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Dürre Brüssel zieht Zahlung an Landwirte vor

Verband fordert angemessene Handelspreise.

Weizen
Weizenernte in Sachsen-Anhalt. Foto: dpa

Den Mais in NRW kann man knicken. Das ist in diesem Dürresommer wörtlich zu verstehen: bräunliche Blätter und winzige Kolben an knochentrockenen Stängeln lassen eine historisch schlechte Ernte erwarten. Ähnliches gilt für andere Getreidesorten und Kartoffeln, besonders im Norden und Osten der Republik. Allein für Mecklenburg-Vorpommern beziffert die Landesregierung die Ausfälle auf 350 Millionen Euro. Bundesweit ist nach Angaben des Deutschen Bauernverbands (DBV) mit einem Verlust von 1,4 Milliarden Euro im Getreideanbau zu rechnen.

Mittlerweile prognostiziert der DBV eine Gesamternte von nur mehr 36 Millionen Tonnen – nach 45,3 Millionen Tonnen 2017. Auch bei den Futterpflanzen fallen die Erträge vielerorts erbärmlich aus. Weideviehhalter greifen angesichts versteppter Wiesen bereits ihre Wintervorräte an. Oder sie reduzieren den Tierbestand: In Norddeutschland wurden nach Angaben des Agrarinformationsdienstes AMI im Juli etwa doppelt so viele Rinder geschlachtet wie im Vorjahresmonat.

Julia Klöckner sieht viele Landwirte existenziell bedroht

Vor diesem Hintergrund sieht Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) viele Landwirte existenziell bedroht. Im Bundeskabinett präsentierte sie in der vergangenen Woche eine erste Zwischenbilanz der Schäden. Mit konkreten Hilfszusagen hält sich die 45-jährige Winzertochter bisher allerdings zurück. Erst nach Vorlage der Erntebilanz Ende August solle über Höhe und Zielrichtung von Bundeshilfen entschieden werden.

Andere sind da schneller. EU-Agrarkommissar Phil Hogan kündigte vor einer Woche an, die Brüsseler Direktzahlungen über knapp 300 Euro pro Hektar und Jahr von Dezember auf Mitte Oktober vorziehen zu wollen, um die Liquidität der Agrarbetriebe sicher zu stellen. Außerdem sollen Pflanzen auf ökologischen Vorrangflächen ausnahmsweise abgeerntet und verfüttert werden dürfen. Auf Bundesebene vergibt die landwirtschaftliche Rentenbank seit Juli zinsvergünstigte Kredite. Und das Land Brandenburg stellt fünf Millionen Euro Soforthilfe zur Verfügung, die vor allem Futteranbaubetrieben zugute kommen soll.

Nach Ansicht des DBV-Präsidenten Joachim Ruckwied reicht das allerdings nicht aus. Er fordert eine Milliarde Euro vom Bund, für Betriebe mit Ernteeinbußen von 30 Prozent und mehr, möglichst sofort. Eben dies ist aber nicht ohne weiteres möglich. Für den Ausgleich wetterbedingter Ernteausfälle sind zunächst die Länder zuständig. Bundesmittel können laut Gesetz erst fließen, wenn die Erträge großflächig um mindestens 30 Prozent unter dem langjährigen Durchschnitt liegen. Ein solcher Befund ließe sich aber erst Ende des Monats der Erntebilanz entnehmen, auf die Klöckner warten will.

Unumstritten ist Ruckwieds Milliardenforderung ohnehin nicht. Agrarwissenschaftler verweisen darauf, dass etwa die Maiserträge in Schwaben und Bayern durchaus zufriedenstellend seien. Winzer und Obstbauern könnten gar auf eine ausgezeichnete Ernte hoffen. Ein derart heterogenes Bild lasse rasche Bundeszuweisungen nicht zu. Auch die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL), in der vor allem kleine und mittlere Betriebe organisiert sind, hält von bloßen Geldgeschenken nichts. Vielmehr müssten Discounter, Fleischkonzerne und führende Molkereien den Erzeugern endlich angemessene Preise zahlen.

Wenn Aldi den Butterpreis in der aktuellen Situation um zehn Cent auf 1,75 Euro senke, sei dies eine Kampfansage an Milchviehbetriebe, die kaum mehr ausreichend Futter für ihre Tiere beschaffen könnten, so die AbL.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Heiße Zeiten

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