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Emissionshandel Immer mehr Schmutz in der Luft

Der CO2-Ausstoß von Airlines und Industrieanlagen in der EU wächst.

Kohlekraftwerk Boxberg
Kohlekraftwerke sind die größten Produzenten von CO2 in Deutschland. Foto: imago

Zum ersten Mal seit sieben Jahren haben die Unternehmen, die am europäischen Emissionshandel teilnehmen, wieder mehr von dem Klimagas CO2 in die Atmosphäre gepustet. Das geht aus vorläufigen Zahlen der EU-Kommission hervor, die die Frankfurter Rundschau analysiert hat. Demnach sind die Emissionen der rund 13 900 Firmen im vergangenen Jahr um 0,3 Prozent auf 1,75 Milliarden Tonnen gestiegen. Das erschwert die Erreichung der europäischen Klimaziele.

Der Emissionshandel wurde 2005 eingeführt und sollte das Meisterstück des europäischen Klimaschutzes sein. Seither brauchen Airlines sowie Betreiber von Kraftwerken und Industrieanlagen CO2-Zertifikate für ihre Geschäfte.

Die größten Verschmutzer waren 2017 Braunkohlekraftwerke. Demnach stieß keine Anlage mehr CO2 aus als das polnische Kraftwerk Belchatów, das als größtes Braunkohlekraftwerk der Welt gilt. Dahinter folgten die deutschen Kraftwerke Neurath, Niederaußem, Jänschwalde, Weisweiler, Schwarze Pumpe und Lippendorf. Insgesamt liegen auf den ersten zehn Plätzen der CO2-intensivsten Betriebe in Europa sieben deutsche Anlagen.

Als erste Firmen, die nicht den Kraftwerksbetreibern zuzurechnen sind, folgen auf der Liste der größten deutschen CO2-Emittenten die Roheisenerzeugung Dillingen und die Fluggesellschaft Lufthansa. Letztere ist hinter dem Billigflieger Ryanair und dem Konkurrenten IAG (British Airways, Iberia) der drittgrößte CO2-Emittent unter Europas Fluggesellschaften. Noch keine Zahlen eingereicht hat das Integrierte Hüttenwerk Duisburg, das zuletzt höhere Emissionen hatte als die Roheisenerzeugung Dillingen.

„Die Daten zeigen einen beunruhigenden Anstieg der Emissionen“, kommentierte Dave Jones, Analyst bei dem Brüsseler Klima-Think-Tank Sandbag, die Zahlen. „Der Zubau von Wind- und Solarkraft reicht nicht aus, um den Energiesektor rasch zu dekarbonisieren“, sagte Jones.

Allerdings dürften die Braunkohlekraftwerke nun zunehmend unter Druck geraten. Denn die Verschmutzung der Luft mit dem Klimagas CO2 wird in Europa teurer. Binnen Jahresfrist hat sich der Preis ungefähr verdreifacht, wie aktuelle Marktdaten zeigen. Demnach kostet ein Zertifikat für den Ausstoß von einer Tonne CO2 derzeit etwa 13 Euro. So viel wie seit sieben Jahren nicht mehr. Diese Entwicklung ist hauptsächlich das Ergebnis der kürzlich beschlossenen Reform des EU-Emissionshandels. Seit Januar ging es mit den Preisen steil nach oben.

„Der jüngste Anstieg der Preise bedeutet, dass die meisten Braunkohlekraftwerke nun nicht mehr in der Lage sind, ihre hohen Fixkosten zu decken“, so Sandbag-Analyst Jones. Allerdings erwartet er, dass die Kraftwerksbetreiber die Anlagen am Netz lassen werden, da sich für sie durch eine Abschaltung keine großen Einsparungen ergeben würden.

Insgesamt liegen die Preise für die CO2-Zertifikate aber noch immer zu niedrig, um die Unternehmen zu mehr Klimainvestitionen zu motivieren. Dass der Emissionshandel seine Ziele nicht erfüllt, wird seit langem beklagt. Jahrelang dümpelte der CO2-Preis sogar nur bei fünf Euro pro Tonne CO2, während als Untergrenze für wirksame Anreize 25 Euro gelten. Die dürften laut Experten aber auch mit der jüngsten Reform nicht erreicht werden.

Ein wesentlicher Grund: Bei Unternehmen liegen noch jede Menge CO2-Zertifikate herum, die in den vergangenen Jahren nicht verbraucht wurden. Sie können jederzeit auf den Markt geworfen werden, wenn die Zertifikatspreise steigen sollten. Das würde den Preisanstieg dann wieder dämpfen. Der Überschuss an Verschmutzungslizenzen beträgt über zwei Milliarden Zertifikate – mehr als ein Jahresverbrauch.

Nun ist geplant, doppelt so viele dieser Rechte einzuziehen wie in einer früheren Reform vorgesehen und diese in eine Marktstabilitätsreserve zu verschieben. Außerdem müssen die Kraftwerke und Industriebetriebe ihren Gesamt-Ausstoß an Treibhausgasen pro Jahr um 2,2 statt 1,74 Prozent verringern. Auch das verknappt die Zertifikate.

Umweltökonom Felix Matthes vom Öko-Institut glaubt nicht, dass die Reform den Emissionshandel wirklich flottmacht. Das aktuelle Preishoch sei eher dem „Wettbüro“ an der Börse geschuldet, nicht einer bereits eingeleiteten nachhaltigen Trendwende, meint er. Matthes hält es deswegen für überfällig, dem Klimaschutz durch einen CO2-Mindestpreis aufzuhelfen, der von möglichst vielen gleichgesinnten EU-Ländern eingeführt werden sollte.

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