Lade Inhalte...

Energiewende Neuer Boom des Kohle-Stroms

Deutschland exportiert mehr klimaschädliche Energie denn je. Der Kohleboom konterkariert die Energiewende.

20.08.2013 06:23
Laufen auf Volldampf: Deutsche Kohlekraftwerke, hier bei Duisburg. Foto: rtr

Die deutsche Stromwirtschaft steuert auf einen neuerlichen Exportrekord zu. In diesem Jahr dürfte sie so viel Strom ins Ausland liefern wie noch nie. Denn obwohl immer mehr Wind- und Solaranlagen gebaut werden, lassen die Energieversorger ihre Kohle- und Atomkraftwerke mit hoher Auslastung laufen. Sie erzeugen mit ihnen auch dann noch Strom, wenn damit praktisch kein Geld mehr zu verdienen ist. Den Strom überschüssigen Strom verkaufen sie ins Ausland.

Schon 2012 war ein Rekordjahr gewesen. Der Netto-Export betrug unter dem Strich rund 23,1 Terawattstunden (TWh), was in etwa der Jahresproduktion von vier Kohlekraftwerk-Blöcken entspricht. In diesem Jahr wird es einer Analyse der Deutschen Umwelthilfe (DUH) zufolge noch mehr sein. Voraussichtlich werde die 30 TWh-Marke übertroffen. Im ersten Halbjahr legte der Netto-Export gegenüber dem Vorjahreszeitraum um knapp 50 Prozent zu – es waren 14,8 TWh gegenüber 10,1 Twh.

Ein Blick auf die Energieträger zeigt die Verschiebung: Die Stromerzeugung aus Stein- und Braunkohle stieg in den ersten sechs Monaten 2013 gegenüber 2012 drastisch an. Die Atomkraftwerke lieferten praktisch gleichviel, während es beim Erdgas einen dramatischen Einbruch gab. Die Ökostrom-Erzeugung ging trotz des Zubaus an Wind-, Solar- und Biomasse-Anlagen unter dem Strich leicht zurück, weil der Wind vergleichsweise mäßig wehte.

Der Umwelthilfe-Experte Gerd Rosenkranz kommentierte die Lage auf dem Energiemarkt so: „Die erneut kräftig gestiegenen Stromexporte stammen allein aus klimaschädlichen Kohlekraftwerken.“ Deswegen sei das „Gerede vom Ökostrom-Überschuss ein Märchen“. „Was wir stattdessen erleben ist ein neuer Kohleboom und damit einen Anstieg der nationalen Treibhausgasemissionen“, sagte Rosenkranz. Das sei „das exakte Gegenteil der Energiewende, die wir uns vorgenommen haben“.

Betrieb läuft weiter - auch wenn die Betreiber drauflegen müssen

Wieso die Stromkonzerne ihre Kohle- und Atomkraftwerke in Zeiten nicht stärker herunterfahren, in denen im Großhandel an der Leipziger Strombörse wegen des hohen Angebots nur wenig Geld erlöst werden kann, hat das Freiburger Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme (ISE) jetzt im Auftrag der Grünen untersucht. Hier zeigte sich ein erstaunliches Phänomen: Braunkohle-Anlagen wurden sogar dann vielfach nicht abgeschaltet, wenn der Börsenpreis negativ war – wenn die Betreiber also nichts bekamen oder sogar noch Geld drauflegen mussten, um den Strom loszuwerden.

Bei Niedrigpreisen (weniger als ein Cent pro Kilowattstunde) liefen die Blöcke mit einer Auslastung von bis zu 83 Prozent weiter, bei negativen Preisen waren es bis zu 73 Prozent. Eine Auslastung von 42 Prozent wurde dabei laut ISE nie unterschritten. Bei AKW ist die Situation ähnlich. Sie drosselten ihre Produktion nicht unter 49 Prozent. Steinkohle und Erdgas-Kraftwerke hingegen wurden auf fünf bis 20 Prozent herunter geregelt.

Ein Hauptgrund für die hohe Braunkohle- und Atom-Stromproduktion ist, dass diese Kraftwerke besonders im unteren Leistungsbereich unflexibel und schlecht regelbar sind. Das komplette Herunter- und Hochfahren eines Braunkohlekraftwerks dauert neun bis 15 Stunden, für den „Kaltstart“ eines AKW braucht es sogar bis zu 24 Stunden.

Dies zeige deutlich, dass Braunkohle- und Atom-Kraftwerke nicht geeignet seien, um die fluktuierende Einspeisung aus Wind und Sonne auszugleichen, schlussfolgert der Grünen-Bundestagsabgeordnete Oliver Krischer. „Diese Aufgabe müssen hocheffiziente Gaskraftwerke erfüllen, die innerhalb von 15 Minuten gestartet werden und ihre Leistung bei Bedarf auf zehn Prozent drosseln können.“ Das jedoch wird zunehmend schwieriger. Der starke Rückgang des Erdgas-Einsatzes im ersten Halbjahr 2013 zeigt, dass die Gas-Anlagen wirtschaftlich mit der billigen, aber besonders umweltschädlichen und CO2-reichen Braunkohle nicht mithalten können.

Krischer moniert, dass die Preise für CO2-Zertifikate im EU-Emissionshandel, die die klimaschädlichen Braunkohlekraftwerke gegenüber den relativ klimafreundlichen Gaskraftwerken teurer machen sollten, „fast auf Null“ gefallen seien. Dies sei „nichts anders als eine indirekte Subvention der Braunkohle“. Das EU-Parlament hat zwar beschlossen, die Zertifikate durch zeitweise Verknappung zu verteuern. Ob das ausreichen wird, ist allerdings fraglich.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen