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Lehren aus der Internet-Blase Die große Aktienlüge

Aktien sollen langfristig unschlagbar sein. Womit wir bei der Frage aller Fragen sind: Wie lange ist langfristig? Reicht ein Arbeitsleben aus? Eine Abrechnung in vier Überraschungen. Von Robert von Heusinger

Wie ertragreich sind Aktienfonds? Foto: FR-Infografik

Langfristig schlagen Aktien immer Renten! Langfristig erzielen Aktien zehn bis 15 Prozent Rendite. Deshalb ist ein kapitalgedecktes Altersvorsorgesystem dem Umlageverfahren der gesetzlichen Rentenversicherung haushoch überlegen! So lautete die Propaganda, die die Finanzindustrie damals auf allen Kanälen verbreitete.

Damals, vor zehn Jahren, als die Technologieblase ihre größte Ausdehnung aufwies, war dagegen kein Kraut gewachsen. Die wenigen Mahner wurden mit der Statistik erschlagen. Seit Anfang der 80er Jahre kannten die Aktienkurse in den Industriestaaten nur eine Richtung: nach oben.

Auch wenn es schon damals an den Märkten mal ordentlich schepperte, spätestens drei Jahre später waren Aktien wieder auf der Gewinnerspur. Es gab vor zehn Jahren nur einen Stachel wider die Propaganda - und das war Japans Aktienindex Nikkei. Dieser hatte Ende 1989 sein Allzeithoch bei knapp 40.000 Yen erreicht und notierte damals bereits zehn Jahre deutlich darunter (auch heute übrigens noch).

Doch schon zehn Jahre, das war in der Hochzeit des Neuen Marktes verdammt langfristig. Pech nur, dass Japan von der Propaganda als Anomalie abgetan worden ist.

Womit wir bei der Frage aller Fragen an die Propaganda sind: Wie lange ist langfristig? Reicht ein Arbeitsleben aus? Reichen 30 oder erst 40 Jahre aus um die langfristige Überlegenheit der Aktien mit einer Sicherheit von 100 Prozent zu garantieren?

Schauen wir uns die Daten des BVI an, der der Lobbyverband der Fondsindustrie ist. Die Annahme ist, dass der Fondssparer Monat für Monat die gleiche Summe in den Durchschnitt der beim BVI erfassten Fonds einspart.

Sprich im echten Leben erwischen 50 Prozent der Sparer eine schlechtere Performance, genau wie 50 Prozent höhere Renditen mit nach Hause nehmen.

Die Rendite-Daten des BVI sind um die Kosten wie Ausgabeaufschlag und laufende Verwaltungsgebühren bereinigt. Es sind Netto-Renditen von denen wir Fondssparer noch Depotgebühren unserer Bank abziehen müssen, die zwischen 0,2 und 0,5 Prozentpunkte Rendite kosten. Und wir müssen im Kopf eigentlich auch noch 25 Prozent Abgeltungssteuer abziehen, wenn wir die Fonds im Alter verkaufen, um uns aus dem Geld eine Rente zahlen zu lassen. Soweit die Erklärung zu den Daten. Welche Überraschungen halten sie parat?

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Die vier Überraschungen

Überraschung eins: Wer zehn Jahre brav in einen europäischen Aktienfonds eingezahlt hat, hatte Ende Dezember 2009 einen Verlust, der Ende März nochmal deutlich höher ausfallen dürfte. Warum? Weil die europäischen Aktienmärkte im ersten Quartal 2000, dem Wahnssinnsquartal, rund 25 Prozent gewonnen hatten. Aber das werden erst die nächsten Statistiken zeigen. Erkenntnis eins: Zehn Jahre sind nicht langfristig. Jedes Girokonto wäre die klügere Anlagealternative gewesen.

Überraschung zwei: Selbst nach 20 Jahren schaut die Rendite mickrig aus. Gerade mal 2,1 Prozent warfen Aktienfonds im Schnitt ab. Das ist noch nicht einmal die Inflation. Sprich: Um die Inflation bereinigt, haben die Aktiensparer ein Verlustgeschäft gemacht. Erkenntnis zwei: Auch 20 Jahre können nicht langfristig sein. Jedes Sparkonto mit Extra-Zinsen wäre die klügere Anlagealternative gewesen.

Überraschung drei: Selbst nach dreißig Jahren haben Aktien noch immer nicht die langfristigen Anleihe-Fonds geschlagen! Hallo, dreißig Jahre, da schrieben wir das Jahr 1980. DA gab es noch gar keine Sparpläne auf Aktienfonds! Da regierte noch Bundeskanzler Helmut Schmidt. Da war noch nicht einmal Die-Rente-ist-sicher-Norbert-Blüm Arbeitsminister. Da fing die Hausse an den Aktienmärkten gerade an.

Und trotzdem haben sich die vermeintlich langweiligen Staatsanleihen, die nichts als bedrucktes Papier sind, die nichts mit dem Produktivitätsfortschritt der Realwirtschaft zu tun haben, genauso gut geschlagen. Erkenntnis drei: Auch 30 Jahre können nicht langfristig sein.

Überraschung vier: Wo sind die zweistelligen Renditen hin, wo sind sie geblieben? Sensationelle 6,1 Prozent haben Aktien über 35 Jahre abgeworfen. Willkommen in der Realität. Viel mehr ist langfristig nicht zu erwarten. Rechnet man von den 6,1 Depotgebühren (0,2 Prozent) und Inflation (rund 2,4 Prozent) ab, bleiben 3,5 Prozent übrig.

Die Abgeltungssteuer geht leider auf die nominale Rendite, besteuert also gleich die Inflation mit. Das macht einen Abzug von weiteren rund 1,5 Prozentpunkten notwendig. Und so landet der Aktiensparer nach 35 Jahren bei einer realen Rendite von zwei Prozent. Das ist sympathisch, denn es zeigt: Die Finanzmärkte können sich langfristig nicht von der Realwirtschaft abkoppeln.

Zwei Prozent Rendite ist etwas weniger als das reale Wachstum der europäischen Volksirtschaften in den vergangenen 35 Jahren. Das liegt zum einen daran, dass die Abgeltungssteuer zuschlägt, zum anderen an den Verwaltungsgebühren. Die zwei Prozent zeigen aber auch: Der Aktienmarkt ist kein Wundervollbringer. Die gesetzliche Rente, die an der Entwicklung der Löhne hängt, sollte auch die zwei Prozent schaffen, das ist der Produktivitätsfortschritt.

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Was Anleger daraus lernen können

Erst nach 35 Jahren, stimmt endlich die Propaganda von der Überlegenheit der Aktie. Kann ein Mensch mit einem normalen Arbeitsverhältnis 35 Jahre sparen? Die Erfahrungen zeigen, dass das Gros der Deutschen erst im mittleren Alter zwischen 35 und 45 mit dem Sparen anfängt, wenn überhaupt Geld übrig bleibt zum Sparen. Da müssten wir schon bis ins hohe Alter arbeiten und einzahlen, um uns sicher sein zu können, dass Aktien die bessere Alternative sind.

Doch so einfach ist es natürlich nicht. Selbst 40 Jahre braves Einzahlen reichen noch nicht aus, wie amerikanische Studien gezeigt haben. Die Zukunft ist einfach unsicher und nicht berechenbar. Was also tun? Aktien meiden?

Dieser, naheliegende Ratschlag ist für den langfristigen Vermögensaufbau verkehrt. Wer privat vorsorgen muss, braucht auch Aktien, weil doch auch die künftige Rendite von Staatsanleihen alles andere als sicher ist. Werden die nächsten 30 Jahre inflationär? Niemand weiß, ob in weiteren 30 Jahren Staatsanleihen oder Aktien die bessere Wahl waren. Deshalb kann es nur folgende Tipps geben.

Erstens das Gesparte streuen, zumindest auf Aktien und Anleihen.

Zweitens: Den Aktienanteil nicht zu hoch ansetzen. Lebensversicherer die wie die Allianz langfristig anlegen und der Aktien trauen, weisen eine Aktienquote von rund 25 Prozent auf, im dritten Quartal 2009 waren es sogar nur neun Prozent!

Drittens: Nicht auf Moden setzen, sondern auf Aktienfonds, die die großen Indizes abbilden.

Und viertens auf die Gebühren achten. Bei einem realen Ergebnis von etwa zwei Prozent macht es einen erheblichen Unterschied, ob die jährliche Verwaltungsgebühr des Fonds 0,3 oder - wie leider gang und gäbe - 1,5 Prozent ausmacht! Deshalb sind Indexfonds, die nur den Durchschnitt versprechen, aber das auch halten, eine kluge Idee. Denn ihre Kosten sind deutlich geringer als die von aktiv verwalteten Fonds.

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