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Energie „Eine echte Wärmewende hat noch nicht begonnen“

Georg Müller, Vorstandschef des Mannheimer Unternehmens MVV Energie, spricht im Interview mit der FR über die Rolle der Fernwärme, Klimaschutzziele und über Fehler bei der Stromwende.

08.08.2017 17:35
Wärmedämmung
Noch hat sich bei der Wärmedämmung von Gebäuden nicht genug getan. Foto: Imago

Über die sogenannte Wärmewende wurde in den vergangenen zehn Jahren viel diskutiert. Es gab viele Initiativen und fast genauso viele Förderprogramme. Nur: Getan hat sich beim Erneuern von Heizungen und bei der Wärmedämmung von Gebäuden wenig. Die Sanierungsrate in Deutschland bei nur knapp einem Prozent. Eine Erneuerung des Bestands würde also mehr als ein Jahrhundert dauern. Georg Müller, Vorstandschef von MVV Energie, fordert neue Wege bei der Wärmewende. Hauseigentümern sollen CO2-Ziele für ihre Gebäude vorgegeben werden. Wie sie diese Ziele erreichen, soll ihnen aber nicht vorgeschrieben werden.

Herr Müller, warum verweigern sich die Bürger bei der Wärmewende?
Eine echte Wärmewende hat doch noch gar nicht begonnen. Bisher gibt es nur bruchstückhafte Impulse. Die Energiewende hat sich bisher als Stromwende gezeigt. Hier ist sie auch auf gutem Weg. Sie muss jetzt um eine Wärmewende ergänzt werden. Die bekannten Stichworte finden wir auch hier: Dekarbonisierung, Digitalisierung, neue Technologien, Dezentralisierung. Wir werden sie allerdings „wärmeadjustiert“ anwenden, um die emotionalen, finanziellen oder architektonischen Motivationslagen von Hausbesitzern zu berücksichtigen. Das hat nichts mit Verweigerung zu tun, all diese Argumente sind berechtigt. Dämmung allein ist in vielen Bereichen zu teuer und nicht die einzige Antwort.

Zumal doch die Frage hinzukommt, inwiefern das ein Eingriff in Eigentumsrechte wäre?
Ordnungsrecht ist der falsche Weg. Richtig ist, dass wir im Wärmesektor dringend etwas tun müssen, um unsere Klimaschutzziele erreichen. CO2-Ziele als Grenzwerte können eine belastbare Basis für eine zukunftsoffene Wärmeversorgung bilden.

Was soll das bringen?
Einem Hausbesitzer wird dann nicht vorgeschrieben, dass er seine Heizung nach 20 Jahren herausreißen muss. Er kann selbst entscheiden, wie er seine CO2-Ziele erreicht, und zwar schrittweise.

Welche Vorteile erhoffen Sie sich konkret?
Nur so können individuell sinnvolle Lösungen gefunden werden. Mit einer Sanierungsrate von knapp einem Prozent dauert der Umbau zu lange. Wir haben gemeinsam mit dem renommierten Forschungsinstitut TGZ InEnergy an der Universität Stuttgart verschiedene Szenarien zur Wärmenachfrage, zum technologischen Fortschritt und seinen Kosten sowie zu regulatorischen Rahmenbedingungen untersucht. Die Studie unterstreicht, dass es für ein Einfamilienhaus andere Möglichkeiten als für eine Eigentumswohnung gibt, für innovative Neubaugebiete andere Optionen als für innerstädtische Nachkriegsgebäude. Diese Unterschiede müssen wir nicht nur zulassen. Sie sind gerade die besondere Chance der Wärmewende.

Welche Rolle spielt da die Fernwärme?
Sie ist eine Option. In Mannheim sind etwa mehr als 60 Prozent der Wohnungen an das Wärmenetz angeschlossen. Wir können damit künftig erneuerbaren Überschussstrom nutzen und die thermische Verwertung von Abfall und Biomasse in die Fernwärme einbinden. Wir betreiben einen der leistungsstärksten Fernwärmespeicher Europas. Das ist die sogenannte Sektorkopplung konkret - und auch ein wesentlicher Schlüssel dafür, dass Mannheim kein Feinstaubproblem hat. Die Kraftwerke und ihre Filter sind viel effektiver sind als individuelle Heizungen. Das sorgt nicht nur für saubere Luft, sondern auch für bessere Lebensqualität.

Was muss die Politik tun, um dies zu ermöglichen?
Wir dürfen bei der Wärmewende Fehler der Stromwende nicht wiederholen. Staat und Politik müssen Ziele definieren und systemisch konsistente Entscheidungen treffen. Sie dürfen sich nicht in Einzelentscheidungen verlieren. Bei der politischen Gestaltung des Wärmemarktes ist darauf zu achten, dass Regulierung, Förderung oder Besteuerung technologieneutral erfolgen und volkswirtschaftlich notwendige Investitionen auch betriebswirtschaftlich darstellbar sind. Nur dann wird sich das Innovationspotenzial voll entfalten können. Damit müssen wir jetzt anfangen und dürfen nicht warten.

Sie wollen eine Vielfalt von Lösungen organisieren?
Genau. Das kann Fernwärme sein, das kann Erdgas oder Biogas sein, das kann Solarthermie sein. Auch Holzpellets und Wärmepumpen spielen eine Rolle und natürlich die Kombination verschiedener Technologien. Die jeweils besten Lösungen werden sich durchsetzen. Unsere Untersuchungen mit TGZ InEnergy zeigen, dass Fernwärmesysteme insbesondere in städtischen Ballungsräumen weiterhin einen wichtigen Baustein im künftigen Wärmemix darstellen. Zentral oder dezentral ist also kein Widerspruch. Beides ergänzt sich, weil unterschiedliche Kunden und Kommunen unterschiedliche Anforderungen haben.

Aber auch damit werden Sie viele – vor allem ältere – Hausbesitzer aufschrecken, die sich gegängelt fühlen, weil sie plötzlich einen merkwürdigen CO2-Wert erfüllen müssen, den sie nicht verstehen.
Das kommt darauf an. Wenn bei der Anschaffung einer neuen Heizung zusammen mit einem Installateur oder einem Energieberater ein Konzept entwickeln wird, mit dem ein bestimmter CO2-Wert pro Quadratmeter erreicht wird, dann hat das Augenmaß. Denn Klimaschutz darf den Wärmebereich als solchen nicht länger ausklammern. Er steht für ein Drittel der CO2-Emissionen. Deshalb braucht es Senkungsziele.

Und so wollen Sie auf Dauer auch Ihr Fernwärmenetz auslasten?
Fernwärme ist ökologisch und ökonomisch sinnvoll. Sie leistet einen unverzichtbaren Beitrag zur Energiewende und zu den Klimazielen. Wir müssen die vorhandenen Netze effizient und zukunftsfähig weiterentwickeln, und wir können mit entsprechenden Investitionen die Chancen und Potenziale neuer Netzanbindungen nutzen. Dafür braucht die Fernwärme langfristige Perspektiven und stabile Rahmenbedingungen.

Aber brauchen wir dann nicht auch eine Instanz die überprüft, ob die Fernwärme tatsächlich ökologisch wertvoll ist?
Fernwärme ist zukunftsfähig, wenn sie umweltfreundlich und kosteneffizient erzeugt wird.  Das ist insbesondere in hocheffizienten Anlagen mit Kraft-Wärme-Kopplung der Fall, die gleichzeitig eine steuerbare Stromerzeugung gewährleisten. Unser im Bau befindliches Gaskraftwerk in Kiel setzt dafür europaweit Maßstäbe. Mittelfristig gewinnt die thermische Abfall- und Biomassenutzung an Bedeutung. Um aus Strom Wärme zu machen - Power-to-Heat - brauchen wir einen forcierten Ausbau der erneuerbaren Energien, damit deutlich mehr Strom aus grünen Quellen für die Wärmeversorgung zur Verfügung steht. Deshalb sind wir ja auch für ambitioniertere Erneuerbaren-Ziele. Wir verzahnen damit Strom- und Wärmewende. 

Wie hoch schätzen Sie die Chancen zur Umsetzung ihres CO2-Ziel-Konzepts ein?
Ich bin zuversichtlich, weil es Optionen ausweitet und nicht einschränkt. Niemand kennt heute die Antworten auf die Fragen zum Energiesystem im Jahre 2040; auch Politik nicht. Oder haben wir 1994 die Energiewelt von heute bereits gekannt?

Das Gespräch führte Frank-Thomas Wenzel

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Energie

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