Lade Inhalte...

Energiewende Energiesparen ist kein Hexenwerk

Die Energiewende hängt nicht nur am Ökostrom, sondern auch an dessen intelligenter und sparsamer Nutzung – doch dafür ist eine neue Planungskultur erforderlich.

13.02.2017 14:21
Jede dritte Kilowattstunde Strom wird bereits mit erneuerbaren Energien produziert, vor allem mit Wind und Sonne. Foto: dpa

Alles bestens bei der Energiewende? „Weiter auf Zielkurs“ sei Deutschland, befand Sigmar Gabriel unlängst. Da war der SPD-Politiker noch Bundeswirtschaftsminister, und zumindest die Energie-Welt schien für ihn noch in Ordnung. Man habe die richtigen Rahmenbedingungen für den „weiteren dynamischen Ausbau der Erneuerbaren“ geschaffen, sagte Gabriel stolz bei der Vorlage des turnusmäßigen „Fortschrittsberichts“ zu diesem Thema im Bundeskabinett.

Umwelt- und Klimaschützer sahen und sehen das ganz anders. Das erstaunt nicht – schon angesichts des Einbruchs bei der Solarenergie und des vielen Kohlestroms im Netz. Doch auch die vom Wirtschaftsministerium selbst eingesetzte Expertenkommission, die den Umbau im Energiesektor regelmäßig begutachtet, senkt den Daumen. Ihr ebenso hartes Urteil lautet: Zentrale Klimaschutzziele der Regierung würden „mit großer Sicherheit verfehlt“, so die vierköpfige Gruppe um Professor Andreas Löschel aus Münster.

Die größte Peinlichkeit für das Erfinderland der Energiewende droht 2020. Eigentlich lautet die Ansage, dass der Treibhausgas-Ausstoß bis dahin um 40 Prozent gegenüber dem Basisjahr 1990 liegen soll. Doch das ist kaum mehr zu schaffen. Derzeit sind erst 27 Prozent erreicht, und es verbleiben nur noch drei Jahre, um die restlichen 13 Prozentpunkte hereinzuholen. Das bedeutet, das Tempo der CO2-Einsparung müsste vervierfacht werden. Die Löschel-Kommission: „Aus heutiger Sicht ist nicht zu erkennen, wie die Bundesregierung das erreichen möchte.“

Dabei ist die 2020-Marke nur ein Zwischenziel. Bis Mitte des Jahrhunderts müssen die Emissionen praktisch ganz auf Null sinken. Das heißt, die Energiewende darf nicht nur nicht abgebremst werden, sie braucht sogar einen Turbo. Drei zentrale Baustellen hat die Energiewende – Stromproduktion, Verkehr, Gebäudeheizung. Doch bisher läuft es nur bei der Elektrizität einigermaßen im Plan. So wird bereits jede dritte Kilowattstunde Strom mit erneuerbaren Energien produziert, vor allem mit Wind und Sonne. Der Verkehr hingegen hat seit 1990 noch überhaupt nichts zur CO2-Einsparung geleistet, und im Wärmesektor ist der Fortschritt viel zu langsam. Hinzu kommt das generelle Problem, dass zu wenig für die sparsame, effiziente Energienutzung getan wird. So dürfte auch das Ziel der Bundesregierung verfehlt werden, den deutschen Primärenergie-Verbrauch bis 2020 um 20 Prozent gegenüber dem Stand von 2008 zu senken. Geschafft sind, witterungsbedingte Schwankungen herausgerechnet, nämlich erst 6,3 Prozent.

Der stufenweise Atomausstieg und der schnelle Zubau beim Ökostrom waren schon eine Herkulesaufgabe, aber ohne wirklichen Systemwechsel möglich. Nun kommt die Energiewende aber in die zweite und weitaus schwierigere Phase. Dazu liegen nun Ergebnisse des großen Forschungsprogramms „Transformation des Energiesystems“ vor, das 2014 von Bundesforschungsministerin Johanna Wanka (CDU) gestartet wurde.

„Jetzt muss der Übergang zur Energiewende 2.0 kommen“, sagt Professor Rainer Grießhammer vom Öko-Institut in Freiburg, der Co-Koordinator der 33 Forschungs- und Entwicklungsprojekte des Programms ist. Das sei nicht nur aus Klimaschutzgründen nötig, sondern auch, weil Deutschland sonst die Technologieführerschaft und den Anschluss in den Zukunftsmärkten zu verlieren drohe. Zentrale Anforderungen sind danach:

- besser abgestimmte Planung der Energiewende von der Kommune bis zum Bund,
- breitere und aktive Beteiligung der Bürger,
- Beschleunigung des Ausbaus der erneuerbaren Energien und ihre Netzeinbindung,
- Ausstieg aus der Kohle,
- gezielte Steuerung des Stromverbrauchs (Demand-Side-Management),
- Beschleunigung der energetischen Gebäudesanierung mit zielgenauerer Förderung,
- Umsteuern in der Mobilität,
- konsequente Steigerung der Energieeffizienz.

Die sparsamere, intelligente Energienutzung in allem Bereichen ist vor allem auch deswegen nötig, weil der Bedarf an klimaneutralem Strom in der „Energiewende 2.0“ sonst förmlich explodieren würde. Strom wird künftig auch im Verkehr und für die Raumwärme in viel stärkerem Maße als heute gebraucht – vor allem für Elektro-Autos, strombetriebene Wärmepumpen, die Häuser beheizen, und für die Herstellung von Wasserstoff oder Methan als speicherbare Energieträger. Experten schätzen, dass der Strombedarf für eine vollständige „Dekarbonisierung“ der drei Sektoren bis auf das Doppelte des heutigen Verbrauchs ansteigen wird – wenn gleichzeitig die sparsame Energienutzung kräftig gepusht wird. Gelingt das nicht, würde noch deutlich mehr Strom gebraucht. „Es muss also erstens das Energiesparen forciert und zweitens für mehr Unterstützung der Ökoenergien, vor allem der Windkraft, geworben werden“, sagt Grießhammer.

Dass das Energiesparen kein Hexenwerk ist, zeigt beispielhaft eine der Energiewende-Studien, die vom Frankfurter Institut für sozial-ökologische Forschung (ISOE) zum Stromverbrauch in Privathaushalten durchgeführt wurde. Diese könnten bereits mit wenig Aufwand und schon im ersten Jahr bis zu zehn Prozent Strom sparen – und zwar ohne Komfortverlust. Tipps sind der Umstieg auf LED-Beleuchtung und Wassersparbrausen, die Änderung der Voreinstellung bei Geräten (Kühlschrank-Temperatur, Heizungspumpe), das Abschalten alter und wenig genutzter Zweit- und Drittkühlgeräte sowie der Ersatz ausgedienter Haushaltsgeräte (Kühl- und Gefriergeräte, Wäschetrockner). „Den Anstoß dazu gibt unsere Stromeffizienzklassen-Tabelle, die es erlaubt, den eigenen Stromverbrauch zu bewerten“, sagt Projektleiter Immanuel Stieß vom ISOE, „sie müsste eigentlich jeder Stromrechnung beigelegt werden.“ Denn den meisten Haushalte klagten zwar über hohe Stromkosten, 70 Prozent von ihnen könnten aber gar nicht beziffern, was sie bezahlen, geschweige denn, was sie einsparen können, so der Forscher.

Hohe Einsparpotentiale gibt es auch bei Industrieprozessen, im Gebäudebereich und bei der Mobilität. Grießhammer rechnet aber trotzdem damit, dass ein Teil der zusätzlich erforderlichen Stromerzeugung im Ausland aufgebaut werden wird, wo der grüne Strom billiger und in größeren Mengen „geerntet“ werden kann – wie etwa in Nordafrika und im Nahen Osten. Man könne von dort Strom per Fernleitung holen, alternativ Wasserstoff oder Methan herstellen und letztere dann per Tanker oder Pipeline hierher schaffen lassen, erläutert der Freiburger Forscher. „Das wird ganz neue Debatten auslösen – und zwar zu Recht“, sagt er voraus. Denn einerseits würde Deutschland sich energetisch erneut von politisch instabilen Regionen abhängig machen, anderseits könnte damit eine verlässliche und günstige Energieversorgung für die Lieferländer selbst aufgebaut werden.

Auffällig ist bei den 33 Projekten: Es zeigt sich immer wieder viel Rosinenpickerei der Energiewende-Akteure, die künftig überwunden werden muss. Beispiele: Man will zwar die Energiewende, aber keine Windkraft vor Ort. Oder viel Windkraft im Norden, aber keinen Netzausbau in den Süden. Man will eine 100-Prozent-Erneuerbare-Region sein, die dann automatisch entstehenden hohen Stromüberschüsse aber in andere Regionen exportieren. Oder: Gewünscht sind weniger Kosten bei der Energiewende, aber bei lokalem Widerstand gegen den Netzausbau werden teure Erdleitungen beschlossen. Man will die Belastung der Bürger durch die EEG-Umlage senken, aber genehmigt der Industrie, Großbäckereien und Golfclubs Ausnahmen in Milliardenhöhe.

„So geht es nicht weiter“, warnt Grießhammer. „Viele haben wohl gedacht“, meint er sarkastisch, „dass bei der Energiewende einfach Ökostrom statt Atomstrom aus der Steckdose kommt und sonst nichts passiert. Aber bei der Energiewende 2.0 kann sich keiner mehr aus der Verantwortung stehlen.“

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum