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Atomkraft Ausstieg ist machbar

Schon 2015 könnten alle 17 deutschen Meiler heruntergefahren werden. Zu diesem Schluss kommt Olav Hohmeyer, Professor für Energie- und Ressourcenwirtschaft, nach einer Untersuchung des Kraftwerksparks.

18.03.2011 22:31
Frank-Thomas Wenzel und Jakob Schlandt
Das Atomkraftwerk Biblis in der Abenddämmerung. Foto: dpa

Atomkraftwerke abschalten, jetzt sofort, oder zumindest innerhalb weniger Jahre. Das wünscht sich eine Mehrzahl der Bürger, spätestens seit der Atom-Katastrophe in Japan. Geht das überhaupt? Es geht. Schon 2015 können alle 17 deutschen Atomkraftwerke für immer heruntergefahren werden – obwohl sie 2010 noch rund 23 Prozent des Stroms erzeugten. „Und der Preis für die Verbraucher dafür ist überschaubar“, sagt Olav Hohmeyer. Der Professor für Energie- und Ressourcenwirtschaft hat den Kraftwerkspark analysiert.

Nach Hohmeyers Ansicht können alle AKW relativ problemlos durch konventionelle Kraftwerke ersetzt werden, die entweder Braun- oder Steinkohle oder Gas verfeuern. Allein die bereits vorhandenen Anlagen, die derzeit nicht oder nur gelegentlich genutzt werden, kommen auf eine Leistung von mehr als 15 Gigawatt, erläutert der Wissenschaftler von der Universität Flensburg, der auch dem Sachverständigenrat für Umweltfragen angehört. Hinzu rechnet Hohmeyer die Projekte, die derzeit in Planung sind und noch einmal mehr als zwölf Gigawatt bringen.

Auch das Öko-Institut hat ein Ausstiegsszenario errechnet, das gestern vorgestellt wurde – es ähnelt Hohmeyers Berechnung. Die Leistung der sieben ältesten Meiler und des Pannenreaktors Krümmel, die jetzt schon stillstehen, könnten problemlos durch vorhandene Reserven kompensiert werden. Sechs weitere Meiler, so die Autoren, könnten bis 2013 vom Netz. Dafür müssten eingemottete, alte Kraftwerke wieder anlaufen, das Stromnetz besser gesteuert werden. Die letzten drei AKW-Blöcke schließlich müssen mit neuen Anlagen, zum Beispiel Gaskraftwerken, kompensiert werden.

Wer diesen Weg gehen will, handelt sich allerdings ein Problem mit dem Klimaschutz ein. Braunkohlekraftwerke, von denen einige länger am Netz bleiben müssten, sind wahre Kohlendioxid-Schleudern. Deutlich weniger CO2 wird zwar bei Steinkohle und noch weniger bei Gaskraftwerken in die Luft geblasen. Doch die Emissionen würden insgesamt merklich steigen, auch wenn sich an der gesamteuropäischen Obergrenze nichts ändern würde. Josef Auer, Energieexperte von Deutsche Bank Research, votiert dennoch für diesen Weg: „Wir brauchen eine ausgewogenere Energiepolitik, die eine höhere CO2-Belastung zeitweise zurückstellt.“ Dies könne in nachfolgenden Jahren „durch den verstärkten Einsatz von erneuerbaren Energien wieder ausgeglichen werden“.

In diese Richtung denkt auch Hohmeyer. In seinem Szenario geht der zwischenzeitliche Ausbau der fossilen Energieträger mit einer forcierten Erweiterung der erneuerbaren Stromerzeugung einher. Vom Jahr 2023 an könnten dann Kohle und Gas zurückgefahren werden. Im Szenario des Flensburger Wissenschaftlers wird Strom aus regenerativen Quellen im Jahr 2030 die komplette Versorgung mit Strom übernehmen. Hohmeyer weiß, dass das „ein sehr sportliches Ziel ist, dass es gleichwohl aber machbar ist“. Und dadurch werde die höhere CO2-Belastung in den Vorjahren mehr als kompensiert.

Doch das Kohlendioxid schadet nicht nur der Umwelt. Die verstärke Verstromung von Kohle wird in den nächsten Jahren eine teure Angelegenheit. Denn Kraftwerksbetreiber, die CO2 produzieren müssen sich mehr Verschmutzungszertifikate kaufen, deren Preis dann auch noch steigt.

Hohmeyer rechnet deshalb mit höheren Tarifen für Verbraucher. Eine vierköpfige Familie müsse für den Atomausstieg praktisch von sofort an zehn bis 20 Euro im Jahr zusätzlich zahlen. Ferner kämen Belastungen für den Umbau des Energiesystems hinzu, die bis 2023 jährlich steigen würden, und in diesem Jahr dann einen weiteren Aufschlag auf den „normalen“ Strompreis von 150 Euro bedeuten würden. Danach sinke aber diese Summe. „Und 2030 haben wir die kostengünstigste Stromerzeugung“, so der Wissenschaftler.

Skeptischer sieht das Michael Schlesinger, Direktor der Prognos AG aus Basel. Er rechnet für die Energiewende mit „erheblichen zusätzlichen Kosten“. Schließlich muss nicht nur in die Stromerzeugung investiert werden, sondern es müssen auch intelligente Stromnetze und -speicher gebaut werden. Allzu schnell werde die Energiewende nicht gehen: „In der Vergangenheit hat sich gezeigt, wie langwierig die Verzögerungen bei großen Infrastrukturprojekten sind, selbst wenn der politische Wille zu Umsetzung groß ist.“ Schon der schnelle Bau zahlreicher Gaskraftwerke in der Anfangsphase sei schwierig.

Wischt man diese Bedenken beiseite, stellt sich die Frage: Wie sieht der grüne Strommix 2030 aus? Dafür gibt es zahlreiche konkurrierende Szenarien. Fest steht aber: Die Windkraft wird im Zeitalter der Erneuerbaren die wichtigste Quelle für die Stromerzeugung in Deutschland. In diesem Punkt herrscht nahezu Konsens unter Wissenschaftlern. In Hohmeyers Szenario sind es 80 Prozent, ergänzt um zehn Prozent Photovoltaik, fünf Prozent aus Bio-Energie und fünf Prozent aus Laufwasserkraftwerken.

Kontrovers wird noch diskutiert, wo die Rotoren stehen sollen. Hohmeyer bevorzugt Standorte auf hoher See. Die Offshore-Anlagen hätten den Vorteil, dass sie sehr verlässlich Elektrizität erzeugen. 4000 Stunden pro Jahr gelten als sichere Größe für die Kraftwerke, die in großtechnischem Stil errichtet werden sollen. In Deutschland wird derzeit an großen Feldern gebaut, während sie in Großbritannien schon Dienst verrichten.

Doch Hermann Albers, Präsident des Bundesverbandes Windenergie warnt: „Einer höheren Ausbeute der Offshore-Anlagen stehen exorbitant höhere Kosten gegenüber.“ Man müsse dabei mit Investitionskosten von 4300 Euro pro installiertem Kilowatt kalkulieren. Onshore, also an Land, komme der Betreiber mit 1400 Euro aus.

Josef Auer sieht ergänzend noch große Potenziale für den Einsatz von Erdgas – es kann in hocheffizienten Kraftwerken Strom erzeugen, Wärme auskoppeln und ist mit niedrigem Schadstoffausstoß der umweltfreundlichste fossile Energieträger. Auer hält den Atom-Ausstieg erst für 2025 umsetzbar. Die Turbovariante sei ein „schönes Gedankenspiel, aber unrealistisch. Die Kosten sind zu hoch, und es ist schwierig, die Pläne politisch durchzusetzen.“

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