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Energiewende Mehr als billiger Strom

Marlehn Thieme, Vorsitzende des Rates für Nachhaltige Entwicklung, spricht im Interview über die Energiewende, Öko-Freaks und den Umweltschutz der Zukunft. „Es gibt natürlich viele, die mehr traditionell orientiert sind".

11.02.2014 13:39
Umweltfreundliches Fahren: Elektroauto von Mitsubishi. Foto: Michael Schick

Frau Thieme, alle reden von Umweltschutz und Nachhaltigkeit, aber wenn es konkret wird, zum Beispiel beim Autokauf, gerät das schnell in Vergessenheit. Es gibt zwar Drei-Liter-Autos, aber deren Absatz ist minimal, es boomen die SUVs, die Geländewagen für die Stadt.

Das stimmt. Allerdings: Es stimmt noch. Es gibt Zeitgenossen, die brauchen so ein dickes Auto zur Selbstdarstellung. Aber die jungen Leute machen mir hier Mut. Sie sind weit weniger Auto-fixiert als die ältere Generation. Sie haben überhaupt einen anderen Lebensstil, gerade in den Großstädten. Sie nutzen Carsharing, fahren Fahrrad, sie erproben das Nutzen statt Besitzen. Auch bei jungen Familien setzt sich das durch. Das schicke Lebensmodell ist, in Berlin-Mitte zu leben – und kein Auto zu haben.

Ihr Optimismus in Ehren, aber: Die meisten sind nicht so.

Es gibt natürlich viele, die mehr traditionell orientiert sind. Der Absatz von Drei-Liter-Autos oder von Elektroautos wie des neuen BMW i3 könnte höher sein. Und wie bei der Einführung des Katalysators könnte auch die Politik hier mitgestalten.

Der BMW kostet 35 000 Euro. Den können sich die meisten jungen Leute gar nicht leisten...

Richtig, aber wir sind hier erst am Anfang. Ich glaube, es ist nur noch eine Frage von wenigen Jahren, bis die Elektromobilität sich durchsetzt, nicht von Jahrzehnten. Und wenn der Spritpreis weiter steigt, wird es schneller gehen. Und das wird passieren.

Bei der Nachhaltigkeit geht es nicht nur um die Umwelt, sondern auch um Arbeitsplätze. Die Autokonzerne argumentieren: Die SUVs bringen mehr Umsatz und sichern mehr Jobs als die spritsparenden Kleinwagen.

Das ist altes Denken. Auch mit High-Tech-Kompaktautos, siehe BMW, kann man guten Umsatz machen. Außerdem brauchen wir Innovationen nicht nur beim Autobau, sondern insgesamt für die Entwicklung eines smarten Verkehrssystems. In Angeboten wie dem neuen „Car to Go“ liegt die Zukunft. Hier sind Leih-Fahrräder, ÖPNV und Car-Sharing-Pkw vernetzt, alles auswählbar und kombinierbar per Smartphone. Hier kann auch mal ein SUV seinen Platz haben, warum nicht.

Wie sieht es in anderen Lebensbereichen aus? Der Bürger ist Konsument, er entscheidet über die Nachhaltigkeit an der Kasse im Supermarkt, beim Klamotten-Kauf, beim Online-Shopping.

Das Bewusstsein verändert sich nicht von heute auf morgen. Es ist ein Lernprozess, aber der läuft doch längst. Wir haben inzwischen Bio-Regale in jedem Supermarkt, beim Neukauf eines Kühlschranks achtet man auf den Energieverbrauch, bei Textilien orientiert man sich an Fair-Trade-Labels.

Also: Alles wird gut? Klingt verschärft optimistisch.

Ich bin nicht blauäugig. Aber ich glaube, die Nachhaltigkeit ist keineswegs auf verlorenem Posten. Sie wächst, weil die Menschen spüren, dass sie auch gut für sie selbst ist. Es geht ja nicht nur um Produkte und Konsum, sondern auch um den Lebensstil. Entschleunigung ist ein Stichwort dafür, andere sind Work-Life-Balance, Home-Office, Regionalisierung. Es ist viel in Bewegung, und zwar in die richtige Richtung, darauf kommt es an. Dass alle Umwelt-Puristen werden, ist bei unserer Individualisierung natürlich nicht erwartbar. Aber das Ziel muss sein, viele Menschen mitzunehmen und sie ihre Erfahrungen machen zu lassen. Der Öko-Freak, der verkniffen in der Ecke sitzt und sagt, nur das und jenes ist richtig, alles andere falsch, schreckt doch eher ab.

Den Freak brauchen wir dringend. Er erinnert uns daran, dass der Öko-Fortschritt eine Schnecke ist. Der Rohstoff-Verbrauch in Industriestaaten ist um einen Faktor 10 zu hoch, die Energie wird immer noch verschwendet, die Öko-Energien wachsen zu langsam.

Wir sind noch lange nicht da, wo wir sein müssten, das stimmt. Aber wir können die Nachhaltigkeit auch nicht politisch anordnen. Wenn es immer mehr Single-Haushalte gibt und so die beheizte Wohnfläche pro Kopf steigt, ist das die freie Entscheidung der Menschen. Wenn jemand jedes Jahr ein neues Handy kaufen will, kann er das tun. Wenn wir Unfreiheit erzeugen, fallen wir auf der anderen Seite vom Pferd und kommen auch nicht an.

Die Politik ist machtlos?

Nein, das meine ich nicht. Der Staat muss die Bürger besser informieren, er muss mehr Überzeugungsarbeit leisten. Und er muss die Rahmenbedingungen für die Unternehmen ändern. Die Beweislast, dass ihre Produkte ökologisch und fair produziert werden, muss bei ihnen liegen. Jeder Skandal, der aufgedeckt wird, ob bei den sozialen Bedingungen der Textilproduktion in Bangladesch oder ökologischen Problemen der Massentierhaltung in Deutschland, erhöht den Druck, dass die Rahmenbedingungen strikter werden. Wenn die Produkte dann etwas teurer werden, dürfen wir es nicht nur notgedrungen akzeptieren. Die Verbraucher müssen öko-faire Produkte offensiv nachfragen.

Das verschiebt die Verantwortung auf die Konsumenten.

Der Staat kann und sollte die Rahmenbedingungen setzen, damit Unternehmen ihre ganzen Produkt-Lieferketten auf Nachhaltigkeit ausrichten. Ein Mittel dazu ist der Deutsche Nachhaltigkeits-Kodex, den wir vom Rat für nachhaltige Entwicklung erarbeitet haben. Firmen können ihn nutzen, um ihre Strategie und ihre Leistungen nachzuweisen. Das gibt auch Banken, Sparkassen und Finanzinvestoren die Möglichkeit, gezielt in nachhaltig arbeitende Unternehmen zu investieren.

Aber der Nachhaltigkeits-Kodex ist nur freiwillig, zudem beruht er nur aus Selbstauskünften der Unternehmen, es gibt keine Überprüfung und Bewertungen. Kritiker, sogar Mitglieder Ihres Rates, sagen: Das reicht nicht.

Ich warne davor, die Regulierung so festzuzurren, dass sie wie die Steuergesetze zur Umgehung auffordert. Die Unternehmen sollten freiwillig mitmachen und es als Wettbewerbskriterium betrachten. Das tun beim Nachhaltigkeits-Kodex auch immer mehr, inzwischen sind es bereits über 60 Unternehmen, darunter große Konzerne wie RWE, VW und Telekom, aber auch Mittelständler wie der Outdoorbekleidungs-Hersteller Vaude und der Papierproduzent Steinbeis sowie öffentliche Unternehmen wie die Berliner Stadtreinigung.

Der Stromkonzern RWE ist der größte CO2-Produzent Europas. Er ist ein nachhaltiges Unternehmen? Mit dem Siegel Ihres Nachhaltigkeitsrates?

Kein Unternehmen kann ohne Ressourcenverbrauch produzieren, ein Stromversorger schon gar nicht. Irgendwoher muss der Strom kommen, und je größer das Unternehmen ist, desto mehr Strom wird beim heutigen Stand der Entwicklung noch aus nicht regenerativen Energien kommen. Das bedeutet entweder hohen CO2-Ausstoß oder aber die Nutzung von Atomkraft. Aber auch ein Konzern wie RWE kann nachhaltiger werden. Wenn ein Unternehmen die Konformitätserklärung zu unserem Kodex abgibt, bedeutet das: Er ist auf dem Weg dazu. Im übrigen ist der Nachhaltigkeits-Kodex kein Siegel, sondern eine Selbstauskunft.

RWE sollte seine Braunkohle-Kraftwerke herunterfahren, statt damit neue CO2-Rekorde aufzustellen.

Dass die Braunkohle boomt, ist eine Folge der Rahmenbedingungen auf dem staatlich regulierten Strommarkt. Diese muss der Staat so justieren, dass der CO2-Ausstoß sinkt. Das lässt sich nicht über einen Nachhaltigkeits-Kodex regeln.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Es soll die Möglichkeit geben grün zu investieren.

100 Prozent Recycling in allen Branchen

Nehmen wir das Beispiel Textilindustrie: Würden höhere Löhne und bessere Arbeitsstandards in der Produktionsländern wie Bangladesch oder Vietnam vorgeschrieben, würden die T-Shirts und Hosen in unseren Läden kaum teurer. Warum soll das nicht sinnvoll sein?

Die Bedingungen in den jeweiligen Produktionsländern sind sehr unterschiedlich und kompliziert und staatliche Einflussmöglichkeiten, wie wir sehen, begrenzt. Daher erscheint es mir sinnvoll, die Unternehmen regeln das verantwortlich. Es gibt ja bereits eine Vielzahl an Ökofair-Labels für Textilien, die entsprechende Standards vorschreiben. Selbst Billig-Ketten wie C & A, H & M und Kik sehen sich gezwungen, damit zu arbeiten.

Der Staat muss Druck machen, damit die Unternehmen sich bewegen, etwa durch Mittel wie den Nachhaltigkeits-Kodex. Aber er weiß auch nicht in allen Bereichen besser als die Hersteller, was nachhaltig ist. Wenn ich als Investor erkennen kann, dass ein Unternehmen dank zertifizierter Produktion mehr Gewinn macht oder mehr in Forschung investieren kann, wird es für mich attraktiver. Das ist ein bisher wenig beschrittener Weg, um auch die Nachhaltigkeit voranzubringen.

Der Kodex soll Investoren, etwa Fondsmanagern oder Aktionären, die Möglichkeit geben, gezielt „grün“ zu investieren. Eine Studie dazu zeigte 2013, dass nur fünf Prozent der Akteure am Kapitalmarkt ihn überhaupt kennen.

Es gibt ihn ja auch erst seit knapp zwei Jahren, und wir arbeiten gezielt daran, den Kodex bekannter zu machen.

Welche Rahmenbedingungen muss der Staat sonst noch setzen, damit unser Land zukunftsfähig wird? Was wünschen Sie sich?

Praktisch in jedem Politikfeld gibt es Stellschrauben. Beim Design des Strommarkts, bei der Frage, ob mehr Straßen oder mehr Schienenwege gebaut werden, oder bei den Vorgaben für das Recycling von Produkten. Zentral wäre eine ökologische Finanz- und Steuerreform. Energie und Ressourcen stärker zu besteuern und dafür die Kosten der Arbeit zu entlasten, ist immer noch eine richtige Idee. Wir müssen einen Rahmen schaffen, durch den Unternehmen belohnt werden, wenn sie mit weniger Energie- und Ressourcenaufwand produzieren.

Ihr Rat fordert, eine komplette Kreislaufwirtschaft zu etablieren. Das heißt: 100 Prozent Recycling in allen Branchen. Ein ambitioniertes Ziel. Ist das überhaupt zu schaffen?

Am wichtigsten ist die Vermeidung von Abfall. Hier können wir viel mehr machen. Dazu braucht es aber eine Änderung der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Wir müssen die Einsammlung, Trennung und Verwertung von Abfällen, die eigentlich Wertstoffe sind, verbessern. Zudem wäre es wichtig, die Verbrennung von Reststoffen zu reduzieren. Die thermische Verwertung der Verpackungsmaterialien, sprich die Verbrennung, ist aus meiner Sicht eine aberwitzige Verschwendung von Ressourcen.

Wenn die vorhandenen Müllverbrennungsanlagen abgeschrieben sind, können sie auch abgeschaltet werden. Auch müssen wir dafür sorgen, dass kleine Elektro- und Elektronikgeräte nicht wie bisher meist im normalen Müll landen – zum Beispiel, indem beim Kauf der Geräte ein Pfand erhoben wird, der beim Abgeben in Sammelzentren erstattet wird. Wir wissen, dass Millionen Alt-Handys in Schubladen liegen. Die Rohstoffe darin können zurückgewonnen werden. Sie dürfen nicht verlorengehen.

Das alles wird kaum genügen, um 100 Prozent Recycling zu erreichen.

Nein. Hinzu müssen Vorschriften kommen, die die Hersteller verpflichten, ihre Geräte so zu bauen, dass sie gut demontiert und verwertet werden können. Nicht nur die Produktion muss effizient geplant werden, sondern auch die Recyclingfähigkeit. Das ist bisher meist nicht der Fall. Es gibt Vorschriften zu Sicherheit, die jeder Hersteller einhalten muss. Das muss beim Produktdesign auch möglich sein – mithilfe zum Beispiel einer EU-weiten Ökodesign-Richtlinie.

Im Moment überdeckt die heiße Diskussion über die Energiewende solche Ideen. Sie im Nachhaltigkeitsrat müssten gegensteuern.

Das tun wir, indem wir darauf hinweisen, dass Maßnahmen zur Effizienzsteigerung bisher ausgeblieben sind, dass die Chancen der Energiewende aus dem Blick geraten und dass es eine Verantwortung aller für das „Gemeinschaftswerk“ Energiewende gibt. Außerdem: Die Reduktion der Energiewende auf eine Debatte über den Strompreis war und ist falsch. Das schadet der Debatte. Man muss wissen: Die Kosten der anderen Energieträger sind zum Teil stärker gestiegen als die der Elektrizität. Darüber redet kaum jemand.

Die Strompreis-Debatte ist von Politik selbst stark befördert worden, der frühere Bundesumweltminister Peter Altmaier (CDU) hat sich damit profiliert. Er hat Mondzahlen in die Welt gesetzt – das EEG koste eine Billion Euro oder mehr.

Zuerst kam die Debatte aus der Wirtschaft, von den Interessenverbänden, dann ist die Politik eingestiegen – und die Journalisten haben sich auch einspannen lassen.

Nicht alle.

Das Ziel ist jedenfalls eine komplette Energiewende und nicht nur billiger Strom. Um die Debatte allerdings von den „Altlasten“ zu befreien und mehr Chancen der Energiewende aufzugreifen, stimme ich Vorschlägen zu, die über die EEG-Novelle der Bundesregierung hinausgehen: Die EEG-Kosten aus den bisher mit den Ökostrom-Produzenten geschlossenen Einspeiseverträgen sollten in einen Fonds ausgelagert werden, dessen Rückzahlung gestreckt wird. Modell dafür ist zum Beispiel der Fonds, in den nach der Wiedervereinigung die Altschulden der DDR-Wohnungswirtschaft aufgefangen wurden. Die Idee dieses Kostenschnitts stammt von Ex-Bundesumweltminister Klaus Töpfer (CDU) und unserem Generalsekretär Günther Bachmann.

Die bayerische Wirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) hat ihn aufgegriffen – und bekam dafür eine kräftigen Rüffel von ihrem Chef Horst Seehofer.

Das heißt nicht, dass man nicht darüber diskutieren darf. Ich habe starke Sympathien für den Vorschlag. Er würde die unselige Debatte, die der dringend nötigen Energiewende ein schlechtes Image gegeben hat, endlich beenden.

Interview: Joachim Wille

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