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Atomdebatte Nur noch sechs AKW am Netz

Auszeit ohne große Folgen: Auch mit nur zehn Prozent Atomstrom in Energiemix ist von Versorgungslücken nichts zu bemerken. Damit erhalten Kernkraft-Kritiker Auftrieb, die einen schnellen Atomausstieg für machbar halten.

04.05.2011 17:06
Die Akzeptanz der Atomkraft in Deutschland schwindet. Foto: dapd

Das Kernkraftmoratorium veranlasste RWE-Chef Jürgen Großmann vor zwei Wochen zu einer drastischen Warnung. Es drohten nicht nur höhere Strompreise, es steige auch die Gefahr von Stromausfällen immens.

Bislang ist das eine leere Drohung. Den Revisionslisten der AKW-Betreiber zufolge sind seit Anfang der Woche nur noch sechs deutsche Atomkraftwerke am Netz – so wenige wie seit den frühen 70er Jahren nicht mehr. Doch zu Stromausfällen ist es bislang nicht gekommen. Auch die Strompreise bewegen sich kaum. Damit erhalten Kernkraft-Kritiker Auftrieb, die einen schnellen Atomausstieg für machbar halten.

Grohnde und Gundremmingen vom Netz

Am Sonntag um 17 Uhr ging der von RWE betriebene Reaktor Gundremmingen B für Wartungsarbeiten vom Netz. Montags folgte das Eon-Kernkraftwerk Grohnde, ebenfalls für turnusmäßige Revisionsarbeiten. Und schon Ende März war der RWE-Meiler Grafenrheinfeld vom Netz gegangen. Die pannenträchtige Anlage von Vattenfall in Krümmel ist schon seit Jahren nicht mehr in Betrieb. Hinzu kommen die sieben älteren Reaktoren, die Mitte März nach der Fukushima-Katastrophe auf Geheiß der Bundesregierung abgeschaltet wurden.

Also laufen von den 17 deutschen Meilern nur noch sechs. Die Stromleistung hat sich von 21.000 Megawatt auf 8500 Megawatt verringert. Damit können nur gut zehn Prozent der maximalen Stromnachfrage gedeckt werden. Doch die Folgen halten sich in Grenzen. Größere Stromausfälle sind bis jetzt nicht zu beklagen. Eine Sprecherin des größten deutschen Höchstspannungs-Netzbetreibers Tennet sagte: „Wir haben die technischen Möglichkeiten, auf die Abschaltung der Kernkraftwerke zu reagieren.“ Es müsse allerdings täglich in den Kraftwerkspark eingegriffen werden. Wartungsarbeiten am Netz seien zudem verschoben worden.

Keine Reaktion an der Strombörse

Auch an der Strombörse gibt es kaum eine Reaktion darauf, dass 60 Prozent der Kernkraftwerksleistung fehlen. Am Spotmarkt des Leipziger Handelsplatzes EEX, an dem Strom zur stundengenauen Lieferung ge- und verkauft wird, gab es keine Preisänderungen außerhalb der üblichen Schwankungsbreite.

Woher kommt der Ersatz für den Atomstrom? Zum einen muss Deutschland mehr Strom aus dem Ausland importieren. Frankreich liefert seit Montag fast durchgängig bis zu 3000 Megawatt Strom, das entspricht der Leistung von zwei Kernkraftwerken. Im Saldo ist der Betrag aber deutlich geringer, weil erhebliche Mengen deutschen Stroms in die Schweiz, nach Österreich und Polen exportiert werden. Zum anderen laufen die fossilen Kraftwerke mehr.

Aus den Daten der Kraftwerksbetreiber geht hervor, dass vor allem Kohle- und Gaskraftwerke länger und mit höherer Leistung am Netz sind. Claudia Kemfert, Energieexpertin des Berliner Wirtschaftsinstituts DIW sagte: „Der Preis für einen schnellen Atomausstieg ist eine Umschichtung auf Kohle und Gas.“ Damit, so Kemfert, stiege zwischenzeitlich auch die Kohlendioxid-Produktion. Kemfert warnte davor, dass der Spielraum im deutschen Stromnetz mit Abschaltung zahlreicher Meiler deutlich sinke. „Im Augenblick haben wir Erzeugungskapazitäten von 83.000 Megawatt sicher zur Verfügung, die maximale Nachfrage liegt bei rund 80.000 Megawatt. Wollen wir nicht vom Ausland abhängig sein, ist das knapp bemessen.“

Für die Grünen ist die problemlose Auszeit eine Steilvorlage: „Mit jedem weiteren abgeschalteten AKW fallen die Lügengebäude zusammen, dass Deutschland so dringend auf die Reaktoren angewiesen ist“, sagte die Energieexpertin Bärbel Höhn.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Atomausstieg

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