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Elektrische Energie Verkehrte Stromwelt

Warum Deutschland in den vergangenen Tagen Energie importiert hat.

Stromtrassen
Der Betrieb klimaschädlicher Kohlekraftwerke ist teurer geworden. Foto: rtr

Spinnen die jetzt am Strommarkt? Deutschland verfügt über riesige Überkapazitäten bei der Stromerzeugung. Dennoch wird seit einigen Wochen immer wieder elektrische Energie aus dem Ausland importiert. Die Erklärung für das vermeintliche Paradox: Die gestiegenen Preise für CO2-Verschmutzungszertifikate machen sich am Strommarkt immer deutlicher bemerkbar. Offen ist, ob es sich um ein Phänomen von Dauer handelt.

Am Dienstagabend und in den frühen Morgenstunden des Mittwoch war Deutschland zeitweise Strom-Nettoimporteur. Das bedeutet, die eingeführte Menge an elektrischer Energie war größer als der Export. Das war beileibe nicht das erste Mal. Vom 18. Mai nachmittags bis zum 19. Mai mittags floss konstant Energie in großen Mengen über die Grenze nach Deutschland. Sie kam vor allem aus der Schweiz, Frankreich und Österreich. Das lässt sich am sogenannten Agorameter ablesen, das von der Denkfabrik Agora Energiewende und vom Öko-Institut betrieben wird und aktuelle Daten über Erzeugung und Verbrauch liefert.

Die Energiewende führt dazu, dass hierzulande eigentlich mehr als genug Strom produziert wird. Täglich kommen neue Windräder und Solaranlagen hinzu. Die Erneuerbaren decken mittlerweile mehr als ein Drittel des Strombedarfs ab. Zugleich werden die alten Großkraftwerke, die Stein- und Braunkohle verbrennen oder Atomkraft nutzen, nur zögerlich stillgelegt. Die Folge ist, dass Deutschland seit Jahren weit über den eigenen Bedarf produziert und Strom exportiert.

Importe hat es gleichwohl immer gegeben. Beim Öko-Institut wird auf einen saisonalen Faktor aufmerksam gemacht, der aktuell zum Tragen kommt. In den Alpen schmilzt der Schnee, Speicherseen laufen voll, die dazu da sind, elektrische Energie mittels Wasserkraft zu erzeugen. Die Betreiber suchen deshalb Abnehmer für den Strom und akzeptieren auch niedrige Preise.

Allerdings war über Pfingsten ein weiteres seltenes Phänomen zu beobachten. Die großen Braunkohlekraftwerke am Niederrhein und in Ostdeutschland laufen normalerweise über das gesamte Jahr mit einer relativ konstanten Leistung zwischen 15 und 17 Gigawatt. Der Grund dafür: Das Abschalten der Meiler ist extrem aufwendig. Über Pfingsten wurde die Leistung aber auf zeitweise nur noch drei Gigawatt heruntergefahren. Auch die Steinkohlekraftwerke arbeiteten an dem verlängerten Wochenende auf Sparflamme.

„Vieles spricht dafür, dass die erhöhten Kosten der Kraftwerksbetreiber sowie die geringen Marktpreise dafür ein maßgeblicher Grund waren“, sagt Carlos Perez Linkenheil vom Beratungs- und Analysehaus Energy Brainpool. Die geringen Preise an der Strombörse ergaben sich dadurch, dass der Verbrauch relativ gering war und zugleich wegen des sonnigen, aber windigen Wetters viel Öko-Strom im Netz war. Der preiswerte Strom von Alpen-Anrainern kam begünstigend hinzu.

Auf der Kostenseite kam bei den Kohlekraftwerken zum Tragen, dass sie für das Klimagas C02, das sie in rauen Mengen in die Luft blasen, zahlen müssen. Die entsprechenden Zertifikate werden wie Aktien oder Anleihen gehandelt.

Die Preise für die Verschmutzungsrechte haben sich in den vergangenen zwölf Monaten mehr als verdreifacht. Seit Anfang Mai ging es noch mal steil bergauf. Für eine Tonne Kohlendioxid mussten gestern 15,90 Euro gezahlt werden. „Es gibt Hinweise, dass die erhöhten CO2-Preise auf die Stromproduktion durchschlagen“, sagt Perez Linkenheil. Eine Notierung über 15 Euro wurde von Experten immer wieder als Schwelle für spürbare Effekte auf die Stromproduktion genannt. Jahrelang hatten Umweltschützer beklagt, dass CO2 zu billig war.

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