Lade Inhalte...

Gastbeitrag Kampf gegen Ausbeutung

Walter Eucken, Vater der Sozialen Marktwirtschaft, würde heute für Mindestlöhne streiten. Von Sylvain Broyer

27.06.2008 00:06
SYLVAIN BROYER

Von den geistigen Vätern der Sozialen Marktwirtschaft ist Walter Eucken (1871-1950) nicht nur der Bedeutendste sondern auch der Faszinierendste. Er war ein Vordenker der Moderne, ein im positiven Sinne radikaler Liberaler und ein unermüdlicher Verfechter der Menschenrechte. Das Nachkriegsdeutschland hat ihm vor allem zu verdanken, dass er dazu ermutigte, den Sprung ins kalte Wasser der freien Marktwirtschaft zu wagen.

Nach Euckens Vorstellungen sollte die Wirtschaftslehre nie aus den Augen verlieren, den Wohlstand zu fördern, ihn gerecht zu verteilen. Sein wissenschaftliches Lebenswerk bestand darin, die passende Wirtschaftspolitik zu finden. Sie bleibt als Ordoliberalismus bekannt, stark inspiriert von Kants Prinzipien, die ihm sein Vater Rudolf Eucken, Professor der Philosophie und Träger des Literaturnobelpreises von 1908, vermittelt hatte.

So viel Wettbewerb wie möglich - so viel Staat wie nötig, lautet die Devise des Ordoliberalismus. Konkurrenz und freie Preisbildung hielt Eucken für die einzigen Instrumente, um knappen und teuren Ressourcen entgegenzuwirken und die Bedürfnisse der Menschen nachhaltig zu decken.

Doch faire Konkurrenz sei keinesfalls gesichert, im Gegenteil! Der unkontrollierte Kapitalismus birgt Eucken nach die Gefahr der Ausbeutung, besonders der Arbeiterklasse. Denn auf einem komplett freien Markt entstünden aus Gier heraus Machtpositionen, die es um der Menschenrechte willen zu bändigen gelte.

Aber Macht- und Geldgier sei nicht nur in der privaten Wirtschaft, sondern auch in der Politik zu befürchten. Deswegen sollten in einer ordoliberalen Welt die Bürger auch vor dem Staatsabsolutismus geschützt werden, indem zum Beispiel eine unabhängige Zentralbank das Geldwesen verwalten sollte. Zu leicht könne ein Staat über inflationäre Geldemission seine Schulden tilgen und gleichzeitig die Lebensersparnisse des Volkes vernichten.

Eucken selbst war ein Leidtragender der Hyperinflation und des Totalitarismus und als Reaktion darauf einer der ersten Neoliberalen, der nicht nur in Kartellen wie einst IG-Farben, sondern auch in der Staatsgewalt eine potenzielle Gefahr für das Volk und dessen Wirtschaftsleben sah.

Wie würde Walter Eucken die heutige Wirtschaftslage Deutschlands beurteilen? Mit großer Freude würde er die enorme Steigerung des Wohlstands seit dem Zweiten Weltkrieg sowie die ersten zehn Jahre einer unabhängigen Zentralbank für inzwischen fünfzehn europäische Länder bejubeln.

In zwei Debatten würde er sich allerdings kritisch einschalten. Die erste betrifft die oft bemängelte Verantwortung beziehungsweise Haftung von Top-Managern gegenüber ihrer Firmenbelegschaft und Kleinaktionären.

Denn nach Ansicht des geistigen Vaters der Sozialen Marktwirtschaft musste ausdrücklich derjenige, der in guten Zeiten die Gewinne einkassiert, auch in schlechten Zeiten den Schaden tragen.

Darüber hinaus würde Eucken seine Meinung zum Thema Mindestlohn kundtun - und so viel steht fest: Er hätte diese Idee dogmatisch nicht abgelehnt. Eucken hätte vielmehr die historisch gesehen schwache Lohnquote auf eine mögliche Fehlfunktion des Arbeitsmarktes hin untersucht und falls nötig für einen entsprechenden Eingriff des Staates plädiert. Modern ist Eucken immer noch.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen