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Spekulation Das Kartenhaus stürzt ein

Wissen Sie, was ein Currency-Carry-Trade ist? Nein? Macht nichts, für den Einstieg ist es jetzt sowieso zu spät. Das Spekulieren auf Pump lohnt sich nicht mehr. Von Anna Sleegers

25.10.2008 00:10
ANNA SLEEGERS
Nikkei stürzt unter 8000er Marke
Weltweit brechen die Börsen ein, auch in Tokio - während der Yen kräftig aufwertet (24.10.2008). Foto: dpa

Wissen Sie, was ein Currency-Carry-Trade ist? Nein? Macht nichts, für den Einstieg ist es jetzt sowieso zu spät. Denn das Kartenhaus, das mit diesen hochriskanten Zins- und Währungsspekulationen in den vergangenen Jahren gebaut wurde, bricht gerade in sich zusammen - mit dramatischen Folgen für die Aktien-, Immobilien- und Rohstoffmärkte und kleine Volkswirtschaften wie Ungarn oder Island.

Am Freitag brachen die Aktienkurse rund um den Globus ein. Der Deutsche Aktienindex (Dax) notierte am späten Nachmittag mit 4190 Zählern mehr als sieben Prozent im Minus. Zeitweise war er sogar schon fast bis auf die Marke von 4000 Punkten gefallen. In den USA lag der S&P 500 im frühen Handel rund 4,6 Prozent im Minus. Der Preis für ein Fass Öl der Nordsee-Sorte Brent rutschte sogar unter die für uneinnehmbar gehaltene Marke von 60 Euro.

Während Aktienhändler den Grund in der wachsenden Furcht vor einer Weltrezession suchten, haben Devisenexperten eine andere Erklärung. Der plötzliche Anstieg des Yen und des Schweizer Franken, die am Freitag nicht nur gegenüber dem Dollar, sondern auch gegenüber dem Euro dramatisch an Wert gewannen, deute auf etwas anderes hin.

Offenbar sehen sich spekulative Investoren dazu gezwungen, alle möglichen Positionen aufzulösen, die sie mit geliehenem Geld aus Japan oder Schweiz eingegangen sind. Um diese Kredite wieder an die Banken zurückzuzahlen, mussten sie Yen oder Franken kaufen, was den Kurs in die Höhe trieb.

"Jetzt werden offenbar auch Carry-Trader panisch", sagt der Ökonom Heiner Flassbeck, der seit Jahren vor den Risiken von Carry Trades warnt. Diese Spekulationsgeschäfte basieren auf den Mini-Zinsen von Ländern wie Japan oder der Schweiz. Hedgefonds und andere Profi-Anleger, teilweise aber auch wagemutige Privatanleger, deckten sich dort mit billigen Krediten ein. Das gepumpte Geld tauschten sie in andere Währungen, um es zum Beispiel am Aktienmarkt oder in Rohstoffgeschäften zu investieren.

"Die Bezeichnung Carry-Trade ist anschaulich, weil diese Investoren tatsächlich nichts anderes taten, als Geld um den Globus zu bugsieren", sagt Flassbeck. Das Spiel ging über Jahre gut. In Japan war es ein regelrechter Volkssport, sich Geld bei der Bank zu leihen und zum Beispiel in Island zu investieren.

Auch in Ungarn war es gang und gäbe, sein Eigenheim mit Hypotheken aus dem Niedrigzinsland Schweiz zu finanzieren. Und selbst auf dem deutschen Anleger-Portal Wallstreetonline.de, auf dem sich schon die Hobby-Spekulanten des Neuen Marktes zu tummeln pflegten, finden sich Beiträge zu diesen Geschäften.

Diese Investitionen auf Pump befeuerten nicht nur den Börsen- und Rohstoffboom der vergangenen Jahre, sondern sorgten in der Summe auch dafür, dass der Yen abwertete. Denn die große Zahl von Carry-Tradern, die das bei japanischen Banken geliehene Geld in Euro oder Dollar umtauschten, sorgten am Devisenmarkt für ein Überangebot des Yen.

Für die Carry-Trader war das noch umso besser: "Dadurch konnten sie obendrein noch Wechselkursgewinne machen", sagt Eugen Keller, Devisenexperte von der Privatbank Metzler. Denn durch die Yen-Abwertung schrumpfte die Summe, die sie zurückzahlen mussten. Doch damit ist es nach dem gestrigen Wirbel am Devisenmarkt vorerst vorbei. "Carry-Trader, die ihre Positionen noch nicht aufgelöst haben, werden rasch nachziehen", sagt er.

Auch Dieter Merz, Chef-Anlagestratege bei der Privatbank Hauck & Aufhäuser sieht keinen Grund für Entwarnung. "Carry-Trades und andere auf Pump finanzierte Geschäfte werden in den kommenden Wochen weiter aufgelöst werden", sagte er der Frankfurter Rundschau. Das globale "Deleveraging", also die Abkehr von gehebelten Investitionen, sei im vollen Gange. Er rechnet fest damit, dass der Dax auch noch unter die Marke von 4000 Punkten fallen wird. Damit hätte der Index, der eigentlich die Wertentwicklung der deutschen Großkonzerne abbilden sollte, innerhalb weniger Monate mehr als die Hälfte seines Wertes verloren.

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