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Energiekonzerne "Die Oligarchen müssen zurückstecken"

Stadtwerke-Lobbyist Hans-Joachim Reck will die Macht der vier großen Energiekonzerne brechen. Im FR-Interview erklärt er, warum.

20.08.2010 17:37
Hans-Joachim Reck

Die Kanzlerin ist auf Energie-Reise. Welche Stationen empfehlen Sie ihr?

Ich finde es gut, dass sich die Bundeskanzlerin anschaut, was bei erneuerbaren Energien technisch möglich ist. Was mich freut ist, dass Umweltminister Norbert Röttgen sie teilweise begleitet. Das stärkt die Position des Bundesumweltministers. An solchen Signalen hat es in der Vergangenheit gemangelt.

Was macht Sie zum Röttgen-Fan?

Für Minister Röttgen sind die kommunalen Unternehmen die strategischen und natürlichen Partner für eine integrierte Umwelt- und Klimaschutzpolitik , die in die Zukunft weist.

Aber die vier Atomkonzerne – Eon, RWE, Vattenfall, EnBW – setzen Röttgen gehörig unter Druck, drohen sogar damit, die Kernkraftwerke kurzfristig abzuschalten.

Ich will das nicht weiter kommentieren. Die Konzerne hatten schon in der Vergangenheit Kommunikationsprobleme. Jetzt haben sie es geschafft, innerhalb kürzester Zeit alle gegen sich aufzubringen.

Trotzdem spricht vieles dafür, dass die Atomkonzerne eine Laufzeitverlängerung durchsetzen, zumal sich jetzt auch noch mächtige Dax-Chefs und einflussreiche Industrie-Lobbyisten in einer Anzeigenkampagne dafür stark machen.

Ich halte eine solche, einseitig an den wirtschaftlichen Interessen orientierte Aktion nicht für hilfreich. Bei den anstehenden energiepolitischen Entscheidungen müssen alle Ziele, wie Klimaschutz, Versorgungssicherheit und Preiswürdigkeit der Energie Berücksichtigung finden. Mit pauschalen Aussagen in einer Anzeigenkampagne wird man der Komplexität der Sachverhalte nicht gerecht. Ich fürchte, diese Aktion wird den Akteuren mehr schaden als nutzen.

Dennoch, was bedeutet eine Laufzeitverlängerung für die Stadtwerke in Deutschland?

Laufzeiten sollten nur verlängert werden, wenn es zu einem Marktausgleich bei der Stromproduktion zugunsten der Stadtwerke als dem energiepolitischen Mittelstand kommt. Bereits getätigte Investitionen in dezentrale Produktionsstrukturen dürfen nicht gefährdet werden; Neuinvestitionen müssen rentabel bleiben.

Aber war es nicht reichlich naiv, blind mit dem Atomausstieg zu kalkulieren? Schon vor Jahren war klar, wenn Schwarz-Gelb kommt, kommt auch der Ausstieg vom Ausstieg.

Wenn getätigte Investitionen nicht mehr rentierlich sind, weil eine Vereinbarung zwischen Politik und Energiebranche aufgekündigt wird, dann darf man ja wohl öffentlich intervenieren. Zumal wir die große Sorge haben, dass sich bei einer Laufzeitverlängerung das Oligopol beim Strom verstärkt – schon jetzt kontrollieren die großen Vier etwa 75 Prozent der Stromerzeugung.

Sie sind von Hause aus Christdemokrat. Doch das hört sich richtig klassenkämpferisch an.

Ich bin Hauptgeschäftsführer des VKU und arbeite überparteilich. Ordnungspolitisch bin ich der kommunalen Selbstverwaltung sowie der sozialen und ökologischen Marktwirtschaft verpflichtet. Bei Gesprächen mit ranghohen Vertretern der Regierung habe ich immer wieder gehört: Ach, das mit den Stadtwerken, das wird sich schon zurecht ruckeln. Ich meine: So geht es nicht. Die Union lebt von der Kommunalpolitik. Sie sollte endlich erkennen, dass die Partei sich selbst schadet, wenn sie die kommunalen Unternehmen im Stich lässt. Die Bundesregierung hat die Pflicht, sich mit den Bedenken gegen das Energie-Oligopol auseinanderzusetzen, zumal die Monopolkommission und das Bundeskartellamt dies auch kritisieren.

Jetzt mal ganz konkret. Was verlangen Sie als Gegengift für eine Laufzeitverlängerung?

Wir wollen, dass dann fossile Kraftwerke mit einem Wirkungsgrad von weniger als 35 Prozent stillgelegt werden. Abschaltung der Dreckschleudern muss ein strategisches Ziel sein. Denn beim Energiekonzept muss es um die Optimierung beim Energiemix gehen. Die großen Oligarchen müssen zurückstecken und Kraftwerkskapazitäten abgeben.

Und die Stadtwerke sollen dann die fehlenden Kapazitäten ausgleichen? Womit?

Die Stärken der kommunalen Betriebe liegen eindeutig bei Anlagen mit Kraft-Wärme-Kopplung, die mit Erdgas, Kohle und Biokraftstoffen als Brennstoff arbeiten und Strom und Wärme gleichzeitig erzeugen. Das bringt den extrem hohen Wirkungsgrad von 80 bis 90 Prozent.

Liegt das Heil für die Stadtwerke einzig und allein in der Energieerzeugung?

Keiner weiß, wie sich die Preise tatsächlich entwickeln werden. Nur klar ist, die Dämpfung der Energiekosten wird künftig vor allem über eine höhere Energieeffizienz erfolgen. Der Mengenverbrauch geht schon jetzt zurück. Das bedeutet auch, dass Stadtwerke sich neu positionieren müssen. Kooperationen sind angesagt.

Muss man nicht noch größer denken und eine Dachmarke schaffen wie die Sparkassen im Bankensektor?

Da ist in der Tat mein Ziel. Wir haben mit 150 Stadtwerken vor drei Jahren eine Dachmarkenkampagne ins Leben gerufen – mit dem Slogan: „Meine Stadtwerke. Gemeinsam stark“. Das Problem ist, dass wir es in den 50er Jahren versäumt haben, ein Logo wie das Sparkassen-S in den Markt zu bringen. Das ist heute schwer nachzuholen.

Ist es nicht nötig, bundesweit zusammenzuarbeiten, um beispielsweise Broker zu beschäftigen, die im immer wichtiger werdenden Handel mit Strom an der Börse mithalten können?

Solche Strukturen gibt es bei uns schon. Viele Stadtwerke arbeiten im Unternehmen oder in Kooperationen mit eigenen Brokern und handeln an der Strombörse.

Verbraucherschützer sehen bei Energiedienstleistungen ein riesiges vernachlässigtes Feld.

Energieberatung hat gerade bei Stadtwerken eine große Tradition und eine besondere Zukunft.

Tchibo zeigt gerade, wie’s geht. Das Unternehmen verknüpft Energieberatung mit dem Verkauf von Produkten, die helfen Strom zu sparen, von der LED-Lampe bis zum verbrauchsarmen Kühlschrank.

Ich schätze den Kaffee von Tchibo. Aber Sie haben Recht. Unser Geschäftsmodell ändert sich. Ich sehe bei den Themen „intelligente Stromzähler“ und „intelligente Häuser“, also bei der Steuerung des Energieverbrauchs, gute Chancen. Solche Dienstleistungen können Verluste beim Stromverkauf ausgleichen. Hinzu kommt noch die E-Mobility. Auch da wollen wir ganz vorne sein.

Wo wollen Sie Stromtankstellen für Autos aufstellen?

Als kommunale Infrastrukturdienstleister sind wir prädestiniert, E -Mobility über den öffentlichen Raum und die von uns unterhaltenen Parkhäuser zu gewährleisten.

Ist bei intelligenten Stromzählern wirklich was zu holen? Kaum jemand will die haben, weil sie für einen Privathaushalt kaum Ersparnis bringen. Wie wollen Sie dieses Geschäft in Gang bringen?

Unsere Unternehmen haben eine Vielzahl von Modellprojekten laufen. Hier fehlen noch Standardisierungsvorgaben für die Zähler und es geht auch um die Frage, wer trägt die Kosten. Aber beim Thema Smart Metering und Smart Grids liegt eindeutig die Zukunft.

Wären Stadtwerke als Komplettanbieter, die die Sanierung von Häusern mit Wärmedämmung übernehmen und moderne Kühlschränke verkaufen, der nächste logische Schritt?

Die Beratung wird sicherlich an Bedeutung gewinnen, auch was die Finanzierung von Wärmedämmung und andere sogenannte „Contracting“-Modelle angeht. Aber Stadtwerke werden nie Heizungsbauer oder Installateure ersetzen. Das örtliche Handwerk ist unser Partner und nicht unsere Konkurrenz.

Besteht da nicht die Gefahr, dass die Entwicklung über die Stadtwerke hinweggeht? Es wird künftig intelligente Stromzähler geben, die wie elektronische Stromhändler agieren und die jeweils günstigste Elektrizität der Börse vollautomatisch einkaufen.

Ich weiß nicht, ob das so oder anders kommt. Wichtig ist aber in diesem Zusammenhang: Rosinenpickerei im großen Stil dürfen wir nicht zulassen – die Daseinsvorsorge durch die kommunale Wirtschaft muss sichergestellt bleiben. Das ist ein hohes Gut. Die Bürger müssen zu fairen Preisen mit Energie und Wasser versorgt werden. Die Müllabfuhr muss funktionieren, und Stadtwerke werden weiter lokale Buslinien betreiben.

Haben Sie Verständnis dafür, dass es Kunden gibt, die sich über diese Verknüpfung von Aufgaben ärgern? Dass sie letztlich mit überhöhten Strompreisen Busse oder Hallenbäder finanzieren, die sie niemals nutzen?

Die Strompreise sind deshalb nicht höher, sondern unsere Eignerkommunen verwenden nur die Gewinne anders als es die privaten Unternehmen tun. Wenn sie nicht auf diesem Weg Bäder oder Busse finanzieren würden, müssten sie es über höhere Steuern machen. Ich halte das jetzige System für eine faire Lösung.

Interview: Frank-Thomas Wenzel

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