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Eberhard Sasse „Wir machen nachts 1500 Doppeldecker wieder fit“

Der Berliner Gebäudereiniger Eberhard Sasse spricht im FR-Interview über seinen Auftrag in London, die Folgen des Brexits und große Nachwuchssorgen.

Eberhard Sasse
Eberhard Sasse macht mit seinem Team in London die Doppeldeckerbusse wieder fit. Foto: Paulus Ponizak

Der Fisch ist lecker, aber er lenkt ab. Eberhard Sasse hat das „Gendarmerie“ an der Behrenstraße in Berlin Mitte als Interview-Ort vorgeschlagen– und das auf Meeresgetier spezialisierte Restaurant erweist sich als gute Wahl. Allerdings erwies es sich als nicht ganz einfach, eine Bouillabaisse zu löffeln, gleichzeitig Fragen zu stellen, das Aufnahmegerät im Auge zu behalten und dabei noch gute Tischmanieren an den Tag zu legen. Gleichwohl: ein angenehmer Termin.

Herr Sasse, was hat ein Unternehmer, der sich um die Reinigung von Gebäuden kümmert, mit den roten Doppeldeckerbussen in der Londoner City zu tun?
Eine Menge, jede Nacht machen wir rund 1500 Doppeldeckerbusse in der britischen Hauptstadt wieder fit für den Einsatz am nächsten Tag. Als Facility Management Gesellschaft kümmert sich die Sasse AG ja um weit mehr als nur um Reinigungsarbeiten. Wir bewirtschaften Gebäude, Infrastruktureinrichtungen und deren technische Anlagen. 

Was genau tun Sie in der britischen Hauptstadt? 
Die Busse müssen gereinigt, die Sitze in Stand gehalten, Graffiti entfernt werden. Wir prüfen den Reifendruck, die Beleuchtung, die Kühlung, den Zustand der Scheiben, wir füllen Öl nach und tanken auf. Zusätzlich übernehmen wir Überführungsfahrten zwischen den Betriebshöfen und den Werkstätten. Unser Unternehmen bietet ein komplettes Servicepaket.

War es schwierig, den Auftrag in London zu erhalten?
Sagen wir so: Ein Familienunternehmen so weit zu bringen, dass es sich erfolgreich an einer solchen Ausschreibung beteiligen kann, das ist ein langer mühsamer Weg. Aber die Arbeit an den Doppeldeckern ist an sich nicht sehr viel anders als an Bussen, U- und Straßenbahnen in deutschen Städten. Wir sind ja schon seit einigen Jahrzehnten im Geschäft und verfügen entsprechend über Erfahrung und Know-how. Eine große Herausforderung gab es allerdings doch: Die zur Verfügung stehenden Flächen sind wegen der horrenden Grundstückpreise in London sehr klein. Die Busse drängen sich dort dicht an dicht auf den Betriebshöfen. Sicherheitsabstände, wie wir sie aus Köln, Berlin und andere deutschen Städten kennen, gibt’s dort nicht. Da zählt jeder Millimeter. Es hat eine Menge Planung erfordert, das mit sicherheitstechnischen und arbeitsökonomischen Anforderungen unter einen Hut zu bringen. 

Ist Sasse mittlerweile ein multinationaler Konzern?
Das nicht. Aber wir sind ein Familienunternehmen mit über 40 Standorten und 5800 Beschäftigten, das in mehreren Ländern vertreten ist, gerade in Großbritannien auch in der Fläche. Landesweit warten und reinigen wir dort rund 3000 Busse, dazu kommen die Flughäfen in Bristol und Edinburgh. Zu unseren Kunden zählt aber auch die Universität Oxford, das Unicredit-Gebäude in London und die Hafenanlagen in Felixstowe. Wir sind Dienstleister am Flughafen in der jordanischen Hauptstadt Amman und an deutschen Airports, zum Beispiel Berlin-Tegel, Hamburg, Köln-Bonn, Hahn, Lübeck, Frankfurt und München. Seit dem 1. Januar ist auch Düsseldorf dabei. Das Beispiel zeigt, wie sehr Europa und die Welt zusammengerückt sind. Wenn ein Unternehmer mit Sitz in Berlin und München britische Verkehrsmittel oder jordanische Flughäfen wartet, ist das heute nichts Außergewöhnliches mehr. Vor einer Generation wäre so etwas noch undenkbar gewesen. 
 
Derzeit sieht es eher so aus, als rücke man wieder auseinander. Die Briten verlassen in 18 Monaten die EU.

Macht Sie das nicht besorgt?
Ja und Nein. Nein, weil wir auf der Insel eine eigene Tochtergesellschaft nach britischem Recht gegründet haben, mit inzwischen 1100 Beschäftigten. Sasse ist deshalb vom Brexit nicht unmittelbar betroffen, zumal die Briten entgegen mancher Vorurteile sehr weltoffen und keineswegs deutschfeindlich sind. Zugleich bin ich besorgt, weil ein Brexit ohne belastbare Detailregelungen die Wirtschaft sehr hart träfe, nicht nur die britische, sondern auch die der EU-Länder und besonders die deutsche. Ein Beispiel: Nahezu jeder Manager in London, der etwas auf sich hält, fährt heute ein deutsches Auto. Wenn wieder Zölle oder andere Einfuhrbeschränkungen im Handel mit Großbritannien erhoben würden, wäre es mit den Statussymbolen Made in Germany vorbei und die deutschen Autobauer hätten deutliche Umsatzeinbußen.

Betroffen wären vom Brexit vor allem auch normale Beschäftigte aus anderen Ländern der Europäischen Union.
Das ist so. Dabei geht es nicht um Banker, sondern um hunderttausende Arbeitskräfte in der Industrie, im Handwerk, in der Pflege, im Krankenwesen. Sie sind überwiegend aus den östlichen EU-Ländern nach Großbritannien gezogen und müssen sich nach dem Brexit um ihr unbegrenztes Arbeits- und Aufenthaltsrecht sorgen. Für diese Probleme müssen Lösungen gefunden werden. Großbritannien soll auch nach dem Brexit ein guter Handels- und Wirtschaftspartner für die EU bleiben. Die Rolle rückwärts zum Nationalismus schadet doch allen. Das sollten die Hardliner auf der anderen Seite des Kanals, aber auch in EU-Ländern mit nationalistischen Tendenzen mal zur Kenntnis nehmen.

Für das Aufkommen rechtspopulistischer Parteien wird auch die wachsenden Ungleichheit und das Gefühl weiter Bevölkerungskreise verantwortlich gemacht, nicht angemessen an Wachstum und Wohlstand teil zu haben. Müssen wir also umverteilen?
Ich habe in den 40 Jahren als Familienunternehmer nicht erkennen können, dass es den Menschen heute schlechter geht als früher. Im Gegenteil: Ich sehe, dass in Deutschland ein allgemeiner Wohlstand eingekehrt ist. Die Statistiken zur Armut sind ja immer bezogen auf das mittlere Einkommen und bilden daher die breite Teilhabe und das allgemein gestiegene Wohlstandsniveau nicht ab.

Alles in Butter?
Nicht alles. Natürlich gibt es Probleme. Im Ausbildungs- und Bildungsbereich muss viel mehr getan werden, auch mit Blick auf die Menschen, die aus anderen Ländern zu uns kommen. Außerdem müssen Arbeitslöhne gezahlt werden, die zum Leben reichen.
 
Was zahlen Sie denn?
Die Reinigungsbranche war die erste, die schon 2007 einen Mindestlohn mit dem Tarifpartner ausgehandelt hat. Das war damals die IG Bau-Steine-Erden. Seit 1. Januar liegt der Einstiegslohn in der untersten Tarifgruppe für Gebäudereiniger bei 10,30 Euro. Das sind fast 1,50 mehr als der allgemeine gesetzliche Mindestlohn von 8,84. Dabei liegt die Lohnquote in unserer Branche bei 80 Prozent. Wir Unternehmer stehen in der Verantwortung für unsere Mitarbeiter, wir müssen dafür sorgen, dass die Menschen, die bei uns arbeiten, Akzeptanz und Anerkennung in ihrer Arbeit finden können. Wer nach Hause geht und nicht genug zum Leben hat, wird auf Dauer keinen guten Job machen können. „Geiz ist geil“, das funktioniert bei uns nicht. 
 
Trotzdem plagen Sie Nachwuchssorgen.
Sogar ganz massive. Jeder fünfte unserer Ausbildungsplätze ist unbesetzt. In der Branche fehlen Mechatroniker, Elektrotechniker, Gas- und Wasserinstallateure, Kfz-Mechaniker und auch Gebäudereinigungsgesellen und Gebäudereinigermeister.
 
Sie zahlen wohl immer noch zu wenig.
Daran liegt es nicht. Der entscheidende Punkt ist der Run auf die Universitäten. Heute beginnt schon jeder zweite junge Mensch eine akademische Ausbildung. Die fehlen uns in der dualen Berufsausbildung, um die uns die ganze Welt beneidet. Der gute Arbeitsmarkt, der lange Aufschwung, die Exporterfolge – all das hängt an den Millionen gut ausgebildeter Fachkräfte, die wir in Deutschland haben. Dieses Potenzial müssen wir erhalten. 
 
Was sollte Ihrer Ansicht nach geschehen?
Wir müssen die jungen Menschen besser informieren als bisher, schon in den Elternhäusern und Schulen. Heute verdient ein Industriemeister doch häufig mehr als viele Geisteswissenschaftler. Der Meister ist dem Bachelorabschluss an den Unis gleichgestellt, er oder sie kann dann ohne Abitur einen Masterstudiengang anhängen. Wir brauchen mehr Lehrkräfte und eine bessere technische Ausstattung der Berufsschulen. Die sind im Computerbereich oft noch der Steinzeit verhaftet. Ohne schnelles Internet und moderne Geräte ist es schwer, junge Leute für die duale Ausbildung zu begeistern. 

Können die Flüchtlinge den Fachkräftemangel lindern?
Sicher. Viele sind jung, viele sind leistungsbereit und motiviert. An Begabung und Intelligenz stehen die Flüchtlinge der deutschen Bevölkerung nicht nach. Das A und O ist das Erlernen der deutschen Sprache – und Geduld. Eine wirkliche Integration, das Vertrautwerden mit unserer Kultur und Lebensweise, die Identifikation mit unserem Land, das alles dauert seine Zeit, mindestens zehn Jahre. Aber wir haben die menschliche Pflicht und auch die notwendigen Ressourcen, es hinzubekommen, zumal es auf dem Arbeitsmarkt ja Bedarf gibt.
 
Sie arbeiten für den Flughafen Tegel, der aus allen Nähten platzt. Wie gestaltet sich unter solchen Bedingungen die Wartung, Instandhaltung und Reinigung? 
Es ist eine Herausforderung, und wir sind ziemlich stolz, dass wir das hinkriegen. Aber das gilt nicht nur für uns. Das Flughafenmanagement muss mit der permanenten Überlastung ja auch klar kommen, und das machen die wirklich hervorragend.
 
Werden Sie sich auch um den Auftrag für den neuen Berliner Airport bemühen?
Wir werden sehen. Es wird eine öffentliche Ausschreibung geben ... 
 
... sofern der BER je fertig wird. Glauben sie daran?
Aber ja. Die Elbphilharmonie ist ja auch fertig geworden. Es hat die eine oder andere Überraschung gegeben, aber letztlich wird der BER eröffnet werden, da bin ich sicher.

Interview: Jochen Arntz und Stefan Sauer  

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