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Atom-Endlager Atomentsorgung wird noch viel teurer

Experten warnen vor Milliardenkosten für den Staat: Bis ein Endlager gefunden, eingerichtet und befüllt ist, könnten noch 150 Jahre ins Land gehen.

20.04.2015 17:24
Besuch im maroden Atommülllager Asse bei Remlingen. Foto: dpa

Die Kosten der Atomentsorgung in Deutschland drohen deutlich höher auszufallen als bisher veranschlagt. Nach Einschätzung des Vorsitzenden der Endlager-Such-Kommission des Bundestages, Michael Müller (SPD), könnten sie in den nächsten Jahrzehnten auf 50 bis 70 Milliarden Euro ansteigen. Die Rückstellungen der vier Stromkonzerne Eon, RWE, EnBW und Vattenfall, die diese für Abriss der Atomkraftwerke, Zwischen- und Endlagerung gebildet haben, betragen hingegen nur rund 36 Milliarden. „Auf den Staat kommen erhebliche finanzielle Risiken zu, wie das auch die Untersuchungen des Bundeswirtschaftsministeriums zeigen“, sagte Müller der Frankfurter Rundschau.

Die Endlager-Kommission soll bis Mitte 2016 den Neustart der Endlagersuche vorbereiten. Ihre 33 Experten haben quasi Halbzeit, am heutigen Montag treffen sie sich zu ihrer 11. Sitzung. Eine Arbeitsgruppe der Kommission hat inzwischen ein Papier zum möglichen Zeitablauf von Standortsuche und Endlagerbau vorgelegt. Daraus ergibt sich, dass das Projekt möglicherweise erst Mitte des nächsten Jahrhunderts abgeschlossen sein wird. Das Ende der Einlagerung des Atommülls erwarten die Experten erst „zwischen 2075 und 2130“ und den „Zustand eines verschlossenen Endlagerbergwerks … zwischen 2095 und 2170 oder später“.

Zeitplan gefährdet

Das Standort-Suchgesetz, das der Bundestag 2013 verabschiedet hat, sieht einen Beginn der neuen Suche für 2018 und die endgültige Festlegung eines Endlagerstandortes 2031 vor. Die Experten haben Zweifel, ob das zu schaffen ist. „Die Realisierungs-chancen“ dafür seien „unklar“, heißt es in ihrem Papier. Die Inbetriebnahme des Lagers sei „frühestens 2045/2050 denkbar“. Erst danach kann der sukzessive Abtransport der Castoren aus den aktuell 16 Zwischenlagern zum Endlager beginnen. Die Einlagerungsprozedur wird nach Schätzung der Arbeitsgruppe 30 bis 80 Jahre dauern.

Gegenüber früheren Planungen bedeutet das eine erhebliche Verzögerung. Die Atomexperten weisen darauf hin, dass das Probleme für die Zwischenlagerung der Castoren bringe, in denen abgebrannte Brennelemente und Glaskokillen mit anderen stark strahlenden Abfälle „geparkt“ seien. Die bisherigen Lager sind nur für 40 Jahre genehmigt. Möglicherweise müsse der Strahlenmüll dann an andere Standorte gebracht oder in andere Behälter umgeladen werden. Dabei handele es sich um „technisch, ökonomisch und institutionell aufwändige Prozesse“. Zu deutsch: Es dauert lang und wird teuer.

Kommissionsmitglied Michael Sailer warnte im Gespräch mit der FR vor einer Dauerlagerung in den Zwischenlagern. „Ohne zügige Abwicklung der Endlagersuche könnte Atommüll in einigen Zwischenlagern bis nach 2100 bleiben“, sagte er. Brennelemente und Glaskokillen drohten durch Alterungsprozesse instabil zu werden.

Es bestehe die Gefahr, so Sailer, dass große Mengen Radioaktivität freigesetzt würden, da die oberirdischen Lager eher gefährdet seien als ein Endlager – etwa durch Krieg oder Terrorismus. Niemand könne sicher sein, dass Deutschland in 80 Jahren noch so friedlich sei wie heute. „Die Zwischenlagerung als Quasidauerzustand hinzunehmen, würde künftige Generationen unverantwortlich belasten“, meinte Sailer, der auch Chef der Entsorgungskommission des Bundes ist.

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