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Energiewende „Lieber Kühlschrank-Abwrackprämie statt Sozialtarif“

Felix Mathes, Energieexperte des Öko-Instituts, spricht im Interview über die EEG-Umlage und einen Sozialtarif für Strom

10.10.2012 19:47
Windpark zwischen Husum und Niebüll (Schleswig-Holstein). Foto: dpa

Herr Matthes, Sie werden mit Ihrer Familie nächstes Jahr rund 50?Euro mehr für den Strom zahlen müssen, weil Ökostrom boomt und die im Erneuerbaren Energien-Gesetz (EEG) festgeschriebene Umlage stark steigen wird. Wie finden Sie das?

Es ist okay, weil gleichzeitig die Preise an der Strombörse durch den üppiger fließenden Ökostrom gesunken sind. Das heißt: Die tatsächliche Strompreis-Steigerung ist nicht so hoch, wie es den Anschein hat. Wir müssen berücksichtigen, dass 20 Prozent der EEG-Umlage dadurch entstehen, dass Teile der Industrie davon ausgenommen sind und nichts zahlen müssen.

Von sinkenden Börsenpreisen profitieren aber nur Stromkunden, die zu einem billigeren Anbieter wechseln.

Richtig. Das sollten sie deswegen unbedingt tun. Die Spannen vom billigsten bis zum teuersten Stromanbieter sind – auch bei Grünstrom-Angeboten – sehr groß. Man kann bis zu fünf Prozent sparen.

Trotzdem: Sollte man das Tempo der Energiewende bremsen, um die Lage an der Kostenfront zu entspannen?

Nein. Es ist eine Illusion zu glauben, dass die Strompreise dann spürbar weniger steigen würden. Man muss wissen: Das Erneuerbare Energien-Gesetz bewirkt, dass Investitionen in Kraftwerke, die ohnehin anstehen, vorgezogen und „ökologisiert“ werden. Auch ohne EEG müssten über kurz oder lang viele neue Anlagen gebaut werden, weil der deutsche Kraftwerkspark überaltert ist. Der Strompreis an der Börse ist jetzt niedrig, weil dort nur die Kosten für CO2-Zertifikate und Brennstoffe berücksichtigt werden. Investitionen können damit nicht refinanziert werden. Wer den Menschen vorgaukelt, das werde so bleiben, macht ihnen etwas vor.

Aber eine soziale Schieflage hat das EEG doch. Kritiker sagen: Der Zahnarzt profitiert von seiner Solaranlage auf dem Dach, die Hartz-IV-Familie zahlt die EEG-Umlage. Ist das okay?

Insgesamt ist das Interesse an Investitionen in Ökostrom-Anlagen bereits sehr breitgestreut. Der EEG-Boom wird von der Mittelschicht getragen, wobei auch Bürger mit nicht so hohem Einkommen investieren. Hausdach-Solaranlagen sind nicht mehr teuer, und es gibt Bürgerwindparks, an denen man sich auch mit kleineren Summen beteiligen kann. Allerdings muss strikt darauf aufgepasst werden, dass die Umlagekosten nicht aus dem Ruder laufen. Darauf hat die Politik in den vergangenen Jahren nicht genügend geachtet – etwa als der Zubau von Solaranlagen alle Rekorde brach und die Einspeisevergütungen nicht rasch genug angepasst wurden.

Aber Familien mit wenig Geld trifft die Strompreiserhöhung hart ...

Das streite ich nicht ab.

Sollte man für sie einen Sozialtarif für Strom einrichten?

Nein, das macht man ja auch bei Heizöl oder Erdgas nicht, wo die Preise ebenfalls kräftig gestiegen sind. Richtig ist es, die Steigerungen, wenn sie zu hart sind, wie bei den Heizkosten, etwa über das Wohngeld abzufedern. Außerdem sollte man einkommensschwachen Haushalten helfen, Strom einzusparen – etwa durch Förderprogramme, zum Beispiel Zuschüsse, damit sie ihren alten Stromfresser-Kühlschrank ersetzen können. Solche Programme können nach den bisherigen Erfahrungen sehr erfolgreich sein.

Die FDP fordert aber: Weg mit dem Kostentreiber Erneuerbare Energien-Gesetz. Sie will ein Quotenmodell, das den Netzbetreibern vorschreibt, steigende Mengen Ökostrom im Strommix zu haben. Wäre das besser?

Das Quotenmodell ist nicht durchdacht. Es fördert immer nur die zum jeweiligen Zeitpunkt günstigste Öko-Energie. Wir hätten zum Beispiel ab sofort keinen Zubau von Solarstrom-Anlagen und Offshore-Windparks mehr; alles würde sich auf die Windkraft an Land konzentrieren. Das aber brächte am Ende höhere Gesamtkosten mit sich. Kurzfristig würden Netzengpässe massiv steigen, langfristig würde deutlich mehr teure Speicherkapazität nötig, als wenn man auch die Offshore-Windkraft ausbaute, die viel gleichmäßiger Strom liefert. Außerdem käme es dann nicht zu den erwarteten Kostenreduktionen bei Offshore-Anlagen, die in den nächsten zehn Jahren 40 Prozent betragen können. Es ist daher kein Wunder, dass Großbritannien, das die Quote ausprobierte, sie nun nach vielen Reparaturversuchen wieder abschafft.

Das EEG war das weltweit erfolgreichste Modell, um Windkraft, Solar- und Biomasseanlagen in den Markt zu bringen. Doch jetzt haben wir bereits 25 Prozent Ökostrom im Netz. Ist gar kein Umbau nötig?

Doch, unbedingt. Das EEG mit seinen festen, für 20 Jahre garantierten Einspeise-Vergütungen kann nicht bleiben, wie es ist. Aber es darf kein Hau-Ruck-Umbau sein.

Aber wie genau?

Wir brauchen einfachere und angepasstere Modelle. Bei der Offshore-Windkraft könnte die Förderung versteigert werden, damit der jeweils günstigste Investor zum Zuge kommt. Bei Biogas-Anlagen bietet sich an, statt fester Vergütung einen Aufschlag pro Kilowattstunde auf den vom Betreiber erzielten Marktpreis zu zahlen. Bei dezentralen Technologien wie Windkraft an Land und Solarenergie wäre es sinnvoll, die Vergütung zu splitten – in eine feste Vergütung und einen Anteil, der steigt, wenn der produzierte Strom wirklich gebraucht wird.

Das klingt kompliziert. Aber können die Zusatzkosten für die Bürger dadurch denn gesenkt werden?

Es ist nicht komplizierter als das bisherige EEG mit seinen vielen Sonderregeln, aber es spart durchaus Kosten und fördert Technologien zielgerichtet, damit sich ein sinnvoller Strommix ergibt.

Kann denn sichergestellt werden, dass die Energiewende weiterhin von vielen, auch privaten Investoren getragen wird? Oder braucht man jetzt einfach die Großkonzerne, um die Aufgabe zu stemmen?

Man braucht auch die Stromkonzerne, um Milliardeninvestitionen wie bei der Offshore-Windkraft zu finanzieren. In den anderen Bereichen aber muss die Breite der Investoren erhalten bleiben, die viele Vorteile hat, etwa das Risiko breit streut. Neue Modelle müssen das berücksichtigen. Ergo: Schnellschüsse beim EEG-Umbau verbieten sich. Reformverweigerung aber auch.

Das Gespräch führte Joachim Wille.

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