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Energie Wenn Windräder stillstehen

Der Leitungsbau in Deutschland hinkt der Erzeugung von Öko-Strom hinterher. Das Resultat: Immer mehr Windräder müssen kurzzeitig aus dem Wind gedreht werden. Die Bundesnetzagentur legt jetzt einen Plan auf.

19.07.2011 21:43
Jörg Wagner
Die Räder werden aus dem Wind gedreht, wenn die Leitungskapazitäten den Abtransport des Stroms nicht hergeben. Foto: dapd

Die Schreckensvision von Matthias Kurth ist schon real. „Es kommt vor, dass Windräder aus dem Wind drehen müssen, weil die Leitungskapazitäten den Abtransport des Stroms nicht hergeben“, sagt der Chef der Bundesnetzagentur. Angesichts solcher Verhältnisse drückt der Behördenchef aufs Tempo. „Der Netzausbau darf dem Ausbau der Erneuerbaren Energien nicht hinterher laufen“, sagt Kurth. Gestern stellte er die Mittel vor, mit denen er „dieses Rennen zwischen Hase und Igel“ bewältigen will.
Kurths Behörde kommt in der Energiewende eine Schlüsselposition zu. Sie soll dafür sorgen, dass Engpässe im deutschen Stromnetz beseitigt werden. Denn die schwankende Energieerzeugung, die der Umstieg auf Erneuerbare Energien mit sich bringt, kann nach Meinung aller Experten nur durch einen massiven Ausbau der Netze gebändigt werden.

Die Eile der Netzagentur hat handfeste wirtschaftliche Hintergründe: Die Erneuerbaren Energien haben Vorfahrt im Stromnetz – läuft ein Windpark, muss der erzeugte Strom abgenommen werden. Sind aber die Leitungen zu schwach, um den Ökostrom abzutransportieren, müssen die Windräder aus dem Wind drehen. Statt „grünem“ Strom fließt dann konventioneller. Der Windpark-Betreiber erhält aber trotzdem seine von allen Verbrauchern subventionierten Einnahmen, so als ob die Anlagen liefen, was die Strompreise insgesamt hochtreibt.

Kurth will nun mit einem mehrstufigen Verfahren dafür sorgen, dass vor allem die fehlenden überregionalen Stromautobahnen schnell gebaut werden. Bis Ende 2015 soll im besten Fall das jeweilige „Baurecht für überregionale oder europaweit bedeutsame Hochspannungsleitungen vorliegen“, sagte Kurth. Im Vergleich zu heute käme das einer „Halbierung der Planungszeiten“ gleich. Dass der Zubau an Erneuerbaren Energien parallel sprunghaft ansteigen dürfte, ist für Kurth ein Ansporn. Wenn sein Zeitplan für die Stromautobahnen eingehalten werde und die Bundesländer die in ihrer Verantwortung liegenden Stromtrassen bauten, dann „könnte es gerade klappen“, größere Stillegungen bei den Erneuerbaren zu vermeiden.

Wesentliche Neuerung wird ein nationaler Netzausbauplan sein, den die Netzagentur bis zum Oktober 2012 dem Bund vorlegen will. Denn angesichts der Umwälzungen in der Energieerzeugung ist es erst einmal notwendig, den konkreten Bedarf an neuen Trassen zu definieren. Mit Hilfe dieser strategischen Grundlage sollen künftig Prüfungen, die früher für jedes einzelne Projekt durchgeführt wurden, in einem früheren Planungsstadium zentral vorgenommen werden.

Die Netzbetreiber müssten dann in Zukunft keine Sorge haben, bei der Energiewende ins Hintertreffen zu geraten. Ohnehin verschiebe sich das Risiko in einigen Jahren mehr in Richtung der Produzenten von Erneuerbaren Energien, so Kurth. Je mehr „grüner“ Strom fließt, desto eher ist der gesamte Bedarf gedeckt. Schon heute gebe es verbrauchsschwache Tage, an denen die Erneuerbaren annähernd den deutschen Bedarf deckten. Öko-Energie, die über Bedarf produziert wird, hat aber keine Vorfahrt im Netz – und wird auch nicht extra vergütet. Das wird aus Kurts Sicht „ein zunehmendes Risiko“ für die Betreiber von Windparks und Co.

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