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US-Konjunktur Auf tönernen Füßen

Die neuesten Arbeitslosenzahlen zerstören in den USA die Hoffnungen auf einen Aufwärtstrend. Die Finanzmärkte reagieren nervös.

03.12.2010 18:54
US-Arbeitslose während der großen Depression 1932 Foto: picture-alliance / dpa

Eigentlich sah es ganz gut aus. Die Zahl der Amerikaner, die sich arbeitslos meldeten, sank seit Wochen. Der US-Häusermarkt schien sich ebenfalls zu erholen. Und die Verkaufszahlen im Einzelhandel waren so gut wie seit Jahren nicht. Fast hatte sich schon so etwas wie Optimismus im Land ausgebreitet.

Doch die Zahlen, die das Arbeitsministerium gestern in Washington verkündete, zerstörten die Hoffnungen auf einen wirklichen Aufwärtstrend. Gerade mal 39?000 neue Jobs sind im November entstanden. Dies ist zwar der zweite Anstieg in Folge. Doch die Zahl ging gegenüber Oktober deutlich zurück: Vor einem Monat waren – auch dank des bevorstehenden Weihnachtsgeschäfts – noch 151?000 neue Jobs entstanden. Während der Privatsektor rund 50?000 neue Arbeitskräfte eingestellt hat, ging die Zahl der Arbeitsplätze bei Behörden, die unter ihrem knappen Budget leiden, um 11?000 zurück.

Die Nachricht schreckte gestern auch die Finanzmärkte auf. Denn ohne eine Erholung des Arbeitsmarktes steht die US-Konjunktur auf tönernen Füßen. In Amerika wie auch in Europa ging es mit den Aktienkursen daher zunächst bergab. Der Dollar fiel, spiegelbildlich legte der Euro auf knapp 1,34 Dollar zu. Im Handelsverlauf konnten sich die Aktienkurse jedoch wieder erholen. Grund war die Nachricht, dass der US-Dienstleistungssektor im November stärker gewachsen ist als erwartet.

Hohe Dunkelziffer

Fast 18 Monate nach dem Ende der Rezession liegt die Arbeitslosenquote in den USA bei rund 9,8 Prozent – es ist der höchste Stand seit April. Die Dunkelziffer wird auf 17 Prozent geschätzt. Zu schaffen macht der US-Wirtschaft vor allem die hohe Zahl an Langzeitarbeitslosen: 6,3 Millionen Amerikaner sind bereits seit sechs oder mehr Monaten auf der Suche nach einem Arbeitsplatz. Um die Arbeitslosenquote bis Mitte 2012 unter acht Prozent zu senken, müssten im Monat mindestens 200?000 neue Stellen geschaffen werden. Die Finanzkrise hatte in den USA rund acht Millionen Arbeitsplätze vernichtet. Für das Land, das einst berühmt war für sein flexibles „hire and fire“-Prinzip, eine völlig neue Erfahrung.

An der Wall Street verursachten die Zahlen Kopfzerbrechen. Experten hatten mit einem Anstieg um 144?000 gerechnet. Die Märkte gaben nach Veröffentlichung der Zahlen deutlich nach. Viele Analysten werteten das Ergebnis als Signal für Washington, die Hilfen für Arbeitslosen auszuweiten.

Für zwei Millionen Arbeitslose sind die Hilfen in der Nacht zum 1. Dezember ausgelaufen, nachdem sich Republikaner und Demokraten im Kongress nicht auf eine Verlängerung hatten einigen können. Die Situation in beiden Häusern ist festgefahren: Die Republikaner schrecken angesichts eines gigantischen Staatsdefizits von rund 14 Billionen Dollar vor weiteren Schulden zurück und hatten gefordert, die Hilfen, wenn überhaupt, über andere Budgets querzusubventionieren. Die Demokraten glauben dagegen, dass dies den Effekt der Hilfen abschwächen würde.

Weißes Haus warnt

Das Weiße Haus warnte am Donnerstag davor, die Unterstützungen zu kappen. Sollten die Hilfe gestrichen werden, würde dies 2011 rund 600?000 zusätzliche Stellen kosten, weil der Konsum – die Stütze der US-Wirtschaft – weiter zurückgehe, hieß es in einem Bericht des Wirtschaftsrates. „Das würde den Aufschwung im Keim ersticken“, sagte der Vorsitzende des Rates, Austan Goolsbee.

Der US-Kongress hatte die Hilfen im Zuge der Finanzkrise von sechs Monaten auf 99 Wochen ausgeweitet. Das Arbeitsministerium schätzt, dass die Maßnahmen während der Krise drei Millionen Menschen vor Armut bewahrt habe. Aber jetzt sind die Unterstützungen für die „99ers“, wie die Empfänger der Hilfen genannt werden, ausgelaufen. Im Klartext heißt das: Die wöchentlichen Schecks für Millionen Menschen fallen von einem auf den anderen Tag weg. Die Hilfen angesichts des historisch hohen Niveaus von fast 15 Millionen Arbeitslosen nicht zu verlängern, sei „unverantwortlich“, so Austan Goolsbee.

US-Präsident Barack Obama ermahnte die Abgeordneten, die Hilfen nicht für politische Zwecke zu missbrauchen. „Arbeitslosenhilfe ist etwas, das von beiden Parteien unterstützt werden sollte“, sagte der Präsident am Mittwoch. „Millionen von Amerikanern verlieren ihre Unterstützung und wissen nicht, wie sie Essen auf den Tisch bekommen und über die Runden kommen sollen, bis sie einen neuen Job gefunden haben.“ Die Hoffnung ist nun, dass eine Verlängerung an die Ausweitung der Steuernachlässe geknüpft werden kann, über die die Abgeordneten ebenfalls vor Jahresende abstimmen. Sollte das Vorhaben scheitern, stehen bis November 2011 zusätzlich sieben Millionen Menschen ohne staatliche Hilfen da.

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