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Atomkraftwerke Das Märchen vom Restrisiko

Schon in den 70er Jahren zeigten Studien, wie gefährlich Atomkraftwerke wirklich sind: Rechnerisch droht eine unbeherrschbare Kernschmelze alle 10.000 Jahre - pro Reaktor. Bei heute mehr als 400 Reaktorblöcken weltweit also alle 25 Jahre.

21.03.2011 14:55
Greenpeace-Protest in Neckarwestheim. Foto: dpa

Angela Merkel, die Physikerin, die Bundeskanzlerin wurde, tat vergangene Woche völlig überrascht darüber, dass eine Katastrophe wie in Fukushima überhaupt geschehen konnte. Das "absolut Unwahrscheinliche" sei dort eingetreten, sagte sie. Das verändere die Debatte über die Atomkraft. Da drängt sich die Frage auf: Konnte man tatsächlich nicht wissen, dass das "Restrisko" der AKW für einen Kernschmelz-Unfall gar nicht so winzig ist, wie das Wort vorgaukelt?

Doch, konnte man. Musste man sogar. Wie gefährlich die Nutzung der Kernspaltung ist, wusste die Welt spätestens seit dem 6. August 1945 - seit dem Abwurf der amerikanischen Atombombe auf Hiroshima. Zwar sollte die zivile Nutzung der Atomkraft, die ebenfalls von den USA forciert wurde, nichts mit diesem Horror zu tun haben. Trotzdem nahmen die Amerikaner ab Mitte der 50er Jahre Reaktoren für die Stromerzeugung in Betrieb, in denen die Kernschmelze nicht ausgeschlossen war, jener Super-GAU, der von den Sicherheitseinrichtungen der Anlage nicht mehr beherrscht wird.

In den USA entstanden Studien zu den Gefahren. Der 1974 erarbeitete „Rasmussen-Report“ postulierte: Es sind zwar große Schäden möglich, aber die „Eintrittswahrscheinlichkeit“ ist minimal. Später kam heraus: Die Studie hatte methodische Fehler, beruhte teils auf falschen Annahmen, Ergebnisse waren manipuliert worden. Doch sie festigte das Argumentationsmuster, mit dem die Atombranche überall ihre Anlagen propagierte: Es gebe nur ein zu vernachlässigendes „Restrisiko“. Prominente US-Forscher verkündeten, die Gefahr, durch einen Atomunfall zu sterben, sei geringer, als von einem Meteoriten getroffen zu werden. Wer genauer hinschaute, konnte schnell merken, dass das nicht stimmte.

In Deutschland erschien 1979 die grundlegende "Deutsche Risikostudie Kernkraftwerke" (DRS). Damals waren bereits eine ganze Reihe AKW wie Biblis A und B, Neckarwestheim sowie Brunsbüttel ans Netz gegangen. Das Fazit: Ein Super-GAU könne im Extremfall - falls die Kernschmelze nicht gestoppt werden kann, der Reaktor-Sicherheitsbehälter zerstört und massiv Radioaktivität frei wird - 14.500 "Sofort-Tote" und 104.000 Spätgeschädigte als Opfer fordern.

Die Wahrscheinlichkeit für einen Kernschmelz-Unfall laut der Studie: pro Reaktor "einmal in 10.000 Betriebsjahren". Was wie ein geringes Risiko klingt, ist alles andere als harmlos. Legt man zugrunde, dass bereits damals weltweit rund 250 Reaktoren liefen, musste mit einer Kernschmelze pro 40 Jahren gerechnet werden. Die Fast-Katastrophe im US-amerikanischen Harrisburg passt zu dieser Rechnung. Sie geschah 1979, rund 25 Jahre nach Beginn der atomaren Stromproduktion.

Himmelfahrtskommandos eingeplant

In Deutschland sah das 1973 von der SPD-geführten Bundesregierung verabschiedet vierte Atomprogramm vor, die Atomkapazitäten auf rund 50 Reaktoren auszubauen. Nach den DRS-Zahlen wäre bei diesem Stand eine Kernschmelze alle 200 Jahren zu erwarten gewesen. Allerdings: Die Wahrscheinlichkeit sagt nichts darüber aus, wann in der jeweiligen Periode ein Unfall eintritt. Es kann in 200 Jahren passieren, in zehn Jahren - oder schon morgen. Trotzdem folgerte die damals betont atomfreundliche Kölner Gesellschaft für Reaktorsicherheit (GRS) 1979: "Kernkraftwerke sind sicherer als andere Energie-Erzeugungsanlagen und liefern einen vernachlässigbar kleinen Beitrag zum akzeptierten Risiko der modernen Industriegesellschaft." Die verantwortlichen Politiker, egal ob von SPD, CDU oder FDP, zweifelten diese Interpretation nicht an.

Die DRS-Studie wurde in den 80er Jahren aktualisiert. Das Ergebnis präsentierte 1989 der damalige Forschungsminister Heinz Riesenhuber (CDU). Sein Fazit: Das "Restrisiko" sei geringer, als zehn Jahre vorher berechnet, die Kernschmelze „nur“ einmal pro 33.000 Betriebsjahre wahrscheinlich. Begründung: Das für die Studie untersuchte AKW – der Block Biblis B - sei durch "eine Reihe von Änderungen" in der Anlage sicherer geworden. Außerdem könne das Risiko bei einem Ausfall der Notfall-Systeme weiter gedrückt werden - durch "anlagen-interne Notfallmaßnahmen". Dadurch sinke das Risiko noch einmal um eine Größenordnung. Beispiel für die unkonventionellen Maßnahmen: das Einspeisen von Kühlwasser in Reaktoren per Feuerwehr-Schlauch. Eine Maßnahme, von der seit Fukushima jeder weiß, was sie bedeutet: ein Himmelfahrtskommando für diejenigen, die sie ausführen müssen.

Tatsächlich standen in der neuen Studie, genannt „DRS-B“, Details, die das Gegenteil von Riesenhubers Entwarnung bedeuteten. Es hatte sich nämlich gezeigt, dass - anders als in der ersten Untersuchung - fast alle Super-GAU-Abläufe schnell zur Zerstörung des Sicherheitsbehälters führen würden. Das heißt: Kommt es zur Kernschmelze, kommt es praktisch immer auch zum massiven Austritt von Strahlung. Die Chance, einen solchen Unfall gerade noch zu stoppen, wie in Harrisburg gelungen, wäre gering. Das Darmstädter Öko-Institut, das die offizielle Studie kritisch analysiert hatte, kommentierte: „Das Risiko für die Umgebung ist dramatisch höher als in Phase A ermittelt.“ Zudem monierten die Forscher, dass nicht alle denkbaren Unfallursachen berücksichtigt worden seien, zum Beispiel keine Sabotage-Aktionen.

Die Stromkonzerne, die Altmeiler wie Biblis betreiben, verwiesen in der seither immer wieder aufgeflammten Risiko-Debatte zwar, sie hätten hunderte Millionen Euro in die Nachrüstung der Alt-Meiler wie Biblis A und B gesteckt. Das habe das Sicherheitsniveau erhöht. Ob das ausreicht, ist umstritten. Die jüngste große AKW-Studie der Kölner GRS-Experten aus dem Jahr 2001 jedenfalls kam zu dem Ergebnis: Selbst in den modernsten, sicherheitstechnisch verbesserten Atomreaktoren der so genannten Konvoi-Serie - Isar-2, Emsland und Neckarwestheim - ist ein Super-GAU mit verheerenden Folgen nicht ausgeschlossen.

An Terroranschläge war nie gedacht

Mit dem Anschlag von New York am 11. September 2001 kamen dann neue Risiken ins Spiel, die keine Risikostudie behandelt hatte - etwa den gezielten Terror-Angriff mit einem Passagierflugzeug auf einen Reaktor. Eine von der Bundesregierung 2002 bei der GRS in Auftrag gegebene Untersuchung ergab: Kein einziges deutsches AKW ist so gegen eine solche Attacke gesichert, dass eine Atomkatastrophe ausgeschlossen werden kann. Wahrscheinlichkeiten für einen so ausgelösten Super-GAU anzugeben, ist jedoch unmöglich. „Man hat Erfahrungen, wie oft es Stromausfälle gibt oder wie oft eine Kühlpumpe versagt. Wie oft eine Terrorattacke zu erwarten ist, kann man nicht berechnen“, kommentiert der Reaktorexperten Lothar Hahn, der von 2002 bis 2010 der Chef der GRS war. Nur: Ausblenden kann man die Gefahr deswegen nicht.

Hahn resümiert in klaren Worten: „Schwere Kernschmelzfälle waren nie absolut unwahrscheinlich.“ Und: „Restrisiko ist ein irreführender Begriff.“

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