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Elektrizität Die Entmachtung der Stromkonzerne

Bald könnten die Bürger im Elektrizitätsgeschäft den Ton angeben. Die Technologien dafür entstehen gerade. Nun muss die Politik noch mitspielen.

18.03.2018 15:52
Energieversorgung
Wenn Haushalte nicht nur Strom erzeugen, sondern auch speichern und untereinander handeln können, revolutioniert das die Energieversorgung. Foto: rtr

Die Zukunft ist ausgerechnet auf einer Industriebrache zu Hause. 150 Jahre lang wurden im traditionsreichen Kaiserslauterner Pfaff-Quartier Nähmaschinen hergestellt. Jetzt wird dort ein „Reallabor“ für Wohnen und Arbeiten eingerichtet – mit allem, was in puncto Energieversorgung neu, effizient und umwelt- und klimafreundlich ist. Mit Fassaden, die schick aussehen, aber vor allem Solarstrom erzeugen sollen, mit Batterien, die Energie speichern, und mit Netzen, die Strom intelligent verteilen. 

Moderne Technologien könnten den Energiehandel vor Ort ermöglichen – zwischen Gebäuden, die gerade Energie erzeugen, und solchen, die gerade welche verbrauchen. Welche Potenziale hier schlummern, werde nun untersucht, teilte die Stadtverwaltung mit, die kürzlich den Startschuss für das Projekt gegeben hat. Ziel sei, „einen möglichst hohen Anteil an selbst erzeugter erneuerbarer Energie zu erreichen“.

Die forcierte Dezentralisierung der Versorgung mit erneuerbaren Energien kann nicht nur die Strompreise kräftig drücken, sondern die gesamte Energiebranche auf den Kopf stellen. Es ist schon von der Energiewende 2.0 die Rede.

Dass sich einiges tut, lässt sich auch am noch jungen Bundesverband Energiespeicher (BVES) ablesen, der in diesem Jahr einen Meilenstein erreichen will. Die Branche werde erstmals mehr als fünf Milliarden Euro Umsatz machen, sagt BVES-Geschäftsführer Urban Windelen. 

Da wächst jetzt zusammen, was offensichtlich zusammen gehört. „Durch die Kombination der Solaranlage auf dem Dach mit dem Speicher im Keller wird die Nutzung der selbst hergestellten Energie deutlich effizienter“, sagt Rudolf Seiter, Energieexperte des Beratungsunternehmens EY. Er ist der Mitautor einer Studie, die zu dem Ergebnis kam, dass die deutschen Unternehmen mit dezentralen Energiekonzepten im Jahr 2020 ihre Stromrechnung um rund 13 Milliarden Euro verringern könnten.

Hohe Einsparungen werden bei den Kosten für Dach-Solaranlagen unterstellt, deren Strom derzeit noch rund acht Cent pro Kilowattstunde kostet. Erheblich teurer ist die Stromspeicherung in Batterien, die derzeit für Gewerbebetriebe angeboten werden. Die Kosten hierfür lägen derzeit in der Größenordnung von 50 Cent pro Kilowattstunde und damit noch deutlich über dem Preis, den Endkunden derzeit für eine Kilowattstunde Strom bezahlen, nämlich 30 Cent, sagt Professor Christof Wittwer vom Fraunhofer Institut für Solare Energiesysteme (ISE). Doch er erwartet erhebliche Preissenkungen.

Tobias Federico vom renommierten Beratungshaus Energy Brainpool bezeichnet Batterien gar als „Game Changer“ im Strommarkt. Wohin deren Anschaffungskosten purzeln können, weiß niemand ganz genau. Federico erinnert aber an Kostensenkungen für Solarmodule. Nimmt man sich diese zum Vorbild, wären in der zweiten Hälfte der 2020er Jahre Verbilligungen um 90 Prozent im Vergleich zu heute denkbar: 50 Cent minus 90 Prozent macht fünf Cent.

Wittwer sieht allerdings ein maßgebliches Hindernis für den Durchbruch der neuen Konzepte: Auch wenn man seinen eigenen Strom erzeugt und speichert, erhebt der Staat die EEG-Umlage – und zwar zu 40 Prozent, was derzeit rund 2,7 Cent pro Kilowattstunde entspricht. Wittwer fordert die Freistellung der Eigennutzer von dieser Abgabe: „Das würde augenblicklich einen Investitionsschub auslösen, was wiederum die Preise für Komponenten dieser Systeme sehr schnell reduzieren würde.“ Diesen Effekt könnten Kommunen zudem durch Anreize für Dach-Solaranlagen noch vergrößeren: Etwa mit Grundsteuernachlässen für Immobilienbesitzer, die Solaranlagen installieren, und/oder mit höheren Grundsteuern für Gebäude, wo dies nicht geschieht.

„Als zusätzlicher Baustein können Mikronetze hinzukommen, da sie den unmittelbaren Stromaustausch in einem Gewerbegebiet oder einem Wohnquartier ermöglichen“, sagt Wittwer. Mikronetze sind lokale und weitgehend autonome Stromnetze, die einen größeren Gebäudekomplex versorgen oder ein Wohnquartier oder ein Gewerbegebiet. Im New Yorker Stadtteil Brooklyn läuft seit Frühjahr 2016 ein vielbeachtetes Microgrid-Vorhaben.

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