Lade Inhalte...

Bürgerenergie Solar-Guerilla auf Balkonien

Deutschlandweit werden halblegal tausende Mini-Fotovoltaikanlagen betrieben. Das Problem: Sie verstoßen gegen geltende Sicherheitsnormen.

02.08.2017 23:16
Sonnenuntergang über Frankfurt
Die Kraft der Sonne machen sich immer mehr Menschen zu Nutzen – auch gegen Widerstände. Foto: rtr

Blumenkübel, Wäscheständer, im Winter-Halbjahr der Bierkasten – das ist das Standard-Mobiliar für den Mietshaus-Balkon. Doch immer öfter kommen Solarpaneele hinzu, die unkompliziert Ökostrom für die Eigennutzung produzieren. Mehr als 30 000 der Mini-Anlagen werden heute deutschlandweit betrieben, schätzen Experten.

Doch es gibt ein Problem: Die Balkon-Systeme sind zwar nicht explizit verboten, verstoßen aber gegen geltende Elektrotechnik-Normen. Die sollen zwar geändert werden, doch das Verfahren zieht sich – und so wächst der Markt für die „Guerilla-Technik“ auf dem Balkon vorerst weiter in einer Grauzone.

Solarstrom ist billig geworden. Hausbesitzer, die sich heute eine Fotovoltaik-Anlage auf das Dach bauen lassen, können ihn für nur noch etwa zehn Cent pro Kilowattstunde „ernten“. Strom aus der Steckdose hingegen kostet beim Versorger rund 30 Cent.

Über die Steckdose angeschlossen 

Zwar hat der Bundestag gerade beschlossen, dass künftig auch Mieter in den Genuss von Solarenergie kommen können – falls der Vermieter eine Solaranlage aufs Dach seiner Immobilie bauen lässt und mit ihnen entsprechende Lieferverträge schließt. Wie gut dieses Konzept einschlägt, bleibt abzuwarten. Die Balkonanlagen hingegen sind vergleichsweise billig, meist einfach zu installieren und erfordern keinen Formularkrieg.

Angeboten werden die Mini-Systeme bereits seit einigen Jahren, vor allem im Internet. Die Anlagen bestehen meist aus ein bis fünf Paneelen und einem integrieren Wechselrichter, der aus dem in den Solarzellen produzieren Gleichstrom den im Netz üblichen Wechselstrom mit 230 Volt und 50 Hertz macht. Die Anlagen können neben den Blumenkästen über die Balkonbrüstung gehängt oder, wenn vorhanden, auf eine sonnige Terrasse gestellt werden. Ans Stromnetz des Haushaltes werden sie über eine ganz normale Steckdose angeschlossen.

Der eigenproduzierte Strom fließt über die Elektrizitätsleitungen im Haushalt und ersetzt dort die entsprechende Menge „Normalstrom“, der sonst vom Versorger kommt. Der Stromzähler läuft langsamer, die Stromrechnung sinkt.

Die Spitzenleistung kleiner Balkonanlagen beträgt meist 200 bis 300 Watt, es gibt jedoch auch Systeme mit über 1000 Watt. Die kleineren Systeme liefern übers Jahr gesehen soviel Elektrizität wie eine Spülmaschine verbraucht, die dreimal pro Woche läuft. Strom, der nicht direkt im jeweiligen Haushalt verbraucht wird, fließt ins öffentliche Netz.

Eigentlich bieten die Mini-Anlagen das Potenzial für einen neuen Solar-Boom. Laut den Herstellern amortisieren sie sich nach einigen Jahren und sparen dem Nutzer dann Geld. Dass der Boom noch auf sich warten lässt, liegt vor allem an der unklaren Rechtslage.

Wer seinen Balkon zur Solarernte nutzt, verstößt gegen eine Sicherheitsnorm des Elektrotechnik-Verbandes VDE. „Nach dem Einstecken der Erzeugungsanlage“ in eine normalen Steckdose könne es „zur Überlastung von Stromkreisen und dadurch zu Bränden kommen“, warnt er.

Die Sicherungen im Haushalt könnten die in die Steckdose rückgespeiste Elektrizität nicht erkennen und würden eventuell nicht anspringen. Besitzer von Mini-Anlagen, die diese bei ihrem Netzbetreibern anzeigen, bekommen daher oft Ärger.

In der Solarbranche hält man die Warnungen für weit übertrieben. Der Lobbyverband Deutsche Gesellschaft für Sonnenenergie (DGS) zum Beispiel argumentiert, in den Stromkreisen gebe es ausreichende Reserven, um die Kleinanlagen mit wenigen hundert Watt Leistung sicher aufzunehmen.

Die DGS verweist auf die Niederlande. Dort gebe es eine „Bagatellgrenze“ von 500 Watt für die Einspeisung von Solarstrom. „200 000 Niederländer haben sich selbst kleine Anlagen installiert, ohne dass es zu Zwischenfällen gekommen wäre“. Ähnliche Regelungen gebe es auch in Österreich und der Schweiz. Es bestehe „kein Risiko“, wenn Anlagen bis 600 Watt angeschlossen werden, kommentiert DGS-Gutachter Udo Siegfriedt.

Nach fast zehn Jahren Debatte bewegen sich die Dinge auch hierzulande. Der VDE arbeitet mit Netzbetreibern, Anlagen-Herstellern, Verbänden und anderen Experten an neuen Normen, die festlegen, unter welchen Bedingungen die Mini-Anlagen Strom einspeisen dürfen.

Eine Prognose, wann sie in Kraft treten, will man bei dem Verband allerdings nicht abgeben, nachdem jüngst ein bereits vorliegender Kompromiss wegen Einsprüchen Beteiligter wieder geplatzt ist. Diskutiert wird nach FR-Informationen, für den Anschluss spezielle Steckdosen mit einem Fehlerstrom-Schutzschalter vorzuschreiben. Das freilich würde die Sache verkomplizieren und verteuern.

Dass die Mini-Anlagen nicht nur Spielerei sind, zeigt ein Projekt des Oldenburger Energieversorgers EWE, der im Mai 2016 ein ganzes Mietshaus mit den Balkonmodulen ausgerüstet hat. Die Mieter des Gebäudes in Delmenhorst konnten im ersten Betriebsjahr immerhin fast 20 Prozent ihres Stromverbrauchs aus den Solarmodulen decken, berichtet Holger Laudeley, Geschäftsführer des Unternehmens Laudeley Betriebstechnik, das die Module geliefert und installiert hat. „Den Standby-Verbrauch der vielen heute üblichen Elektrogeräte kann man damit auf jeden Fall abdecken“, sagt er.

Das EWE-Projekt soll zwei Jahre laufen, danach können die Mieter die Anlagen kaufen, die eine Lebensdauer von über 20 Jahre haben. „Daran, dass die EWE so etwas durchführt, sieht man, dass die Front der Ablehnung bröckelt“, glaubt Laudeley. Die meisten anderen Versorger sperrten sich aber immer noch gegen die Balkonanlagen, berichtet er. „Die kämpfen immer noch gegen die Energiewende von unten.“

Der norddeutsche Versorger fährt in der Tat einen vergleichsweise offenen Kurs: „Unsere Kunden erwarten, dass wir ihnen die Möglichkeit bieten, ihren eigenen Strom zu erzeugen und zu nutzen.“ Projekte wie das in Delmenhorst lieferten wichtige Erkenntnisse, um das Energiesystem der Zukunft zu entwickeln, heißt es bei EWE. „Wir gehen davon aus, dass Energie in Zukunft dezentraler wird, und deshalb wollen wir unsere Kunden zu Energiemanagern machen.“

Dass man sich das eigene Geschäft dadurch zerstört, glauben die EWE-Manager nicht. „Wir verkaufen natürlich erstmal weniger Strom.“ Aber dafür würden „neue zukunftsfähige Dienstleistungen für unsere Kunden“ entwickelt. Und der Oldenburger Konzern spricht sich sogar dafür aus, durch Einführung einer „Bagatellgrenze“ die Nutzung der Mini-Anlagen künftig einfacher zu machen.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Energie

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum