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Schuldenkrise Zentralbanken fluten den Markt mit Geld

Wie zu Zeiten der Lehman-Pleite überraschen die wichtigsten Notenbanken mit einer konzertierten Aktion: Sie stellen Banken in der Schuldenkrise mehr Geld zur Verfügung - auch um die Realwirtschaft zu stützen. Die Börsen reagieren mit einem Kursfeuerwerk.

30.11.2011 14:55
Koffer mit Geld reichen die Zentralbanken nicht aus - aber durch geänderte Zinsverträge und geringer Kosten werden die finanziellen Spielräume erweitert. Foto: AFP

Im Kampf gegen die Schuldenkrise gehen die wichtigsten Notenbanken der Welt überraschend in die Offensive. Wie in den schlimmsten Tagen der Finanzkrise stellen sie den Finanzmärkten in einer koordinierten Aktion mehr Geld zur Verfügung. Sie garantieren den Banken, in anderen Währungen zu günstigen Konditionen flüssig zu sein. Auch die EZB wird anderen Zentralbanken Euro zur Verfügung stellen, damit internationale Banken nicht fürchten müssen, zu wenige Euro in den Büchern zu haben. Effektiv wirkt die Zentralbankaktion wie eine Art Deckel für Währungstauschgeschäfte.

Kursfeuerwerk an den Börsen

Mit einem Kursfeuerwerk reagieren die Aktienmärkte spornstreichs auf die Ankündigung von Europäischer Zentralbank (EZB), der US-Notenbank Federal Reserve (Fed) und den Notenbanken von Kanada, Japan, Großbritannien und der Schweiz. Der Leitindex Dax an der Börse in Frankfurt am Main reagierte umgehend und sprang um mehr als 5 Prozent nach oben. Er übersprang damit die Marke von 6000 Punkten. Auch der Euro gewann gegenüber dem Dollar deutlich an Wert.

Die Zentralbanken wollen sich gegenseitig Geld zu niedrigeren Zinssätzen leihen. Außerdem sollen die Kosten von Dollar-Swaps gesenkt werden. Geplant sind auch bilaterale Abkommen über Zinsgeschäfte zwischen den Zentralbanken. Bei den sogenannten Dollar-«Swap»-Geschäften, die die Zentralbanken nun untereinander neu regeln, geht es darum, Liquidität in US-Dollar anderen Notenbanken zur Verfügung zu stellen. Am Mittwoch senkten die beteiligten Zentralbanken die Kosten für solche Geschäfte - damit wird es leichter, den Märkten Geld zur Verfügung zu stellen. In angespannten Zeiten ist es für Marktteilnehmer wie Banken schwer, sich auf dem Geldmarkt kurzfristig Mittel zur Finanzierung zu leihen, da das gegenseitige Vertrauen an den Märkten schwindet. Die Zentralbanken wollen mit ihrer Aktion nun gegensteuern.

Die Europäische Zentralbank (EZB) setzte den Referenzkurs auf 1,3418 (Dienstag: 1,3336) Dollar fest. Der Dollar kostete damit 0,7453 (0,7499) Euro. Zu anderen wichtigen Währungen legte die EZB die Referenzkurse für einen Euro auf 0,85580 (0,85365) britische Pfund, 104,00 (103,82) japanische Yen und 1,2265 (1,2280) Schweizer Franken fest.

Refinanzierung problematisch

Die konzertierte Aktion der Notenbanken ist nach Ansicht des Volkswirtschaftlers Klaus Adam geeignet, um das Vertrauen ins europäische Bankensystem zu stärken. Die europäischen Geschäftsbanken würden in die Lage versetzt, sich billiger als bislang in US-Dollar zu refinanzieren, sagte der Professor der Universität Mannheim der Nachrichtenagentur. Der dafür gültige Zinssatz sei in einem ungewöhnlichen Schritt um 50 Basispunkte gesenkt worden.
„Letztlich ist es eine Hilfe für das europäische Bankensystem“, sagte Adam. Die Banken hätten in der letzten Zeit Schwierigkeiten gehabt, sich in Dollar zu refinanzieren, weil ihre in Euro laufenden Wertpapiere von der Gegenseite zunehmend nicht mehr als Sicherheiten akzeptiert worden seien. Die EZB sei dazu hingegen bereit.

Die Amerikaner versprechen sich nach Adams Einschätzung eine Stabilisierung des europäischen Bankensystems. Ob die Amerikaner oder die Europäer das Risiko eines Zahlungsausfalles letztlich tragen müssten, sei noch nicht ganz klar. „In jedem Fall liegt das Risiko auf der Seite des Zentralbanksystems und damit im öffentlichen Sektor.“

Liquiditätskrise abwenden

Analysten begrüßten das konzertierte Vorgehen in ersten Reaktionen einmütig. Dies zeige, dass die Verantwortlichen das Problem endlich angingen, sagte etwa Mark Cliffe, Chefvolkswirt der ING Group. „Zuletzt haben wirklich düstere Szenarien die Runde gemacht. Angesichts dessen ist es wirklich umso wichtiger, dass sie nun mit aggressiven Maßnahmen das Bankensystem unterstützen.“ Postbank-Chefvolkswirt Marco Bargel erklärte, die Notenbanken wollten vor allem eine neue Liquiditätskrise abwenden, die wie schon nach der Lehmann-Pleite vor drei Jahren das globale Finanzsystem lähmen könnte: „Die Notenbanken stehen Gewehr bei Fuß. Jegliche Anzeichen einer Liquiditätskrise werden mit allen Mitteln bekämpft. Wenn Verspannungen auftreten, werden sie nachschießen.“

Ein Händler sagte zur Aktion: „Ich denke, diese Maßnahme wird nur kurzfristig Entspannung bringen, aber löst nicht die Vertrauenskrise. Die kann nur von der Politik beeinflusst werden.“ Dabei verwies er auf den Ende der nächsten Woche anstehenden EU-Sondergipfel.

"Der Markt mag Liquidität. Allerdings muss man abwarten, ob sich die Lage am Interbankenmarkt entspannt. Denn dies ist nur ein Herumlaborieren am Symptom, fundamental ändert sich nichts. Die Politiker müssen jetzt liefern. Das Zeitfenster schließt sich immer schneller. Bislang wurde kaum etwas von dem umgesetzt, was angekündigt worden war“, sagt Giuseppe Amato, Analyst von Lang&Schwarz.

Pessimistisch ist auch Junya Tanase, Chef-Devisenstratege von JP Morgan Chase in Tokio: „Das Hauptaugenmerk liegt weiter auf der Frage, woher das Geld kommt. Hierzu gab es keine neuen Informationen. Schlussendlich hängt alles davon ab, ob sich die EZB stärker in der Schuldenkrise engagiert, da sie der einzige belastbare Geldgeber ist.“ (rtr/dpa/kho)

Die Ankündigung der Zentralbanken in englischer Sprache.

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