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60 Jahre Soziale Marktwirtschaft Echte Feinde und falsche Freunde

Alfred Müller-Armack würde seine Idee der Sozialen Marktwirtschaft kaum wiedererkennen, sagt Friedrun Quaas. Der Volkswirt von der Universität Leipzig hat für die FR einen Essay geschrieben.

04.07.2008 00:07
FRIEDRUN QUAAS
Alfred Müller-Armack
Der Nationalökonom und Soziologe Alfred Müller-Armack prägte den Begriff der sozialen Marktwirtschaft. Foto: dpa

Als Alfred Müller-Armack, Professor für Nationalökonomie und Kultursoziologie in Münster, im Jahre 1946 seine Schrift "Wirtschaftslenkung und Marktwirtschaft" veröffentlichte, wurde der Begriff Soziale Marktwirtschaft auf einen Schlag bekannt. Aber Bücher haben ein eigenes Schicksal, und wenn sie in die Welt entlassen worden sind, werden ihre Autoren mitunter zu staunenden Beobachtern, wie mit den darin entwickelten Ideen verfahren wird.

Müller-Armack hatte Glück, nicht allzu lange in der Beobachterrolle verweilen zu müssen. An die Kölner Universität zurückgekehrt, war er von 1952 bis zu seinem Rücktritt 1963 als Leiter der Abteilung Wirtschaftspolitik des Bundeswirtschaftsministeriums und später als Staatssekretär für Europäische Fragen ein langjähriger Weggefährte von Ludwig Erhard, der oft als Vater des Wirtschaftswunders bezeichnet wird und ein erfolgreicher Pragmatiker der Sozialen Marktwirtschaft war.

Aus heutiger Perspektive hat Müller-Armack mit dem Begriff Soziale Marktwirtschaft ein geniales Schlagwort erfunden - und eine Wirtschaftsordnung entworfen, zu der sich die bundesdeutsche Öffentlichkeit seit 60 Jahren mehr oder weniger klar bekennt. Dies war nicht vorauszusehen, denn der Gedanke der Sozialen Marktwirtschaft hat, wie Müller-Armack später eingestanden hat, anfänglich bestenfalls ein nachsichtiges Lächeln provoziert. Nach so langer Zeit der "Umsetzung" zwingt sich geradezu die Frage auf, was vom Originalkonzept noch übrig geblieben ist.

Was also bedeutet Soziale Marktwirtschaft? Die berühmt gewordene Kurzformel, die Müller-Armack in den 50er Jahren entworfen hat, ist eben so prägnant wie einprägsam: "Sinn der Sozialen Marktwirtschaft ist es, das Prinzip der Freiheit des Marktes mit dem des sozialen Ausgleichs zu verbinden." Die einfache Aussage ist alles andere als trivial, denn dahinter steht die Empfehlung eines wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Programms, das in seiner Ausgestaltung weder beliebig noch unproblematisch ist. Müller-Armack fasste Freiheit und soziale Gerechtigkeit als zwei sich ergänzende Seiten eines wirtschaftspolitisch zu realisierenden Verhältnisses auf, dessen Spannung aufrechtzuerhalten sei.

Im Klartext bedeutet das, dem Staat eine gestalterische Rolle bei der Sicherung sowohl des Werts der Freiheit als auch des Werts der Gerechtigkeit zuzuerkennen, die sich nicht darin erschöpfen kann, möglichst marktkonform zu agieren. Müller-Armacks Vertrauen in die Funktionsfähigkeit einer sozial gestalteten Marktwirtschaft schließt keineswegs nur Ordnungspolitik à la Freiburger Schule ein, sondern neben prozess- und strukturpolitischen Maßnahmen auch Konjunkturpolitik und eine starke Sozialpolitik. Da er sein Konzept nicht ausschließlich wettbewerbstheoretisch unterfüttert hat, legte er Wert auf die Feststellung, dass Soziale Marktwirtschaft zwar liberale Grundwerte aufnimmt, sich selbst aber nicht als eine "Abart des Neoliberalismus" versteht.

Die von Erhard überlieferte These "Je freier eine Marktwirtschaft ist, desto sozialer ist sie" findet auch heute unter einigen Politikern und Theoretikern Anklang, Müller-Armack jedoch hat ihr niemals zugestimmt, da sie den Sinn der Sozialen Marktwirtschaft geradezu aushebelt. Es ging ihm nicht nur um die Setzung von sozialen Mindeststandards, die in Abhängigkeit vom Wirtschaftswachstum angepasst werden können und müssen, sondern um den Ausgleich gesellschaftlich unerwünscht erscheinender Unterschiede in Einkommen und Vermögen - allerdings jenseits von Gleichmacherei. 1960, als Müller-Armack eine erste Bestandsaufnahme über die Verwirklichung der Sozialen Marktwirtschaft wagte, machte er deutlich, dass über die Sicherung materieller Grundbedürfnisse aller Bürger hinaus die Aufgaben der Sozialen Marktwirtschaft noch stärker am gesellschaftspolitischen Grundsatz der sozialen Befriedung zu orientieren sind. Dabei dachte er besonders an die Lebenssituation der unteren und mittleren Schichten der Bevölkerung.

Die Forderung nach einer breiteren Einkommens- und Vermögensstreuung ist bis heute nicht erfüllt worden - wie der jüngste Armutsbericht der Bundesrepublik Deutschland belegt. Die immer größer werdende Schere zwischen Arm und Reich, der Anstieg der Zahl der arbeitenden Armen und Geringverdienenden und der damit verbundene Abbau von Vermögen der unteren und mittleren Schichten - all das hätte Müller-Armack als klare Verfehlung einer an der Konzeption der Sozialen Marktwirtschaft orientierten Politik angeprangert.

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