es geht darum, riesige Mengen Energie von Norden nach Süden zu schieben. Schon jetzt gibt es einen großen Stromüberschuss im Norden.

Mit dem Ausbau der Windkraft in den nächsten Jahren wird sich dies noch verstärken. Die Transnet-Ingenieure rechnen damit, dass 2023 allein in Schleswig-Holstein Kapazitäten mit einer Leistung von fast sieben Gigawatt existieren werden – das entspricht etwa sieben Atomkraftwerken.

Vor allem in den Ballungszentren in Bayern und Baden-Württemberg wird künftig ein enormer Strombedarf entstehen. In den beiden Südländern ist ein großer Teil der Automobilindustrie und der Maschinenbaubaubranche angesiedelt. Bislang hängt die Stromversorgung stark von der Kernkraft ab. Doch in den nächsten Jahren werden mehrere AKW abgeschaltet. Als erste ist 2015 die Anlage in Grafenrheinfeld dran, fünf weitere folgen bis 2022. Windstrom aus dem Norden soll Atomstrom ersetzen – so stellen sich das Politiker und Netzbetreiber vor.

Allerdings, mit dem Netzausbau ist das so eine Sache. Die Umsetzung der Pläne war bislang ein Desaster. Jochen Homann, Chef der Aufsichtsbehörde Bundesnetzagentur, beklagte kürzlich, dass man bei den aktuellen Ausbauprojekten weit hinter den Planungen liege. Bürgerproteste und äußerst komplexe Genehmigungsverfahren sind die Ursache für die Verzögerungen.

Auch die Tennet- und Transnet-Manager wissen, wie sensibel ihr Vorhaben ist, streben deshalb „eine transparente Planung und einen ernsthaften Dialog mit den Bürgern an“.

„Soll Kraftwerke erhalten“

Zugleich mehren sich auch unter Experten Stimmen, die das Megaprojekt Netzausbau für überdimensioniert und nicht mehr umsetzbar halten – bis 2023 sollen insgesamt 5650 Kilometer neue Leitungen entstehen. Zu den schärfsten Kritikern zählt Lorenz Jarass, Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Hochschule Rhein-Main: „Die Bundesregierung muss sehr genau prüfen, ob die Suedlink-Leitung wirklich sinnvoll ist“, sagte er der FR. Denn einerseits sei eine weitere große Wechselstromleitung mit einer fast parallelen Trassenführung geplant, andererseits sei nicht belegt, dass Suedlink für erneuerbare Energien überhaupt erforderlich ist.

Jarass macht sich dafür stark, zunächst einmal die technischen Möglichkeiten des bestehenden Netzes zu optimieren und bei „seltenen Windenergiespitzen“ die Anlagen abzuregeln. Die Rotoren werden dann aus dem Wind gedreht. Beim Orkan Xaver im Dezember haben die Netzbetreiber jedenfalls bewiesen, dass sie inzwischen durch die intelligente Steuerung der Netz-Kapazitäten riesige Windstrommengen managen können.

Für Jarass zielt der massive Netzausbau indes darauf ab, dass neben der Windkraft „große Braunkohle- und Steinkohlekraftwerke noch für Jahrzehnte erhalten bleiben sollen“. Die Energiewende brauche aber gleichzeitig Erzeugungsreserven, die schnell zu- und abschaltbar seien. Das ist mit Gaskraftwerken machbar, aber aus technischen Gründen nicht mit Braunkohlemeilern. Jarass’ Schlussfolgerung: „Der Bau neuer Leitungen von Norden nach Süden muss auf ein Minimum beschränkt werden. Stattdessen müssen wir den Bestand an Gaskraftwerken im Süden ausbauen.“

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