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Energieeffizienz und Klimawandel „2000 Watt stehen jedem zu“

Der Energieexperte Peter Hennicke wird mit dem deutschen Umweltpreis geehrt. Ein Gespräch über klimafreundliche Lebensweisen, Geduldsfragen und wie sich die Stromkonzerne verändern müssen.

24.10.2014 09:27
Rauchende Schornsteine
Bitte weniger Kohlendioxid: Schornsteine eines Blockheizkraftwerkes des neuen Berliner Flughafens qualmen vor untergehender Sonne. Foto: dpa

Herr Professor Hennicke, man nennt Sie „Deutschlands Energieeffizienz-Papst“. Wie leben Sie denn selbst? Fahrrad statt Auto, Pullover statt Heizung, Zug statt Flug?
Ich hoffe, dass sich der Papst nicht so viele persönliche Widersprüche leistet, wie ich beim Energiesparen. Ich gebe zu: Meine Energiewende ist noch stark verbesserungsfähig.

Warum?
Meine CO2-Bilanz als „predigender Energieeffizienzpapst“ ist wegen vieler Auslandsflüge wenig vorzeigbar. Auch die CO2-Kompensation, die man etwa über Atmosfair machen kann, klappt nicht immer. Ich fahre ein Vier-Liter-Auto und wohne in einem Reihenhaus mit solar unterstützter Heizung und energiesparenden Geräten.. Reisen in Europa mache ich fast immer mit dem Zug – das ist mein noch recht bescheidener Ablasshandel für die Sünde einer zu hohen CO2-Bilanz. Die Hoffnung bleibt, dass meine weltweiten Vorträge ein wenig dazu beitragen, die Energieeffizienz und die Energiewende vor Ort voranzubringen.

Die Bundesbürger verursachen pro Kopf im Schnitt zehn Tonnen des Treibhausgases pro Jahr. Klimaforscher sagen: Mehr als zwei Tonnen pro Kopf und Jahr dürfen es für alle Erdenbürger längerfristig nicht sein, damit der Klimawandel beherrschbar bleibt. Eine Utopie?
Das ist eine machbare Vision, der wir uns schrittweise, aber viel energischer als bisher annähern können. Faszinierend und viel zu wenig beachtet ist das Schweizer Konzept der „2000 Watt pro Kopf“-Gesellschaft, das der Energieeffizienz Vorrang einräumt, so dass langfristig die CO2-Emissionen sogar auf eine Tonne pro Kopf abgesenkt werden können. Schweizer Forschungsinstitute und mein Kollege Eberhard Jochem haben die Realisierbarkeit dieser Vision im 21. Jahrhundert nachgewiesen. 340 Schweizer „Energiestädte“ haben Umsetzungskonzepte in diese Richtung beschlossen, auch in Zürich. 2000 Watt pro Kopf war der Energieverbrauch in Zürich etwa im Jahr 1960. Heute ist er mehr als dreimal so hoch; diese 6000 Watt pro Kopf entsprechen etwa dem europäischem Durchschnitt.

Sollen wir also mit 2000 Watt zurück in die „Steinzeit“ der 60er Jahre?
Ganz im Gegenteil: 2000 Watt für alle Erdenbürger wäre zukünftig für neun Milliarden Menschen auf der Erde eine naturverträgliche und verteilungsgerechte Rückkehr zum derzeitigen globalen Durchschnitt. Mit dem fundamentalen Unterschied, dass auf der Grundlage modernster Technik zukünftig eine sehr hohe Reduktion des Energie- und Materialverbrauchs pro Kopf in Industriestaaten ohne Einbuße von Lebensqualität möglich ist. Durch diese Reduktion würde im globalen Süden der Spielraum für den unabdingbaren Nachholbedarf geschaffen, ohne die „globalen Leitplanken“ beim Klima- und Ressourcenschutz weiter zu überschreiten. Das „2000 Watt“- Konzept kann ab sofort und überall durch eine Kombination aus Effizienz-Politik seitens der Regierungen auf EU-, nationaler und Landesebene und der Wirtschaft sowie Verstärkung von Suffizienz-Trends beim einsichtigen Bürger in Gang gesetzt werden.

Wenn jemand wirklich klimafreundlich leben will, was muss er tun? Was ist das Wichtigste?
Mit individuellen Verhaltensänderungen ist eine Absenkung von zehn auf fünf Tonnen CO2 pro Kopf und Jahr derzeit möglich. Dies verlangt etwa, ein bewusstes Heizen und ein kleines Auto beziehungsweise den öffentlichen Personenverkehr zu nutzen, Flugtourismus durch Inlandsreisen zu ersetzen und Haushaltsgeräte beim jeweiligen Neukauf auf Energiespargeräte umzustellen: Allein durch Letzteres kann der Stromverbrauch einer Durchschnittsfamilie auf ein Drittel reduziert werden. Hieran wird aber auch deutlich: So wichtig und beispielgebend individuelle Verhaltensänderungen auch sind, eine CO2-Reduktion auf ein bis zwei Tonnen pro Kopf verlangt weit mehr: nämlich eine „große Transformation“ aller energie- und ressourcenintensiven Infrastrukturen und Produktionsanlagen durch neue Techniken sowie eine nahezu vollständige Umstellung des Strom-, Wärme- und Verkehrssektors auf erneuerbare Energien.

Wie ist das zu schaffen?
Diesen Strukturwandel können Bürger und Bürgerbewegungen nur als „Gemeinschaftswerk“ (Ethikkommission von 2011) mit dem Stimmzettel und durch Überzeugungsarbeit in Politik und Wirtschaft erreichen. Ich vermisse da auch die Stimme der Investitionsgüter-Hersteller. Wir dürfen keine Zeit mehr verlieren: Es wird Jahrzehnte dauern, den Gebäudebestand auf Passivhausniveau zu modernisieren, jeweils effizientere Produktionsverfahren in der Industrie zu etablieren und den Verkehr aus der bedrohlichen Abhängigkeit von Öl zu befreien.

Finden Sie es auch so schlimm wie viele Politiker, wenn die Strompreise steigen?
Niemand kann sich darüber freuen, wenn Strompreise unnötig und sozial unausgewogen steigen. Steigende Strompreise bewirken nur geringe Einspareffekte, aber einen großen Akzeptanzverlust für die Energiewende. Diese Situation haben wir derzeit: Ein unnötiger Strompreisanstieg für Haushalte und kleinere Unternehmen findet statt, weil die Mehrkosten des EEG – durch zu viele Ausnahmen in der Wirtschaft – überproportional auf sie überwälzt werden. Die Vorteile des EEG, nämlich sinkende Preise an der Strombörse, werden von den Stromversorgern nicht an die Kleinverbraucher weitergegeben. Die Politik hat es versäumt, diese Effekte offenzulegen, den unvermeidlichen Strompreisanstieg durch die Energiewende zu erklären und mit Hinweis auf die dadurch mittel- und langfristig sinkenden Energiekosten offensiv zu kommunizieren.

Eine „Strompreisbremse“ ist unsinnig?
Unsinnig ist offensichtlich, einen durch Politik verursachten übermäßigen Strompreisanstieg durch politische „Strompreisbremsen“ begrenzen zu wollen. Damit würde nur Handlungsbereitschaft vorgetäuscht. Energieeffizienz-Programme wären allerdings eine überaus sinnvolle Energiepreisbremse.

Höhere Energiepreise treffen doch gerade ärmere Haushalte besonders stark...
Das ist richtig. Bei der wachsenden Energiearmut in Deutschland geht es aber vor allem auch um gestiegene Heizkosten, also um einen von der Energiewende unabhängigen Anstieg der Öl- und Gaspreise. Angesichts der generellen Zunahme der Einkommens- und Vermögensunterschiede darf die Energiewende die Armutsrisiken nicht noch weiter verschärften. Daher sind strategische Energiesparprogramme für einkommensschwache Haushalte notwendig.

Sie waren in den 1980er Jahren beim Öko-Institut einer der Miterfinder des Konzepts der „Energiewende“. Deutschland hat sie inzwischen beschlossen, quasi als Öko-Staatsziel...
Schon, aber dieses Ziel hat noch einige Hürden bei der Umsetzung vor sich. Um die Energiewende unumkehrbar zu machen, ist eine gesetzliche Regelung der Energiewende-Ziele, vor allem der Energiesparziele, sinnvoll. Durch Beschluss der Bundesregierung im September 2010 wurde ja eine, wie Kanzlerin Merkel sagte, „revolutionäre“, aber leider unverbindliche Zielvision für die Energiewende bis 2050 festgelegt. Erfreulicherweise hat die französische Regierung gerade kürzlich ein ähnlich ambitioniertes Konzept und eine schnelle Reduktion der Atomstromproduktion beschlossen.

Ist dieser Umbau des Energiesystems denn richtig konzipiert?
Hinsichtlich der Ziele ja, beim Management und bei der Vermittlung der gesellschaftlichen Dimension des Umbaus gibt es aber noch erhebliche Defizite. Die Energiewende ist ein überaus wünschenswerter sozial-ökologischer Transformationsprozess, weg von Öl, Kohle und Uran. Sie beruht auf einem unausgesprochen Generationenvertrag: Die heutige Generation gestaltet und finanziert einen ökologischen Umbau des gesamten Energiesystems, um Kinder und Enkel vor gewaltigen Lebensrisiken zu schützen: Vor den Kosten eines fossil-nuklearen Energiesystems, vor den Risiken des nuklearen Brennstoffzyklus und des Klimawandels sowie vor Energieimportabhängigkeit, Energiepreisschocks und Verstrickung in weltweite Ressourcenkriege. Für ein derart ambitioniertes Projekt wie die Energiewende gibt es kein historisches Vorbild.

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Was sagt das Ausland zur Energiewende, wird sie nicht als Alleingang kritisiert?
Überall im Ausland begegnen mir bei Vorträgen große Erwartungen, aber auch noch erhebliche Skepsis und viel Aufklärungsbedarf über die Energiewende. Denn nicht zu unterschätzen ist: Interessierte Kreise aus dem „fossil-nuklearen Komplex“ haben eine publizistische Gegenoffensive begonnen. Hier wäre eine Webseite der Bundesregierung mit einem wissenschaftlich fundierten Faktencheck sehr hilfreich. Denn zweifellos wissen die bisherigen Profiteure der alten Energiewirtschaft: Ist die deutsche Energiewende – in Kooperation mit unseren europäischen Nachbarn – erfolgreich, kann sie weltweit als eine Startrampe für einen beschleunigten Aufbruch zu nachhaltiger Energie sowie für den Klima- und Ressourcenschutz wirken.

Das Energiesparen ist der blinde Fleck der Energiewende. Ich lese Ihnen etwas vor: „Nicht die optimale Nutzung von Energie, die Sicherung und Steigerung des Lebensstandards mit geringerem Energieeinsatz, sondern die Förderung von mehr Energieverbrauch, Umsatzexpansion und Rentabilitätskalkül sind nach wie vor die bestimmenden Unternehmensziele im Energiesystem der Bundesrepublik.“ Wissen Sie, wo das steht? Und stimmt dieser Satz auch heute noch?
Es ist ein Zitat aus unserem Buch „Die Energiewende ist möglich“, eine Publikation des Autorenteams Hennicke, Johnson, Kohler und Seifried von 1985 in Verbindung mit dem Öko-Institut. Leider trifft diese Aussage in der Praxis für die vielen Akteure in der Energiewirtschaft, aber auch für die immer noch vorwiegend angebotsorientierte deutsche Energiepolitik noch weitgehend zu. Ein wirklicher Paradigmenwechsel in Richtung Energieeffizienz hat noch nicht stattgefunden. Vielleicht beginnt er ja ab diesem November, wenn die Bundesregierung ihr Energieeffizienz-Programm verkündet und verbindliche Beschlüsse auf der EU-Ebene vorliegen.

Sind Stromkonzerne, die ein Oligopol bilden, überhaupt in der Lage, grüne Unternehmen zu werden? Oder müssten sie dezentralisiert werden? Zu deutsch: aufgelöst?
Das bisherige Geschäftsmodell der Stromkonzerne hat keine Zukunft. Wenn sie in die Energieeffizienz-Dienstleistungen, erneuerbare Energien, nachhaltige Mobilität und smarte Stromnetze und ähnliche „grüne“ Hochtechnologiefelder diversifizieren, könnten sie aber Teil der Lösung werden. Bei weltweit glaubwürdigen Engagement auf diesen Geschäftsfeldern könnten sie sogar mit helfen, die globale Energiewende voranzutreiben. Auf den Neubau von Kohle-Kraftwerken, die Erschließung von Braunkohlefeldern und Drohgebärden mit Entschädigungszahlungen wegen des Atomausstiegs müssten sie allerdings verzichten, um ihre Glaubwürdigkeit nicht weiter zu ruinieren.

Was müsste geschehen, damit das Energiesparen, die Effizienz, endlich mit großen Schritten vorankommt?
Kein Markt der Welt ist so komplex und durch unzählige Hemmnisse und Intransparenz geprägt, wie der für Effizienztechniken und Energiedienstleistungen. Mit einer Vielzahl – in Deutschland gut 80 – Maßnahmen versucht die Politik mehr schlecht als recht seit Jahren den effizienten Umgang mit Energie zu fördern. Der Erfolg ist sehr ernüchternd: Der Primärenergieverbrauch ist seit 20 Jahren kaum gesunken und weit davon entfernt, auf einen Trend hin zur Halbierung bis 2050 einzuschwenken. Wollen wir mit dem Klima- und Ressourcenschutz Ernst machen, muss intellektuell und institutionell ein Paradigmenwechsel zur ambitionierteren Energiesparwirtschaft stattfinden. Mit den Institutionen und Instrumenten der Vergangenheit ist diese Zeitenwende kaum zu meistern. Kein Ministerium der Welt hat das Mandat oder wäre nach Ressourcen und Kompetenzen der Aufgabe gewachsen, für die Erreichung absoluter Energiesparziele die Verantwortung zu übernehmen.

Das Wuppertal Institut hat ein Konzept für die Einrichtung einer Bundeseffizienzagentur und einen Energiesparfonds vorgelegt. Was soll dadurch erreicht werden?
Wir brauchen eine Bundeseffizienzagentur als verantwortlichen nationalen Kümmerer, der das bundesweite Energiesparinstrumentarium bündelt, fortschreibt und mit der Vielzahl regionaler Aktivitäten – etwa von Energieagenturen – besser vernetzt und fördert. Das klappt am besten durch eine neue „polyzentrische Governance“ der Energieeffizienzpolitik. Das Mandat einer Bundesagentur lautet dabei: So weit wie möglich durch marktwirtschaftliches Instrumentarium und durch Vernetzung mit allen relevanten Akteuren sicherzustellen, dass die beschlossene absolute Energieeinsparung von bis zu 50 Prozent bis zum Jahr 2050 auch tatsächlich erreicht wird. Aus dem Energiesparfonds finanzierte Anreize und Ausschreibungen für Einsparprogramme sowie aufgestockte Mittel der KfW für den Gebäudebereich sind dabei wesentliche Elemente.

Der Naturwissenschaftler und Politiker Ernst Ulrich von Weizsäcker hat eine neue, intelligente ökologische Steuerreform vorgeschlagen. Unterstützen Sie das?
Ja und zwar aus folgenden Hauptgründen: Steigt eine Energiesteuer nach Weizsäckers Konzept parallel mit steigender Energieproduktivität an, bleiben die Energiekosten für die Verbraucher im Prinzip konstant, aber die Einnahmen können gezielt zur Förderung und Beschleunigung der Energiewende eingesetzt werden. Durch die Abschöpfung und sinnvolle Alternativnutzung der Einspargewinne kann zudem verhindert werden, dass diese in Zwecke fließen, die den Einspareffekt wieder reduzieren können – zum Beispiel mehr Flugreisen oder die Produktion energieintensiver Produkte. Diese so genannten Rebound-Effekte liegen nach Einschätzung des Wuppertal Instituts durchschnittlich bei 25 Prozent, sollten daher nicht überbewertet oder mit allgemeinen Wachstums- und Komforteffekten verwechselt werden. Trotzdem können wir uns nicht leisten, eine eingesparte Kilowattstunde durch Rebound Effekte zu verlieren. In einer zukunftsfähigen Effizienzpolitik wird daher eine aufkommensneutrale Öko-Steuerreform immer eine Rolle spielen.

Was glauben Sie, warum greift die Politik solche strategischen Vorschläge – Bundesagentur, Öko-Steuerreform – nicht auf?
Einigen Politikern sind die Konsequenzen des beschlossenen Zielkanons der Energiewende entweder noch zu wenig bewusst, oder sie hoffen noch immer auf ein kurzes Gedächtnis ihrer Wähler. Beides wäre problematisch und sollte daher durch ein Energiewende-Gesetz beendet werden. Ist dies beschlossene Sache, kann man darüber diskutieren und experimentieren, ob es effektivere und weniger anspruchsvolle Mittel zur Zielerreichung gibt. Ich glaube das nicht und bin bereit, eine Wette einzugehen, dass in Europa und auch anderswo ähnliche Institutionen wie ein Energiesparfonds und eine nationale Effizienzagentur noch eine große Zukunft haben. Ich kenne keinen Alternativvorschlag, der mit geringerem Aufwand einen wirtschaftlich vorteilhafteren Energiesparfahrplan für den Klima- und Ressourcenschutz sicherstellt.

Herr Hennicke, ziehen Sie einmal Bilanz von drei Jahrzehnten Arbeit an der Energiewende: Haben Sie am Anfang gedacht, es geht schneller? Oder sind Sie froh, dass Deutschland so weit gekommen ist?
„Die Energiewende ist möglich“ – das war 1985 eine nach unserer Überzeugung gut begründete wissenschaftliche Vision, die aber weit davon entfernt war, in Wissenschaft und Politik mehrheitsfähig zu sein. Heute ist die Energiewende offizielle Politik. Für alle, die damals im Umfeld des Öko-Instituts mitgewirkt haben, ist das ein Grund zu Freude. Aber was das Tempo angeht – da waren wir ungeduldig und sind es geblieben.

Interview: Joachim Wille

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