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Energie- und Umweltexperten Zehn ketzerische Fragen zur Energiewende

Ist die Energiewende ein Flop? Macht Deutschland überhaupt Fortschritte bei der Umstellung? Daniel Baumann und Joachim Wille stellen zehn ketzerische Fragen an Energie- und Umweltexperten.

Energiewende
Pro Energiewende: Demonstranten im Berliner Regierungsviertel im Mai 2014. Foto: rtr

Deutschland, Land der Energiewende. Stolz werden der Welt Solarpaneele und Windräder vorgeführt. Immer mehr gibt es davon. Eine in die Landschaft gesetzte Demonstration klimafreundlicher Energieerzeugung. Und der Kurs ist klar: Wir brauchen mehr davon. Da sind sich die meisten Experten, Politiker und auch die FR-Journalisten einig. Doch Kritik gehört dazu. Deshalb zum Abschluss unserer Energiewende-Reihe: zehn ketzerische Fragen an Energie- und Umweltexperten. Gestellt von Daniel Baumann und Joachim Wille.

1
Machen wir überhaupt Fortschritte bei der Energiewende? Wir bauen Windräder, Solarpaneele und Biogasanlagen. Aber der CO2-Ausstoß sinkt in Deutschland seit Jahren nicht mehr. 2016 ist er sogar gestiegen.

Die Energiewende hat gute Fortschritte gemacht: Beim Strom haben die erneuerbaren Energien einen Anteil von über 30 Prozent erreicht, und für die Abschaltung der letzten AKW ist ein klarer Zeitplan bis 2022 festgelegt. Allerdings sind die CO2-Emissionen in der Tat zuletzt nicht mehr gesunken. Es besteht die Gefahr, dass das Ziel einer CO2-Reduktion um 40 Prozent bis 2020 verfehlt wird. Wir müssen rasch aus der Kohle-Verstromung aussteigen und im Personen- und Güterverkehr eine Trendwende bei Energiebedarf und Emissionen schaffen, um hier gegenzusteuern. Auch bei der energetischen Sanierung der Wohngebäude hinken wir den Zielen hinterher. Der neue Klimaschutzplan der Bundesregierung legt klare Zielwerte für die einzelnen Sektoren der Volkswirtschaft fest. Es kommt nun darauf an, dass eine kluge und mutige Klimaschutzpolitik gemacht wird, damit sie auch erreicht werden.
Christof Timpe, Leiter des Bereichs Energie und Klimaschutz, Öko-Institut Freiburg

2
Windräder, Stromtrassen und andere „Öko“-Anlagen bedeuten starke Eingriffe in die Natur und stressen Anwohner. Ist das überhaupt noch tolerabel angesichts des rasanten Artenschwunds und der vorhandenen Belastung durch Straßen, Flughäfen und andere Infrastruktur?

Anlagen der Energiewende sind Anlagen wie alle anderen auch – sie müssen unter den gleichen Anforderungen an Gesundheits- und Artenschutz wie Industrieanlagen geprüft werden, bevor sie genehmigt werden. Sie dürfen nicht besser, aber auch nicht schlechter behandelt werden. Das Problem ist: Die Anlagen werden zumeist auf dem Land gebaut, wo die Menschen aufgrund der Ruhe und der schönen Landschaft häufig allergisch auf Veränderungen reagieren. Das ist ihr gutes Recht. Aber umgekehrt ist es das gute Recht der Betreiber, Windräder und Strommasten zu beantragen, und wenn sie die Schutzniveaus einhalten, genehmigt zu bekommen. Auch der Naturschutz wird dabei berücksichtigt: Wo Rotmilane wirklich gefährdet sind, werden die Anlagen gar nicht genehmigt. Und viele Windräder unterbrechen ihre „Arbeit“, wenn Fledermäuse fliegen.
Christoph Ewen, Leiter der Beratungsfirma für Konflikt- und Prozessmanagement „Team Ewen“, Darmstadt

3
Die Ökostrom-Förderung kostet die Stromkunden per EEG-Umlage pro Jahr rund 25 Milliarden Euro. Ist das überhaupt tragbar?

Man sollte Investitionen nicht als Kosten denunzieren. Auch ohne Energiewende wären Energieinvestitionen nötig, zum Beispiel in konventionelle Kraftwerke. Darüber hinaus sind etwa 40 Prozent der bisher aufgelaufenen Finanzierungsmittel des EEG dazu eingesetzt worden, die Erneuerbaren preiswert zu machen. Das hat bei Solar- und Windenergie sehr gut funktioniert, so dass diese heute zu sehr attraktiven Konditionen verfügbar sind – bei uns und weltweit. Und wir schaffen mit den Investitionen in ein erneuerbares Energiesystem, das etwa genauso viel kostet wie ein neu beschafftes konventionelles System, aber eben keine nuklearen Risiken und CO2-Emissionen mehr hat. Unterm Strich also ein sehr vorteilhaftes Projekt.
Felix Matthes, Forschungskoordinator Energie- und Klimapolitik, Öko-Institut, Berlin

4
Auch Öko-Energien bergen Gesundheitsrisiken, das wird kaum diskutiert. Wie verhält es sich damit und mit den so entstehenden Kosten?

Auch bei den erneuerbaren Energien werden Gesundheitsschäden befürchtet, vor allem bei der Windkraft durch Lärmbelastung und Infraschall. Aber spätestens seit Paracelsus ist bekannt: „Die Dosis macht das Gift“. Diese Gesundheitsrisiken betreffen eine begrenzte Zahl von Anwohnern im engeren Umfeld, und hier müssen vorbeugend Regelungen zur „Dosis“-Reduktion greifen, etwa durch Festlegung von Mindestabständen. Demgegenüber gibt es sehr verbreitet Gesundheitsschäden und damit verbundene Kosten durch Emissionen aus Kohlekraftwerken, Heizungen und Verbrennungsmotoren. Betroffen sind hier viele Bürger. Die Kosten durch Gesundheitsschäden werden vom Umweltbundesamt auf 55 400 Euro pro Tonne lungengängiger Feinstaub, 12 600 Euro pro Tonne Stickoxide und 11 900 Euro pro Tonne Schwefeldioxid geschätzt – das ergibt Schäden im Bereich vieler Milliarden. Dieses Leid können wir durch den Ausbau der Erneuerbaren drastisch reduzieren.
Professor Markus Dettenkofer, Facharzt für Hygiene und Umweltmedizin, Leiter Institut für Krankenhaushygiene und Infektionsprävention, Radolfzell

5
Windkraft-, Fotovoltaik- und Biogasanlagen müssen nach Ende ihrer Lebensdauer abgebaut und entsorgt werden. Wer zahlt das überhaupt?

Windkraftanlagen und Photovoltaikmodule können weitgehend recycelt werden, und die Kosten für die Entsorgung sind eingerechnet. Beim Bau von Windkraftanlagen müssen Sicherheitsleistungen – zum Beispiel Bürgschaften – für Rückbau und Entsorgung bereitgelegt werden, in NRW beispielsweise bis zu 6,5 Prozent der Investitionskosten. Für die Entsorgung von Photovoltaikmodulen muss ein Hersteller gemäß Elektro- und Elektronikgerätegesetz 60 Euro pro Tonne hinterlegen. Bezogen auf die produzierte Kilowattstunde liegen die Entsorgungskosten damit um Größenordnungen unterhalb der Kosten für den Rückbau der AKW, Zwischenlager und die noch nicht geklärte Endlagerung. Letztere betragen nach heutigem Preisniveau mindestens 76,5 Milliarden Euro.
Professor Rainer Grießhammer, Mitglied der Geschäftsführung des Öko-Instituts, Freiburg

6
Warum überziehen wir Dächer und Wiesen mit schwarz-blauen Solarpaneelen, wenn wir doch fürchten, dass die Erde zu warm wird? Nur ein Teil der Sonnenenergie wird zu Strom, das meiste verstärkt die Aufheizung.

Für einen kompletten Umstieg auf eine CO2-neutrale und nachhaltige Energieversorgung benötigen wir in Deutschland unter anderem zirka 200 Gigawatt installierte Solarstrom-Leistung. Dafür müssen rund 1000 Quadratkilometer Photovoltaik-Module (PV) montiert werden. Die Fläche dieser Module entspricht 2,2 Prozent der Siedlungs- und Verkehrsfläche Deutschlands. Von einem „Überziehen“ kann deshalb keine Rede sein. Hinzu kommt, dass PV-Module mit Strom-Wirkungsgraden nahe 20 Prozent nicht mehr Sonnenenergie in Form von Wärme abgeben als etwa Asphalt und auch kaum mehr als selbst grünes Gras.
Harry Wirth, Bereichsleiter am Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme ISE, Freiburg

7
Was macht eigentlich die Umstellung der Landwirtschaft auf klimafreundliche Produktion – etwa in der Viehwirtschaft? Eine Kuh verursacht pro Jahr soviel Treibhausgase wie ein Auto.

Seit 1970 ist die Anzahl der Wiederkäuer – vor allem Rinder, Schafe, Ziegen – weltweit auf das Anderthalbfache gestiegen. Die direkten Emissionen dieser Tiere entsprechen etwa einem Drittel der Emissionen aus dem Transportsektor. Der Unterschied: Kühe stoßen Methan aus, Autos CO2. Methan wirkt sehr stark auf das Klima, baut sich aber in der Atmosphäre binnen etwa zehn Jahren ab. Für den langfristigen Klimaschutz ist entscheidend, wie viel CO2 aus Kohle, Öl und Gas noch freigesetzt wird, denn davon verbleibt ein erheblicher Teil 1000 oder mehr Jahre in der Atmosphäre. Dennoch ist es wichtig, die wachsende Nachfrage nach tierischen Produkten einzuschränken, auch weil erhebliche Agrarflächen für den Viehfutteranbau genutzt und dafür Waldflächen gerodet werden. Allerdings bringt es wenig, statt Fleisch mehr Käse zu essen. Auch der stammt ja von Kühen.
Astrid Schulz, Referentin beim Wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU)

8
Der Mensch ist nur für zwei Prozent des globalen CO2-Ausstoßes verantwortlich. Bringt es da  etwas, wenn wir unseren Anteil reduzieren?

Die Atmosphäre, das Land und die Ozeane tauschen große Mengen CO2 miteinander aus. Diese natürlichen Flüsse sind jedoch balanciert. So kommen aus dem Land pro Jahr zirka 120 Milliarden Tonnen Kohlenstoff in Form von CO2 in die Luft. Die gleiche Menge nimmt das Land aber auch wieder auf. Die Ozeane und die Luft tauschen pro Jahr etwa 90 Milliarden Tonnen miteinander aus. Der Mensch stört dieses Gleichgewicht. Derzeit sind es rund zehn Milliarden Tonnen, die durch den Menschen in die Luft ausgestoßen werden. Davon nehmen das Land und die Ozeane aber nur etwas über die Hälfte auf. Der Rest bleibt für lange Zeit in der Luft, weswegen ihr CO2-Gehalt beständig zunimmt.
Professor Mojib Latif, Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel und Universität Kiel

9
Der Wetterbericht nach der Tagesschau ist bestenfalls für die nächsten drei Tage verlässlich. Können wir da wirklich vorhersagen, wie stark die globale Temperatur bis 2100 steigen wird?

Die längerfristige Entwicklung der globalen Durchschnittstemperatur hängt fast ausschließlich von der globalen Strahlungsbilanz ab, also der Differenz aus aufgenommener Sonnenwärme und ins All abgestrahlter Wärmestrahlung. Die Veränderung dieser Wärmebilanz wird durch die wachsenden Treibhausgasmengen – vor allem CO2 – in der Luft dominiert. Die seit Jahren relativ „kalte Sonne“ hat daher die globale Erwärmung nicht nennenswert gebremst. Die globale Temperatur zu berechnen ist so, wie die Erwärmung von Wasser im Wasserkocher zu berechnen, wenn man dessen Leistung kennt. Es ist viel einfacher als das Wetter vorherzusagen, das stark vom Zufall geprägt ist. Letzteres entspricht dem Versuch, im Wasserkocher vorherzusagen, wo und wann die nächste Blase aufsteigt.
Professor Stefan Rahmstorf, Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung

10
Lässt sich der Klimawandel nicht viel einfacher und billiger stoppen als mit einer teuren Energiewende? Nobelpreisträger Paul Crutzen hat die Idee ins Gespräch gebracht, die Atmosphäre durch Einbringen von Schwefel-Emissionen abzukühlen – ähnlich wie bei einem großen Vulkan-Ausbruch.

Große Vulkanausbrüche wie zuletzt der des Pinatubo 1991 bewirken in der Tat eine messbare Abkühlung, und zwar für einige Jahre. Man kann davon ausgehen, dass es möglich ist, das Klima über eine permanente künstliche Schwefelinjektion langfristig abzukühlen. Dadurch wird aber kein historisches Klima wiederhergestellt, sondern ein neues erzeugt, dessen Eigenschaften man nur mit Computermodellen abschätzen kann. Es kann auch negative Effekte wie eine Verringerung von Niederschlägen geben. Problematisch ist zudem, dass bei Beendigung der Maßnahme eine schlagartige Erwärmung droht und die durch das CO2 ebenfalls ausgelöste Ozeanversauerung nicht gestoppt wird. Die Kosten werden auf zwei bis zehn Milliarden Dollar jährlich für die Technik geschätzt, sie können aber deutlich höher liegen, wenn Schadenersatzforderungen für mögliche Schäden durch den Eingriff hinzukommen.
Hauke Schmidt, Gruppenleiter am Max Planck Institut für Meteorologie, Hamburg

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