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Schuldenkrise Spanien Was das System so instabil macht

Als Wert gilt heute nicht das, was produziert worden ist, sondern das, was noch produziert werden soll. Und alles hängt an dem, was allgemein Vertrauen der Märkte genannt wird.

11.06.2012 17:23
Die Börse in Madrid. Die Kurse spiegeln den Verlauf der Finanzkrise wider. Foto: dapd/Archiv

Spanien erhält voraussichtlich 100 Milliarden Euro Hilfe, um sein Bankensystem zu retten. Eine riesige Summe – und niemand glaubt, dass damit das Gesamtproblem gelöst ist. Um der Euro-Krise Herr zu werden, wurde ein Billionen-Schirm aufgespannt, Staaten wurden zu nie gesehenen Sparprogrammen gezwungen, Hunderttausende Beamte entlassen, Löhne flächendeckend gedrückt, demokratische Spielregeln außer Kraft gesetzt und europaweite Schuldenbremsen eingeführt. Während noch diskutiert wird, ob dies die Krise beenden kann, fällt die eigentlich irritierende Frage unter den Tisch: Warum weiß das eigentlich niemand?

Der Grund hierfür liegt in der Verfasstheit der heutigen Weltwirtschaft. Es ist bezeichnend für ihren Zustand, dass ein Land wie Griechenland, das 0,4 Prozent der globalen Produktion ausmacht, die Ökonomie von Chile bis nach China ins Wanken bringt; und dass eine linksradikale Partei wie die griechische Syriza die Existenz der zweitwichtigsten Währung der Welt bedroht, von der angezweifelt wird, dass es sie in drei Monaten noch gibt.

Beunruhigender Zustand des Reichtums

Es sagt einiges über den beunruhigenden Zustand des weltweiten Reichtums aus, dass ein Unternehmen wie Facebook innerhalb weniger Tage 40 Milliarden Dollar an Wert einbüßt, dass an den Weltbörsen sich innerhalb eines Monats 6000 Milliarden Dollar in Luft auflösen und dass eine US-Bank wie JP Morgan mit Absicherungsgeschäften zwei Milliarden Dollar verliert und hinterher zugibt, sie wisse auch nicht so recht, wie das geschehen konnte. Angesichts des Ausmaßes der Unsicherheit ist klar, dass es sich hier nicht um einen „griechischen Virus“ handelt, der sich in ein eigentlich gesundes System eingenistet hat.

Was das System so instabil macht, resultiert aus seinem Konstruktionsprinzip, das vielfach als Finanzialisierung umschrieben wird. Und hier sind die globalen „Werte und Reichtümer eine äußerst schwankungsanfällige Sache.

Woran liegt das? Die Finanzkrise ab 2008 hat deutlich gemacht: Was Sparer auf ihren Konten, Anleger in ihren Wertpapier-Depots und Banken auf ihrer Haben-Seite als Vermögen verbuchen, das sind nichts anderes als Schulden anderer. Der finanzielle Reichtum der Welt (allein Privatanleger verfügen über 220 Billionen Dollar) besteht aus Aktien, Anleihen, Lebensversicherungen, Sparguthaben – also aus Zahlungsansprüchen, die so lange Wert haben, wie sie bedient werden. Werden sie nicht bedient oder kommen Zweifel am Schuldner auf, lösen sich die Werte in Luft auf, seien es US-Hypothekenpapiere oder Griechen-Anleihen.

Materialisierte Erwartungen

Der finanzielle Reichtum der Welt besteht also aus materialisierten Erwartungen, aus antizipierten Renditen, die zwar erst in Zukunft anfallen, aber heute schon als Guthaben existieren. Er ist damit eine gigantische Spekulation auf künftige Erträge, ein Vorgriff auf noch zu produzierendes Wachstum. Man kann es auch so ausdrücken: Als Wert gilt heute nicht das, was produziert worden ist, sondern das, was noch produziert werden soll.

Das an den Finanzmärkten gehandelte Vermögen beruht also auf Erwartungen. Daher können Milliardensummen einfach platzen. Daher hängen Unternehmen, Staaten und ganze Währungsräume heute an dem, was allgemein Vertrauen der Märkte genannt wird. Daher besteht die finanzielle Potenz eines Staates heute in seiner Kreditwürdigkeit, also in der Einschätzung seiner Geschäftsaussichten durch die Märkte. Ist diese Kreditwürdigkeit dahin, ist der Staat pleite, sind seine Banken bankrott.

Da sie im Wettbewerb der Standorte den Kredit der Anleger brauchen, tun Regierungen alles, um das Vertrauen der Märkte zu gewinnen. Diesem Zweck wird alles untergeordnet, für ihn werden Rettungsschirme aufgespannt, Parlamente umgangen, Verfassungen umgeschrieben und Lohnniveaus gesenkt.

Es ist also etwas vereinfachend zu behaupten, das Problem von Staaten, Banken, Haushalten und Unternehmen bestünde darin, dass sie zu viele Schulden hätten. Denn diese Schulden sind das an den Märkten gehandelte Finanzvermögen, der Reichtum der Welt. „Zu viele Schulden“ bedeutet mithin nur, dass an den Finanzmärkten zu viele Ansprüche auf künftige Verwertung, auf noch zu produzierendes Wachstum zirkulieren.

Last der Erwartung

Der Finanzmarkt – oder genauer: das Finanzkapital – ist heutzutage das Subjekt der globalen Ökonomie. Mit seinen Ansprüchen an die Zukunft überfordert es die reale Welt und wird damit selber brüchig. Um es zu retten, nehmen die Staaten mehr Kredit auf und erhöhen damit die Last der Erwartung, also die Ansprüche an künftiges Wachstum.

Das Weltfinanzsystem beruht auf dem Glauben, dass diese Ansprüche eingelöst werden können. Kein Wunder, dass niemand weiß, ob sich dieses Vertrauen einstellt und ob es den Euro morgen noch gibt.

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