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Finanzkrise Schicksalsjahr für Griechenland

Für die Griechen hat ein weiteres Jahr mit Entbehrungen begonnen. Viele bezeichnen 2013 als ein Schicksalsjahr. Bis zu dessen Ende soll Klarheit herrschen, ob Athen es schaffen könnte, wieder auf eigenen Beinen zu stehen.

08.01.2013 15:24
Athen im Januar 2013. Foto: dpa

„Vorsicht: Wir haben nur das Jahr gewechselt, aber nicht das Land.“ Dieser Witz machte am Neujahrstag im griechischsprachigen Internet die Runde. Dass sie noch lange nicht über den Berg von Problemen und Schulden sind, ist den Griechen bewusster denn je. Mehr als jeder Vierte ist arbeitslos. Die Schwarzarbeit mit Gelegenheitsjobs erreicht inzwischen 35 Prozent. Viele müssen ihren Gürtel noch enger schnallen. Am 1. Januar wurden Löhne, Gehälter, Renten und Pensionen weiter gekürzt.

In Athen und den größeren Städten des Landes war kein Hauch von Optimismus zu spüren - im Gegenteil. Nach Schätzungen der Händler in Athen schrumpfte das Weihnachtgeschäft von knapp 29 Milliarden Euro 2008 auf nur noch etwas mehr als sieben Milliarden 2012.

Finanzminister: Steuerhinterziehung bekämpfen

Die Politiker des Landes machen keinen Hehl daraus, dass das Schlimmste noch nicht überstanden ist. Finanzminister Ioannis Stournaras warnte mit drastischen Worten davor, dass sich 2013 entscheidet, ob das Land eine Zukunft hat oder zusammenbricht. Es sei zwingend, die Steuerhinterziehung zu bekämpfen.

Ministerpräsident Antonis Samaras sieht die Gefahr einer gesellschaftlichen Explosion. In seiner Neujahrsansprache sprach er offen an, dass den Griechen ein weiteres entbehrungsreiches Jahr bevorsteht: 2013 werde „kein leichtes Jahr sein“. Radikale Kräfte und Gewerkschaften vor allem der Jahrzehnte privilegierten Staatsbediensteten planen bereits weitere Streiks in den kommenden Monaten, um Griechenland lahmzulegen. Wichtiger denn je sei es, Arbeitsplätze zu schaffen, sagte Samaras.

Große Unsicherheit geht zudem von der schweigenden Mehrheit der Millionen Menschen aus, die den Mittelstand Griechenlands bilden. Die Regierung fürchtet, dass sie beim Sparmarathon nicht mehr mitziehen und keine Steuern mehr zahlen. „Nicht weil sie etwa nicht wollen, sondern weil sie kein Geld mehr haben werden“, erklärte ein hoher Beamter im Finanzministerium. Die Summe, die dem Fiskus in der Krise mittlerweile an Steuern, einschließlich Mehrwertsteuer, entgeht, beläuft sich nach offiziellen Angaben auf gewaltige 55,5 Milliarden Euro. Experten gehen davon aus, dass davon allenfalls noch 80 Prozent vom Staat kassiert werden könnten, der Rest entfalle auf pleitegegangene Unternehmen und sei damit im Grunde verloren. Hinzu kommt, dass die Finanzverwaltung Griechenlands immer noch große Probleme hat und einer zeitgemäßen Ausstattung hinterherhinkt.

Griechischer Botschafter verdient 1899 netto

Zum Jahresanfang wurden Löhne und Gehälter von Bediensteten in staatlichen und öffentlich-rechtlichen Unternehmen weiter um etwa 25 Prozent gekürzt und damit dem Durchschnittslohn der direkt beim Staat Beschäftigen angeglichen. U-Bahnfahrer in Athen, die in Schichten von frühmorgens bis spätabends arbeiten, verdienen beispielsweise nun das Gleiche, was Büroangestellte bekommen, die um vier Uhr nach Hause gehen. Auch obere Schichten wurden nicht ausgenommen. Der Generalstabschef verdient nach offiziellen Angaben noch 1873 Euro netto pro Monat, der Chef des höchsten Gerichtshofes - vergleichbar mit dem Bundesgerichtshof - fällt von 4134 auf 3023 Euro zurück, ein Botschafter von 2234 auf netto 1899 Euro. Die Preise in den Supermärkten haben sich dagegen nicht verringert und liegen auf ähnlichem Niveau wie in Deutschland.

Oftmals schlimmer ist die Lage für viele, die nicht beim Staat beschäftigt sind. Weil das Heizöl enorm teuer geworden ist, wird in vielen Häusern nur noch wenig geheizt oder Holz verbrannt. Allein in Athen sind bereits 20.000 Menschen obdachlos. Hilfsorganisationen schätzen, dass jeder Dritte früher der Mittelschicht angehörte. Die Kirche und humanitäre Organisationen helfen inzwischen mehr als 250.000 Menschen mit Mahlzeiten. Auf den Wochenmärkten sieht man verzweifelte Rentner in Abfällen wühlen, um noch essbares Gemüse zu finden. Ältere Griechen erinnern daran, dass es vergleichbare Szenen nur in Zeiten der Besatzung während des Zweiten Weltkrieges gab.

Die Neujahrsfeier in der Hauptstadt fiel karg aus: Wenige tausend Athener versammelten sich in der Sylvesternacht unterhalb der Akropolis, um ein kleines Feuerwerk anzuschauen und dann schnell nach Hause zu gehen. In der Familie und unter Freunden wünschte man sich oftmals nicht wie sonst üblich „ein frohes neues Jahr“, sondern möge „2013 nicht schlimmer werden als 2012“ und vor allem „Arbeit zu haben“. (dpa)

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