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Atomenergie Beim AKW-Rückbau hakt es

Die Produktion der Castor-Behälter für die Brennstäbe aus den acht stillgelegten Atommeilern verzögert sich. So gibt es rund 600 „Sonder-Brennstäbe“, die nicht in den bereits zugelassenen Castoren transportiert werden können

Erörterungstermin Abbau Atomkraftwerk Isar 1
Der Kühlturm bleibt im Dorf (AKW Isar 1 und 2). Foto: dpa

Acht deutsche Atomkraftwerke sind seit Fukushima stillgelegt. Ihr Rückbau dauert mindestens ein Jahrzehnt, allerdings verläuft die Vorbereitung dafür schleppend. Für einen Teil der Reaktoren musste erst ein neuer Castor-Behälter genehmigt werden, um die abgebrannten Brennelemente aus den Anlagen sicher unterbringen zu können. Das ist jetzt geschehen. Trotzdem warnen Atomexperten und die Grünen, dass sich der Rückbau der AKW weiter verzögern könnte.

Vier der acht im März 2011 abgeschalteten AKW sind so genannte Siedewasser-Reaktoren, Isar 1 (Bayern), Philippsburg 1 (Baden-Württemberg), Brunsbüttel und Krümmel (beide Schleswig-Holstein). Obwohl fast dreieinhalb Jahre vergangen sind, konnten die AKW-Betreiber dort nicht mit der Entfernung des Brennstoffs beginnen, weil der dafür geeignete neue Castor-Behälter (Typ „V52“) noch nicht zugelassen war. Und es gab noch ein Problem: Die beiden letzten laufenden Siedewasser-Reaktoren im bayerischen Gundremmingen standen kurz vor einem erzwungenen Betriebsstopp. Deren interne Brennelement-Lagerbecken sind fast voll. Ohne Umladung eines Teils der älteren Brennelemente in Castoren hätte das AKW abgeschaltet werden müssen.

Das Bundesamt für Strahlenschutz in Salzgitter (BfS) erteilte jetzt das Okay für den Behälter-Typ, wie ein Sprecher der FR mitteilte. Die Castor-Produktionsfirma, die Gesellschaft für Nuklearservice (GNS), habe erst Ende Juli letzte Antragsunterlagen eingereicht. „Nachdem die Sicherheit nachgewiesen wurde, stand einer zügigen Genehmigung nichts mehr im Wege.“ Die GNS ist eine Tochter der vier Stromkonzerne Eon, RWE, EnBW und Vattenfall. Der bereits länger existierende Castor-Typ, der 52 Brennelemente aufnehmen kann, hatte wegen neuer Vorschriften der internationalen Atombehörde (IAEA) modernisiert werden müssen.

Der Bedarf an Castor-Behältern ist durch die gleichzeitige Stilllegung fast der Hälfte der 17 deutschen AKW anno 2011 deutlich gestiegen. Die Brennelemente aus diesen Reaktoren müssen in Atombehälter geladen und dann in den Zwischenlagern „geparkt“ werden, die es an den jeweiligen AKW-Standorten gibt. Dort sollen sie mehrere Jahrzehnte bleiben, bis etwa Mitte des Jahrhunderts in Gorleben oder an einem anderen Ort ein Endlager für den stark strahlenden Atommüll errichtet ist. Dasselbe gilt für die weiteren neun AKW, die bis zum endgültigen Ausstieg im Jahr 2022 sukzessive vom Netz gehen. Die GNS hat inzwischen ihre Produktionskapazität für Castoren von 50 auf 80 pro Jahr erhöht, was nach Expertenschätzung theoretisch ausreicht, um den Brennelemente-Stau aufzulösen.

Das Bundesumweltministerium hält es für „realisierbar“, die acht AKW bis 2016 oder 2017 „brennstoff-frei“ zu machen und damit im Zeitplan für den AKW-Rückbau zu bleiben, wie es auf Anfrage mitteilte. Allerdings ist die jetzt erteilte Genehmigung für den Castor V52 längst nicht das einzige Problem, das gelöst werden muss, um das zu schaffen. So gibt es in den acht stillgelegten AKW rund 600 „Sonder-Brennstäbe“, die nicht in den bereits zugelassenen Castoren transportiert werden können, räumte das Ministerium kürzlich in der Antwort auf eine Grünen-Anfrage ein. Allein am hessischen AKW-Standort Biblis, wo RWE zwei Druckwasser-Reaktoren betrieben hat, gibt es knapp 300 davon.

Dabei geht es unter anderem um beschädigte Brennstäbe. Die AKW-Betreiber wollen dafür Castor-Spezialanfertigungen einsetzen, quasi mit einem zusätzlichen Behälter für die Brennstäbe im eigentlichen Behälter. Sie müssen eigens genehmigt werden. Besonders behandelt werden müssen auch solche Brennstäbe, die vor der Abschaltung erst kurze Zeit im Reaktor waren. Letzte sind nur gering „abgebrannt“. Das macht Probleme, weil ihre „Zerfalls-Aktivität“ höher ist und weniger von ihnen in die Behälter gepackt werden dürfen als normal. Die GNS hat laut BfS für Biblis dafür in einem „Pilotverfahren“ einen Antrag für den Druckwasser-Castor Typ V19 gestellt, als Musterfall für alle acht betroffenen AKW. Das Verfahren läuft zwar derzeit, die GNS habe „aber noch nicht alle Unterlagen eingereicht“. Für den neuen Castor V52 sei bisher noch kein Antrag gestellt worden.

Ob die „Brennstoff-Freiheit“ bis 2016/17 zu schaffen ist, hängt von rechtzeitigen Genehmigungen ab. Das Umweltministerium, dem das BfS untersteht, rechnet damit, dass die Genehmigungen „zeitgerecht erteilt werden können“ – „sofern die Antragsunterlagen durch die Antragssteller in der erforderlichen Qualität und zeitgerecht eingereicht werden“. Ein Seitenhieb auf die AKW-Betreiber, die dem BfS den schwarzen Peter für lange Genehmigungszeiten zuschieben. Die Grünen-Atomexpertin Sylvia Kotting-Uhl glaubt, dass Konzerne wie Ministerium schuld an der Malaise sind: „Die AKW-Betreiber haben den Castor-Engpass zu verantworten“, und das Ministerium mache nicht genügend Druck. „Es muss sich engagierter darum kümmern, dass die acht AKW brennstoff-frei werden.“

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