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Energiewende Stromwirtschaft schlägt Alarm

Schon 2020 fehlen fossile Kraftwerke für Ausgleich von Ökostrom-Schwankungen, sagt der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft.

19.10.2011 11:30

Der Tag X, der gefährlichste Tag des Jahres für die Energiewirtschaft, beginnt vermutlich mit einem Sonnenaufgang vor strahlend blauem Himmel. Gibt es in Deutschland Stromausfälle durch die Energiewende, dann am Abend eines klirrend kalten und windstillen Wintertages – also bei stabiler Hochdrucklage. Die Solarkraftwerke liefern in diesem Fall keinen Strom, ebenso wenig die Tausenden Windräder in Deutschland. Gleichzeitig laufen aber Millionen Haushaltsgeräte, die Heizungspumpen arbeiten mit voller Kraft, und viele Industrieprozesse, zum Beispiel in Chemiewerken, benötigen bei strenger Kälte ebenfalls besonders viel Strom.

Derzeit sind konventionelle Kraftwerke noch das Rückgrat der Stromerzeugung. Sie können herauf- und heruntergefahren werden, wie es gerade passt. Den Anteil der fluktuierenden erneuerbaren Energie an der Erzeugung, der bei rund 20 Prozent liegt, können sie noch ausgleichen. Doch funktioniert das auch noch in zehn, 20 oder gar 40 Jahren, wenn mehr grüner Strom in die Netze kommt?

Der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW), bei dem vom kleinen Stadtwerk bis zu Eon und RWE fast die gesamte Branche versammelt ist, hat nun mit einer Studie Alarm geschlagen: Die Politik muss sich ein Rezept einfallen lassen, wie der Strommarkt in Zukunft gesteuert werden kann – und umgesetzt sein muss es bis 2020.

Denn dann können laut der Untersuchung bereits kritische Situationen auftreten – selbst wenn die bereits geplanten Kohle- und Gaskraftwerke fertiggestellt werden, die Industrie in kritischen Situationen Strom einspart und in Deutschland neue Stromspeicher entstehen.

Auf sieben bis 16 Gigawatt beziffern die Institute Consentec und IAEW, die die Studie für den BDEW erstellt haben, die Kraftwerkslücke. Sogar 19 bis 32 Gigawatt könnten es 2030 sein. Zum Vergleich: Derzeit stehen in Deutschland konventionelle Anlagen mit rund 85 Gigawatt Leistung zur Verfügung. Auf Importe aus dem Ausland, die die Lücke etwas schließen könnten, will sich der BDEW (wie die meisten Politiker) übrigens nicht verlassen – denn es könne ja auch sein, dass dort gleichzeitig Knappheit herrsche.

Das Problem ist nun: Die Energiekonzerne werden diese Lücke kaum freiwillig schließen. Zwar lassen sich in den Knappheitsphasen in Zukunft durchaus gute Strompreise erzielen. Dennoch lohnt sich der Kraftwerksneubau oder die Modernisierung alter Anlagen nicht. Denn durch den grünen Strom im Netz laufen die Anlagen immer seltener. Sie sind nur noch ein „Back-Up“, eine Reserve, vorgehalten für die kritischen Tage, die wie Eingangs erwähnt vor allem im Winter zu erwarten sind.

Immer mehr Fachleute haben sich zuletzt dafür ausgesprochen, eine Kapazitätsprämie zu bezahlen: Neue Gaskraftwerke, die die Verbrauchsspitzen abdecken, sollten staatlich subventioniert werden. Das fordert zum Beispiel Öko-Institut-Experte Felix Matthes. Das Arrhenius-Institut aus Hamburg hatte schon vor gut zwei Jahren prognostiziert, dass die unsichtbare Hand des Marktes versagen würde und der Staat auch die konventionellen Kraftwerke kontrollieren müsse.

BDEW-Hauptgeschäftsführerin Hildegard Müller glaubt, dass noch Zeit ist, um sich zu überlegen, wie der Energiemarkt so umgestaltet werden kann, damit ausreichend Kraftwerke für den Tag X in Betrieb sind. Eine Kapazitätsprämie ist für die deutsche Stromwirtschaft also noch keine ausgemachte Sache. Doch überzeugende Alternativen gibt es bislang nicht. Die BDEW-Studie hinterlässt also den Eindruck, dass der endgültige Abschied vom freien Strommarkt 13 Jahre nach der Liberalisierung begonnen hat.

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