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AKW Schutzzone Mehr Menschen gefährdet

Strahlenschützer empfehlen die Einrichtung größeret Evakuierungszonen rund um die Standorte von Atomkraftwerken.

Wie viel Abstand zu einem AKW ist genug Abstand? Foto: Sascha Rheker

Ein schwerer Unfall in einem deutschen Atomreaktor würde deutlich mehr Menschen in Mitleidenschaft ziehen als bisher erwartet. Experten der Strahlenschutz-Kommission (SSK), die die Bundesregierung berät, dringen daher auf eine Ausweitung der Evakuierungszonen um die AKW-Standorte.

Der SSK-Vorsitzende, der Essener Professor Wolfgang-Ulrich Müller, bestätigte der FR, dass die zuständige Arbeitsgruppe der Kommission entsprechende Empfehlungen vorgelegt hat. Danach müssten die Katastrophenschutzbehörden eine zügige Evakuierung der Anwohner nicht mehr nur im Umkreis von zehn Kilometern, sondern von 20 Kilometern sicherstellen. Außerdem sollen Jodtabletten für Kinder, Jugendliche und Schwangere für das gesamte Bundesgebiet vorgehalten werden, bisher gilt das nur im 100-Kilometer-Umkreis. Dies soll Schilddrüsen-Schäden vorbeugen, die durch radioaktives Fallout entstehen können.

Die SSK-Arbeitsgruppe zieht damit die Konsequenzen aus einer Neubewertung des Risikos der Ausbreitung der Strahlung, die nach dem Super-GAU von Fukushima in Deutschland vom Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) begonnen wurde.

Innenministerien am Zug

Beschlossen werden müsste die Ausweitung der Katastrophenschutz-Zonen von den Innenministern von Bund und Ländern. Ob es dazu kommt, hängt von der nächsten Sitzung der Gesamt-SSK ab, die der Arbeitsgruppen-Empfehlung zustimmen muss. Beim letzten Plenum hatte es dagegen noch Widerstand gegeben. SSK-Chef Müller sagte, der Beschluss sei verschoben worden, weil die „radiologischen Grundlagen“ noch nicht komplett vorlägen. Außerdem sei Deutschland das einzige Land in Europa, „dass sich Gedanken in diese Richtung macht“. Dies sei zwar kein Grund, die Evakuierungszonen falls nötig nicht auszuweiten, müsse aber trotzdem in die Überlegungen einbezogen werden. Müller rechnet damit, dass die SSK verschärfte Empfehlungen im nächsten Jahr verschieden wird. Über den Vorschlag des SSK-Arbeitsgruppe hatte zuerst die Anti-Atom-Organisation „Ausgestrahlt“ berichtet.

Das BfS hatte sich nach dem Super-GAU in Japan 2011 mit der Frage befasst, wie weit und wie stark sich die Emissionen ausbreiten, wenn wie im Fall Fukushima radioaktive Stoffe über einen längeren Zeitraum freigesetzt werden und entsprechende Berechnungen durchgeführt. Die Ergebnisse wurden an die SSK und das Bundesumweltministerium weitergeleitet.

Der Radius der so genannten Zentralzone um AKW für die Evakuierung soll laut SSK-Arbeitsgruppe von zwei auf fünf Kilometer erweitert werden; sie muss im Katastrophenfall binnen sechs Stunden komplett geräumt sein. Die bisher in zwölf Sektoren eingeteilte „Mittelzone“ würde durch die Ausweitung von zehn auf 20 Kilometer flächenmäßig vervierfacht. Dort sollen Sektoren, die in Windrichtung liegen, innerhalb von 24 Stunden evakuiert werden. Die Folge wäre, dass deutliche mehr Landkreise als bisher Pläne erstellen müssten, um die Bevölkerung aus der Gefahrenzone zu bringen und ihnen Notunterkünfte zur Verfügung stellen zu können..

Langfristige Untersuchungen

Langfristige Umsiedelungen würden künftig in Regionen um AKW-Standorte vorgeschrieben sein, in denen eine jährliche Strahlendosis von mehr als 50 Millisievert (mSv) erwartet wird; bisher gilt ein Wert von 100 mSv. Entsprechend größer würden die Sperrzonen. In Japan gelten bereits Gebiete ab 20 mSv als unbewohnbar. In der BfS-Simulation eines Unfalls im AKW Philippsburg müssten laut „Ausgestrahlt“ je nach Eingreifwert von 100, 50 oder 20 mSv Gebiete im Umkreis von bis zu 25, 52 oder 170 Kilometern dauerhaft geräumt werden.

„Ausgestrahlt“-Sprecher Jochen Stay kommentierte: „Atomkraftwerke sind viel gefährlicher, als Behörden und AKW-Betreiber bisher behauptet haben.“ Die neun noch am Netz befindlichen AKW müssten viel schneller abgeschaltet werden als geplant. Das werde nicht nur das Unfallrisiko deutlich senken, sondern auch der Energiewende nützen, meinte Stay. „Denn jedes AKW, das vom Netz geht, verbessert die Situation der Gaskraftwerke, die derzeit reihenweise stillgelegt werden, obwohl wir sie als flexible Ergänzung der erneuerbaren Energien dringend brauchen.“

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