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Probleme bei der Bahn Mit der Angstlok übern Berg

Auch im Winter 2011 werden die Probleme der Bahn offensichtlich. Experten fordern den Aufbau einer Reserveflotte und einen kompletten Strategiewechsel bis hin zu einer Europabahn in staatlicher Hand.

Die Bahn kommt mit dem Winter nicht klar. Foto: dpa

Irgendwo zwischen Hof und Jena, am Ende eines langen Berges im Thüringer Wald, steht sie, die sogenannte Angstlok. Immer dann, wenn ein ICE die Anhöhe nicht schafft, und das soll hin und wieder passieren, dann kommt die Reservelok zum Einsatz – und zieht den Hightech-Zug über den Berg.

Problembewältigung bei der Deutschen Bahn anno 2011. Die leidgeprüften Berliner S-Bahn-Kunden wissen, es ist nicht das einzige Provisorium, mit dem der S-Bahn-Mutterkonzern versucht, den Unbilden der Natur zu trotzen, die da heißen: Frühling, Sommer, Herbst und Winter.

Die Deutsche Bahn ist unter Ex-Chef Hartmut Mehdorn zum Global Player worden – auf Kosten der Kunden und der Mitarbeiter im eigenen Land. Mehrere tausend Gleiskilometer wurden innerhalb von zehn Jahren stillgelegt, Hunderte von Bahnhöfen wurden dichtgemacht, Tausende von Jobs abgebaut, auch in wichtigen Servicebereichen wie in Zügen, auf Bahnhöfen oder der Wartung und Instandhaltung. Alles war dem einen Ziel untergeordnet: Ein Unternehmen zu sein, das Jahr für Jahr kräftige Gewinne schreibt und auf das renditehungrige Investoren im Fall des Börsengangs nur so fliegen sollten.

Bahn-Sparkurs musste sich rächen

Selbst für so simple, aber wichtige Serviceangebote wie die Fahrradmitnahme im ICE war kein Platz. Die letzte Berliner S-Bahn der jüngsten Baureihe wurde 2004 geliefert. Und die einst so stolze ICE-Flotte ist gar nicht so groß, wie sie sein sollte. Ursprünglich wollte die Bahn 100 ICE-3-Züge ordern, tatsächlich wurden es nur 67 Züge. Die aber mussten seither viel mehr Kilometer schruppen, als einst geplant.

Dies alles musste der Bahn eines Tages auf die Füße fallen. Diese Situation haben wir heute. Nach einer bahninternen Studie ist die Pünktlichkeit der DB in den vergangenen Wochen massiv eingebrochen. Im Fernverkehr war zeitweise nur noch jeder fünfte Zug fahrplanmäßig unterwegs, im Regionalverkehr gelang es zeitweise nur sechs von zehn Zügen, pünktlich zu fahren.

Die Gründe sind klar: Es mangelt an allem, an Mitarbeitern, Werkstattkapazitäten und an einer Reserveflotte, weil ein Großteil der ICE-Flotte aus Sicherheitsgründen zehnmal häufiger zur Wartung der Radwellen in die Werkstätten muss, als früher. So hat es das Eisenbahnbundesamt verordnet.

Bahnchef Rüdiger Grube läuft seit Beginn seiner Amtszeit 2009 den Problemen hinterher. Er hat mehr Mitarbeiter eingestellt, die Wartungskapazitäten hochgefahren, steckt Millionensummen in mehr Service und Sicherheit – doch all diese richtigen Bemühungen verpuffen angesichts der aktuellen Probleme. Was kann er tun?

Langfristig hilft nur ein Strategiewechsel

„Zuerst muss die Bahn ganz schnell wieder eine Reserveflotte aufbauen“, sagte der Bahnexperte des Bundesverbandes der Verbraucherzentralen, Holger Krawinkel, am Donnerstag zur FR. Es sei ein Unding, dass die Bahnen im Winter nicht funktionierten. „Eigentlich müsste es umgekehrt sein. Gerade im Winter, wo man weiß, dass Auto und Flugzeug Probleme haben, könnte die Bahn als eigentlich winterfestes Verkehrsmittel punkten und mit einem sogar noch verstärkten Angebot Kunden anlocken.“

Langfristig aber helfe auch dies nicht weiter. „Da hilft nur ein Strategiewechsel“, so der Bahnexperte. Es sei falsch, dass die Bahn international auf Einkaufstour gehe, „aber es bleibt ihr andererseits nichts anderes übrig, weil alle anderen Staatsbahnen in Europa es ebenso tun“.

Deshalb fordert Krawinkel eine Europabahn in staatlicher Hand. „Dies wäre zumindest für das europäische Eisenbahnnetz, den Fern- und den Güterverkehr sinnvoll“, sagte er. Damit könnte der ruinöse Wettbewerb, der derzeit zwischen den Staatsbahnen stattfinde, verhindert werden. Stattdessen könnten die europäischen Bahnen im grenzüberschreitenden Verkehr ihre Kräfte bündeln und eng miteinander kooperieren. „Das geht viel schneller als durch Wettbewerb.“

So aber sei Bahnchef Rüdiger Grube „in dem alten System gefangen und kann sich darin nicht wirklich bewegen.“ Der Bahnchef sei deshalb nicht das Problem. Vielmehr müsste die EU einen völlig anderen Rahmen setzen. Den Regionalverkehr indes würde Krawinkel nicht antasten. „Der funktioniert schon recht gut, auch durch den Wettbewerb.“ Leider mit einer großen Ausnahme: Der S-Bahn in Berlin.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Mobilität

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