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IWF-Chefvolkswirt Blanchard Das revolutionäre Papier

Man darf nicht auf den freien Markt vertrauen: IWF-Chefvolkswirt Blanchard legt ein revolutionäres Papier vor. Es geht darum, das dominante ökonomische Paradigma, die moderne Neoklassik, zu demontieren, ja abzulösen. Von Robert von Heusinger

01.03.2010 00:03

Olivier Blanchard ist Makroökonom und der Chefvolkswirt des Internationalen Währungsfonds.

Keine zwei Wochen hat es gedauert, bis die Provokation von Olivier Blanchard die globale volkswirtschaftliche Debatte beherrscht hat. In einem 17-seitigen Paper hatte der Chefvolkswirt des Internationalen Währungsfonds (IWF) die Grundüberzeugungen seiner Zunft in Frage gestellt und Vorschläge für eine neue Wirtschaftspolitik gemacht.

Aus Seoul meldete sich Mitte vergangener Woche Jürgen Stark, der Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank. Er schimpfte den Vorschlag, etwas mehr Inflation zu wagen, "kontraproduktiv". Das lenke nur vom eigentlichen Problem, der schwierigen Haushaltslage der Industriestaaten, ab.

Auch Bundesbankpräsident Axel Weber schaltete sich in die "Geisterdebatte" (Weber) ein und nannte den Vorstoß, das Inflationsziel von zwei auf vier Prozent anzuheben, "grob fahrlässig und schädlich".

Andere Volkswirte äußerten dagegen Sympathie. Etwa der Kolumnist der New York Times und Nobelpreisträger Paul Krugman oder Jean-Paul Fitoussi, der Wirtschaftsberater der französischen Regierung.

Doch die Diskussion um etwas höhere Inflation verdeckt das Revolutionäre der 17 Seiten mit dem Titel "Wirtschaftspolitik noch mal neu denken" (Rethinking Macroeconomic Policy). Sie sind der bislang radikalste Versuch aus der Mitte der Ökonomie, das dominante Paradigma, die moderne Neoklassik, zu demontieren, ja abzulösen.

Die Botschaft lautet: Man darf nicht darauf vertrauen, dass es der freie Markt schon richten wird. Der Staat müsse für Puffer sorgen, um den Schwankungen der Märkte, der Instabilität, etwas entgegen setzen zu können.

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Blanchards Vorshläge im Detail

So fordert Blanchard Puffer in der Fiskalpolitik, einen stärkeren Abbau von Staatsverschuldung in guten Zeiten, um in schlechten Zeiten mehr Verschuldungsspielraum für Konjunkturprogramme zu haben. Oder eben den Puffer in der Geldpolitik über ein etwas höheres Inflationsziel.

Dann hätten die Notenbanken in schlechten Zeiten Spielraum, um Zinsen zu senken. Zudem spricht sich Blanchard für Kapitalverkehrskontrollen aus. Er befürwortet Eingriffe in den Devisenmarkt, wenn die Entwicklung des Wechselkurses nichts mehr mit der fundamentalen Lage des Landes zu tun hat. All das ist starker Tobak - und doch nur das untrügliche Zeichen, dass sich das Zeitalter der modernen Neoklassik dem Ende zuneigt.

Bislang hatten die Fans des freien Marktes die staatlichen Eingriffe in die Wirtschaft in Folge der Krise damit zu rechtfertigen versucht, dass es sich um einen der ganz seltenen "keynesianischen Momente" gehandelt habe.

In so einem Ausnahmefall seien die an sich verstaubten Rezepte von John Maynard Keynes die richtige Medizin. Die Rückkehr des Staates, die Hilfe für den freien Markt, sollte nur eine Episode zur Bewältigung der Krise sein.

Doch mit dieser Hoffnung macht Blanchard jetzt Schluss. Der Franzose ist nicht nur der Chefvolkswirt des IWF, der bedeutendsten aller internationalen Institutionen, die sich die Makro-Ökonomie auf die Fahne geschrieben haben. Blanchard ist auch der Verfasser des Standardlehrbuches für Volkswirtschaftslehre weltweit. Wenn Blanchard das herrschende Paradigma angreift, dann wackelt es.

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Ente oder Kaninchen?

Ente oder Kaninchen? Fliegen oder nur hoppeln? Es geht um eine Änderung der Blickweise auf das Funktionieren des Kapitalismus.

Worum geht es? Um nichts anderes als einen radikalen Blickwechsel auf das Funktionieren des Kapitalismus. Thomas Kuhn, der Wissenschaftsphilosoph, verwandte die Abbildung von Joseph Jastrow, um den Paradigmenwechsel zu veranschaulichen. Ente oder Kaninchen?

Von links betrachtet handelt es sich um eine Ente, ein Tier, das fliegen kann, von rechts dagegen um ein Tier, das lediglich hoppeln kann. Um bei der Betrachtung des Kapitalismus zu bleiben: Handelt es sich um ein System, das ins Gleichgewicht strebt, dessen Märkte ganz allein für den Ausgleich von Angebot und Nachfrage sorgen?

Oder ist der Kapitalismus ein System, in dem das Ungleichgewicht dominiert, das Instabilität und Krisen kennt? Für die Neoklassik ist es ein Gleichgewichtssystem, in dem der Staat mit seinen Eingriffen immer Wohlfahrtsverluste produziert. Deshalb lautete bis zuletzt die Losung: Deregulierung.

Für Blanchard und viele Kritiker der Neoklassik dagegen ist der Fall umgekehrt: Der Markt tendiert nicht zum Gleichgewicht, sondern neigt zur Instabilität. Deshalb muss der Staat eingreifen, um die Wohlfahrt zu steigern respektive Wohlfahrtsverluste zu minimieren. Hier heißt die Losung Re-Regulierung.

Um die theoretischen Erörterungen konkret zu machen: Wenn der Arbeitsmarkt neoklassisch betrachtet wird, dann kann es eigentlich keine Arbeitslosen geben. Gibt es sie doch, dann sind sie entweder freiwillig arbeitslos, weil ihnen der gezahlte Lohn zu niedrig ist.

Sind die Menschen unfreiwillig arbeitslos, was eher der Realität entspricht, dann ist der Arbeitsmarkt eben nicht frei, flexibel genug, weil es etwa Gesetze zum Schutz der Arbeitnehmer oder zu starke Gewerkschaften gibt.

Gelangt der Markt indes nicht von selbst ins Gleichgewicht, dann gibt es unfreiwillige Arbeitslose, weil es Marktversagen gibt. Dann muss der Staat die Nachfrage nach Arbeitskräften steigern, etwa indem er das Wachstum stimuliert und/oder mehr Erzieher, Krankenschwestern und Lehrer einstellt.

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Zurück zur Klassik?

Für Kritiker der Neoklassik ist es kein Wunder, dass die Neoklassik scheitern muss. Und zwar immer wieder. Das Sonderbare ist nur, dass sie sich nach der Pleite in den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts berappeln konnte. Denn die Neoklassiker verstehen den Kapitalismus als Tauschwirtschaft, in der jeder Mensch freiwillig knappe Güter tauscht.

Die Güter, also Äpfelchen oder Birnchen, hat er von Beginn an. Wem das Tauschverhältnis nicht genehm ist, der tauscht nicht. Alles ist wunderbar freiwillig, alles ist sonderbar surreal.

Geld spielt in der Neoklassik keine eigenständige Rolle, Wachstum braucht es nicht, Unternehmensgewinne sind im Mittel auch keine vorhanden. All diese theoretischen Ergebnisse kontrastieren erheblich mit der täglichen Wahrnehmung unseres Wirtschaftssystems.

Das ist die Crux der Theorie, die zum Erklären des modernen Kapitalismus eigentlich schon immer untauglich war, bereits in den 1870er Jahren, als sie aufkam. Der moderne Kapitalismus ist in Wirklichkeit eine Geldwirtschaft, die zum Wachsen verdammt ist. Sie produziert Güter ohne Ende, wenn sie sie absetzen kann, und bekommt ein Problem, wenn sie sie nicht mehr absetzen kann.

Warum ist die Neoklassik überhaupt so erfolgreich geworden? Weil sie für die Besitzenden eine angenehme Theorie ist? Diesen Verdacht hegt der unorthodoxe Ökonom Hans Christoph Binswanger.

Der St. Gallener Professor und Doktorvater von Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermanns glaubt, dass die Neoklassik als radikale Abkehr von der Klassik konzipiert und unterstützt worden ist, um die Marxschen Analysen zu verdrängen, die ja weitgehend auf der Klassik fußten. Bei der Annahme des freiwilligen Tauschs kann es keine Ausbeutung geben. Jeder bekommt am Markt, was seinem Grenzertrag entspricht.

Zurück bis zur Klassik, soweit geht Blanchard nicht. Seine Vorschläge zielen eher auf die zentrale Erkenntnis von John Maynard Keynes aus den 1930er ab.

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Das System ist nie stabil

John Maynard Keynes.

Unsicherheit ist die fundamentale Kategorie im Kapitalismus, und deshalb ist das System niemals stabil. Unsicherheit resultiert daraus, dass bei jeder Investitionsentscheidung jedem Unternehmer oder Finanzinvestor klar ist, dass niemand weiß, ob sie jemals die erwünschte Rendite bringen wird.

Deshalb ist Vertrauen so wichtig, denn die Menschen orientieren sich an sozialen Institutionen und unterliegen dem Herdentrieb. Entweder das System boomt, weil alle optimistisch sind, oder es zieht sich zusammen, je nach Gefühlsschwankungen der Menschen, den "animal spirits" wie Keynes sie nannte.

Die Antwort auf diese Gefühlsschwankungen gibt Blanchard. Der Staat muss dafür sorgen, dass der Optimismus wohltemperiert ist, nicht himmelhochjauchzend, aber auch nicht zu Tode betrübt. Und wie macht der Staat das?

Indem er antizyklisch in die Wirtschaft eingreift. Indem der Staat wieder das Primat hat, weil der Markt es eben nicht alleine kann. Wie die Krise erneut, hoffentlich ein letztes Mal, bewiesen hat.

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