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Energiewende Der Kampf der Bürger gegen die Monstertrassen

Keiner hat die wichtigen Stromtrassen gerne vor der eigenen Haustüre. Daher muss die Energiewende wieder stärker dezentral werden, damit die Bürger auch künftig hinter dem Projekt stehen.

20.02.2017 16:32
Genreal view of electricity pylons and power lines leading from the Uniper coal power plant in Hanau
Das Uniper-Kohlekraftwerk bei Hanau und die mit ihm verbundenen Stromleitungen bei Sonnenaufgang Foto: reuters

User „Nobert W.“ ist sauer. Er ärgert sich über den von den vier Netzbetreibern Tennet, Amprion, 50 Hertz und Transnet BW geplanten Ausbau der „Strom-Autobahnen“ für die Energiewende. Ob der denn wirklich notwendig sei, fragt der Leser in der Kommentarspalte des bayerischen Nachrichtenkanals BR24 – nämlich „bei DEZENTRALER Stromerzeugung“.

Für Kommentator „Jeffrey Michel“ wiederum ist sowieso klar, warum eine dieser „Monstertrassen“ von Sachsen-Anhalt nach Bayern gebaut werden soll – nicht für die grüne Elektrizität, sondern um mehr „Lausitzer Braunkohlestrom über diese Route nach Süddeutschland“ zu schicken. Und „Lexikon Hartman“ sieht bei den Netzplänen „Monopolisten am Werk“. Die Netzbetreiber hätten die Politiker „mit Windstrom-Märchen vom Norden in den Süden über den Tisch gezogen“, und nun werde ein überdimensionierter Leitungsbau durchgezogen.

Stromtrassen werden gebraucht

Stromtrassen werden gebraucht, das ist klar. Nur: Keiner hat sie gerne vor der eigenen Haustür. Der Atomausstieg und der Umstieg auf die erneuerbaren Energien erfordern einen Umbau des Elektrizitätsnetzes, auch das ist klar. Denn die bisherige Ausrichtung der Netze auf die großen, zentralen Kraftwerke – Atom und Kohle – wird obsolet. Dafür müssen mehrere Dutzend Offshore-Windparks, zigtausende Windräder an Land sowie hunderttausende Solarstrom-Anlagen angeschlossen werden. Und vor allem: Der produzierte Ökostrom muss auch zu den Verbrauchsschwerpunkten gebracht werden.

Obwohl bereits ein Drittel des in Deutschland verbrauchten Stroms aus erneuerbaren Energien stammt, funktioniert das noch mit einem bisher nur wenig ergänzten Fernleitungsnetz, wenngleich mit hohem Regelaufwand. Von den 2009 geplanten 1876 Kilometern neuer Leitungen waren Ende 2016 erst weniger als 700 geschafft. Bei der „Energiewende 2.0“, die den Grünstromanteil bis 2050 auf 100 Prozent anheben muss, sieht das anders aus. Laut ihrem jüngst vorgelegten Netzplan-Entwurf für 2030/2035 wollen die Netzbetreiber in drei Korridoren neue Nord-Süd-Höchstspannungsleitungen in Gleichstromtechnik bauen, die die Hauptschlagadern der Energiewende bilden sollen. „A-Nord“, „Süd-Link“ und „Süd-Ost-Link“ heißen die umstrittenen Projekte, die zusammen rund 2500 Kilometer Neubau-Trasse bedeuten. Wegen des Bürgerprotests werden sie zumeist als Erdkabel geplant, die im Schnitt fünfmal so teuer sind wie Freileitungen. Rund 17 Milliarden Euro veranschlagen die Netzbetreiber dafür.

Beschlossen ist noch nichts. Zu dem Ende Januar veröffentlichen neuen Vorschlag für den Netzplan beginnt nun die „öffentliche Konsultation“. Bürger können Einwände erheben und Alternativen vorschlagen. Und tatsächlich zeigt eine aktuelle Studie des Öko-Instituts Freiburg („Transparenz Stromnetz“), dass es möglich wäre, zumindest einen Teil des geplanten Netzausbaus durch andere Maßnahmen zu ersetzen.

„Man könnte zum Beispiel auf eine der drei Stromautobahnen verzichten“, sagt Studienautor Dierk Bauknecht, den in Bayern besonders umstritten Süd-Ost-Link. Die Frage ist aber, ob die Alternativen besser und mehr akzeptiert wären. So müssten dann zusätzliche Kraftwerke in Süddeutschland gebaut werden, damit dort genug Strom verfügbar ist – entweder Wind- und Solaranlagen mit den zugehörigen Speichern oder Erdgas-Kraftwerke. Und auch in den Nachbarländern wären Anpassungen notwendig. „Das könnte vor Ort auch wieder Proteste auslösen“, meint Bauknecht, „und im Fall der Windkraft kollidiert das auch mit der Plänen der bayerischen Landesregierung, die den Zubau stark gebremst hat.“

Der Streit über die Netze ist nur einer von vielen Konflikten. Generell zeigte sich in dem groß angelegten Forschungsprojekt des Bundesforschungsministeriums (BMBF) „Umwelt- und gesellschaftliche Transformation des Energiesystems“, zu dem „Transparenz Stromnetz“ gehört, ein großes Manko: Bürger, Politiker und Wirtschaft sind sich zwar einig, dass die Energiewende fortgeführt werden soll. Eine repräsentative Umfrage aus dem vorigen Jahr von TNS Emnid ergab sogar einen erstaunlichen Zustimmungswert von 93 Prozent. Doch wie genau sie aussehen soll, ist ungeklärt. Es fehlt ein klares Leitbild. Die offenen Fragen: Wie zentral oder dezentral soll die Energiewende ausgestaltet werden? Will man mehr Windkraft oder mehr Photovoltaik? Soll es eine Energiewende der Bürger, der Stadtwerke oder der vier großen Stromkonzerne sein oder eine Mischung aus all dem?

Umfragen und mehrere Untersuchungen, die im Rahmen des Großprojekts gemacht wurden, zeigten: Vielen Bürgern ist Partizipation und Regionalität beim Bau von Ökoenergie-Projekten sehr wichtig – also eine stärker dezentrale Ausrichtung der Energiewende. Das heißt: Ihre Zustimmung zu dem Umbau im Energiesystem wächst, je stärker sie selber vor Ort mitbestimmen können und möglicherweise auch an den Erträgen von Wind- oder Solarkraftwerken beteiligt werden. „Insbesondere Kommunen und Stadtwerke können für die Beteiligung der Bürgerschaft an der Energiewende eine Vorreiterrolle übernehmen“, urteilt ein Team des Fraunhofer Instituts für Solare Energiesystem (ISE) in Freiburg. Auch Energiegenossenschaften, die seit Einführung der EEG-Förderung im Jahr 2000 in großer Zahl entstanden sind, passen in dieses dezentrale Muster. Allerdings hat die 2014 erfolgte Novellierung des EEG die Bürgerenergie-Gesellschaften deutlich gebremst.

Derzeit läuft, von der schwarz-roten Bundesregierung gepusht, ein Rollback zu mehr Zentralisierung. Die Energiewende wird wieder stärker auf die vier großen Stromkonzerne Eon/Uniper, REW/Innogy, Vattenfall und EnBW sowie andere große Player zugeschnitten, die seit 2000 Marktanteile an die dezentralen neuen Stromanbieter – vom Hausbesitzer mit Solaranlage bis zum Bürgerwindpark – verloren haben. Ein kritischer Rollback. „Die Politik ist gut beraten, wenn sie den Wunsch der Bürger nach mehr Dezentralität berücksichtigt“, warnt Professor Matthias Bergmann vom Frankfurter Institut für sozial-ökologische Forschung (ISOE), einer der beiden Koordinatoren des BMFB-Forschungsprojekts. Nur so könne auch die Zustimmung für die „Energiewende 2.0“ gesichert werden.

Ein Allheilmittel für gesellschaftliche Konflikte ist die dezentrale Variante der Energiewende freilich nicht. Die Widerstände gegen neue Stromtrassen oder Windparks sind auch so massiv, weil die Bundesrepublik schon vorher ein ziemlich zugebautes Land war. Protest gegen neue Straßen und Siedlungen oder Flughafenausbau gibt es schon lange, doch nun kommen vor allem mit der Windkraft und dem Netzumbau weitere flächenintensive Infrastrukturen hinzu.

Hier setzt das Forschungsprojekt „VerNetzen“ des Berliner Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung (IZT) an. Eine IZT-Arbeitsgruppe ermittelte, in welchen Regionen die heutige und künftige Belastung durch Infrastruktur bereits eine Grenze erreicht hat, die man nicht überschreiten sollte. Diese Gebiete wären für die Planer der Energiewende tabu. In dem Projekt entstand ein Computermodell, mit dem eine Art „Akzeptanz-Landkarte“ für Öko-Energie-Anlagen erstellt werden kann. So ist es zum Beispiel möglich, Windräder bundesweit so zu verteilen, dass die Belastung der Bürger erträglich bleibt und zudem Naturparks freigehalten werden können.

Das Öko-Institut zeigte in seiner „Transparenz“-Studie, dass in einem dezentralen Szenario für das Jahr 2025 im Schnitt immerhin zwei Drittel der Strom-Nachfrage durch regionale Kraftwerke abgedeckt werden können. Daraus folgt allerdings nicht, dass automatisch auch entsprechend weniger Netzausbau notwendig ist. Experte Bauknecht: „Trotz des dezentralen Ansatzes werden in unseren bisherigen Szenarien alle Neubauleitungen des Netzentwicklungsplans so weit ausgelastet, dass sie nach den Kriterien dieses Plans erforderlich sind.“ Welches Netz für ein dezentrales Szenario optimal geeignet wäre, untersuchen Bauknecht und Co. derzeit.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Atomausstieg

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