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Ende der Glühbirne Immer am Rande des Kurzschlusses

Der Einzelhandel darf die Glühbirne ab Freitag nicht mehr ordern. Das Licht, das hundert Jahre Industrialisierung und Globalisierung beleuchtet hat, verlischt.

29.08.2012 17:18
Steffen Könau
Für Freunde warmer Elektro-Lampen wird es zappenduster. Foto: dpa

Das Ende kommt schleichend, ein lange angekündigter Tod, dem vier Jahre schweres Siechtum vorausgingen. Noch zwei Tage, dann ist es vorüber, dann endet zumindest in Europa eine Ära: Die Glühbirne, 1911 von der US-Firma General Electric erstmals in der noch heute verwendeten Form mit Glühdrähten aus Wolfram produziert, verlischt auf dem ganzen Kontinent. Das Licht, das hundert Jahre Industrialisierung und Globalisierung beleuchtet hat, verlischt. Zumindest für Freunde warmer Elektro-Lampen wird es zappenduster.

Denn der Nachfolger der guten alten Glühbirne, deren Grab treu sorgende EU-Experten im Jahr 2005 mit der Ökodesign-Richtlinie zu schaufeln begonnen hatten, wird ein Hochleistungssportler der Energieeffizienz sein. Die umgangssprachlich Energiesparlampe genannte Kompaktleuchtstofflampe schafft es dank einer kleinen Gasentladungsröhre, in der sich Quecksilber und Argon befinden, und eines raffinierten elektronischen Vorschaltgeräts samt Resonanzwandler die Netzwechselspannung gleichzurichten, sie anschließend in eine Wechselspannung höherer Frequenz umzuwandeln und mit dieser über eine Ferritkern-Drossel mit zwei Schalttransistoren zum Lampenstromkreis zu leiten, wo sie nach kurzer Anlaufzeit ein diskontinuierliches Spektrum an überaus sauber wirkendem Licht erzeugt.

Drumherum ein Vakuum

Entschuldigung, die Lampe der Zukunft ist nicht so leicht zu verstehen wie ihr Großvater, den seinerzeit kurz nacheinander ein Schotte, ein Franzose, zwei Amerikaner, ein Russe und ein Deutscher erfunden hatten. Da war noch alles einfach: Zwei Pole, ein Draht, der beim Briten Joseph Wilson Swan anfangs auch ein Stück verkohltes Papier sein durfte. Drumherum ein Vakuum – und schon glühte sie, die Birne, die elektrisches Licht erschuf, indem sie ständig am Rande des Kurzschlusses vor sich hin brannte.

Die Glühbirne war immer dabei. Sie erleuchtete die „Titanic“ in der Nacht ihres Untergangs. Sie setzte Josephine Baker ins Licht, als die in den 20er-Jahren in Paris den Charleston tanzte. Sie ließ Filipo Tommaso Marinetti, den Verfasser des Futuristischen Manifests, gestehen: „Ich bete jeden Abend zu meiner Glühbirne, denn in ihr haust eine ungeheure Geschwindigkeit.“ Sie strahlte 1951 in Idaho, als der erste Atomstrom aus dem ersten Kernreaktor der Welt kam. Sie leuchtete in Stalins Büro und in Hitlers Bunker, erhellte die Apollo 8 auf dem Weg zum Mond und Jacques Cousteaus Tauchboot SP-300 auf dem Weg zum Meeresgrund. Ein Fanal aus Glas und Blech, das über den Fließbändern hing, an denen Henry Ford Autos bauen ließ, und an der Decke baumelte, als Günther Krause und Wolfgang Schäuble den Einigungsvertrag unterschrieben.

Ein Stück Weltkulturerbe, dem es nun an den Kragen geht. Das Zeugnis des menschlichen Sieges über Nacht und Dunkelheit, wird vorgeworfen, sie sei ein Energieverschwender. 95 Prozent des Stroms, den sie verbraucht, werden zu Wärme. Nur fünf Prozent werden zu Licht.

Aufwändige Herstellung

Die Energiesparlampe zaubert dieselbe Helligkeit mit bis zu 80 Prozent weniger Energieeinsatz. Obwohl die Herstellung einer Kompaktleuchtstofflampe etwa zehnmal mehr Energie benötigt als die Herstellung einer herkömmlichen Glühlampe, gilt der gar nicht so junge Neuling deshalb als umweltschonend. Alles zusammengerechnet, so befand die EU-Kommission vor vier Jahren, spare die Energiesparlampe im Vergleich zur Glühbirne über ihre Lebensdauer mehr als zwei Drittel Energie. 40 Terrawatt-Stunden – der Verbrauch von elf Millionen Haushalten – soll der Tod der Glühbirne beisteuern. Der Nutzen, heißt es in der Verordnung, überwiege „etwaige zusätzliche Umweltauswirkungen“.

So also lautet der Beschluss, dass die Birne gehen muss: 2006 verschwanden die mit mattem Glas aus den Regalen, dann die mit 100 Watt, gefolgt von denen mit 75 Watt und denen mit 60 Watt. Übermorgen endet die Glühbirnen-Geschichte endgültig. Alles, was mit Drähten Licht macht, darf nicht mehr angeboten werden. Der Handel darf nur noch Restbestände verkaufen, keine Glühbirnen mehr ordern. Und das ist ernst gemeint. Der Zoll ist schon seit 2009 gehalten, illegal eingeschmuggelte Glühware zu beschlagnahmen. Der Kölner Künstler Siegfried Rotthäuser, der Glühlampen als „Heatballs“ zu Heizzwecken vertreiben wollte, unterlag sogar vor Gericht. Aus die Maus.

Oder doch nicht? Von Anfang an hatte die EU-Kommission versprochen, im Jahre 2014 zu prüfen, welche Wirkung das Verbot gehabt hat. Sie könnte übersichtlich ausfallen. Experten haben errechnet, dass die Deutschen Glühbirnen gehamstert haben, die für zehn Jahre reichen. Werden alle Vorräte eingeschraubt, kann es eine Wirkung im Sinne der Brüsseler Kommissare bis 2014 eigentlich nicht geben. Keine Wirkung, kein Verbot – so rechnen Glühbirnenfans, die immer noch davon träumen, wieder Licht ins Dunkel bringen zu dürfen.

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