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Finanzkrise „Die Banken sollen wieder der Realwirtschaft dienen“

Der linke Wirtschaftsforscher Rudolf Hickel über die Macht der Finanzmärkte, die zerstörerische Kraft der Spekulation und die Verantwortung der Politik.

28.04.2012 18:38
Neue Sicht: Blick auf die Frankfurter Skyline vom Neubau der Europäischen Zentralbank (EZB). Foto: dpa

Vor drei Jahren platzte in den USA die Immobilien-Spekulationsblase und riss die Welt in eine Rezession. Konjunkturprogramme und Bankenrettungen blähten die Staatsverschuldung auf. Daraufhin verloren die vom Staat geretteten Finanzmärkte ihr Vertrauen in die Solidität der Staatsfinanzen, was wiederum zur Euro-Krise führte. Daher, so der Ökonom Rudolf Hickel, muss die Macht der Spekulation ein für alle Mal gebrochen werden. „Die Banken sollen wieder der Realwirtschaft dienen“, fordert er.

Herr Hickel, bei welcher Bank sind Sie?

Bei der Sparkasse, schon immer. Das liegt in der Familie – meine Eltern waren für große Häuser wie die Deutsche Bank nie attraktiv.

Am Geschäft mit den Privatkunden halten Sparkassen und Genossenschaftsbanken in Deutschland zwei Drittel, die Privatbanken nur ein Drittel. Dennoch sind sie zu groß und müssen zerschlagen werden, fordern Sie. Warum?

Mit „zerschlagen“ meine ich: Die Banken müssen so umstrukturiert werden, dass sie wieder der Realwirtschaft, den produzierenden Unternehmen dienen, also Kapital für Investitionen bereitstellen. Für die großen Investmentbanken jedoch ist das Geschäft mit der Finanzspekulation immer wichtiger geworden. Denn beim Zocken mit hochriskanten Wertpapieren wird erst einmal viel Geld verdient. Dadurch hat sich jedoch eine rein spekulative Finanzwelt von der Realwirtschaft abgekoppelt. Die gesamten globalen Finanztransaktionen lagen 2011 75 Mal höher als die Weltwirtschaftsleistung. Das ist doch ökonomischer Wahnsinn.

Wenn „75 Mal höher“ zu viel ist – was wäre denn eine angemessene Relation?

Das weiß natürlich keiner. Entscheidend ist hier der längerfristige Trend: Die Finanzvolumina sind seit den 1990er Jahren dramatisch schneller gestiegen als die Weltproduktion an Gütern und Dienstleistungen. Das ist ein Hinweis, dass sich im Weltwirtschaftsgefüge etwas zum Schlechten verändert hat. Dass sich die Finanzwelt von ihrer ökonomischen Wertschöpfungsbasis entkoppelt.

Haben Sie schon einmal spekuliert?

Ja, ich dachte allerdings, ich investiere in reale Werte. Ich hatte mir Aktien der Deutschen Telekom zugelegt. Was ich damals nicht wusste: Der Telekom-Aktienkurs war bereits in die Höhe spekuliert worden. Ich bin ziemlich auf die Nase gefallen.

Die Spekulation finden sie schlecht, solide Finanzinvestments hingegen gut. Wo verläuft die Grenze zwischen beiden?

Der Zweck unterscheidet sie. Nehmen wir Devisen-Swap-Geschäfte, mit denen sich Unternehmen gegen heftige Währungsschwankungen absichern können. Solch ein Finanzgeschäft ist sinnvoll und muss immer möglich sein. Was ich kritisiere, ist Spekulation, die überhaupt keinen Bezug mehr zur Realwirtschaft hat. Zum Beispiel Wetten auf Börsenindizes. Diese Spekulation schafft keine Werte, sondern nur fiktive, irreale Vermögen und Blasen – die irgendwann platzen.

Wo liegt das Problem, wenn etwas verschwindet, das ohnehin eigentlich gar nicht real war?

Die primitive Antwort ist: Die fiktiven Werte stehen zu Marktpreisen in der Bilanz. Sinkt der Marktpreis, verbucht die Bank Verluste. Gemessen an der realen Wertschöpfung sind die Spekulationswerte fiktiv. Aber wenn dies sichtbar wird, haben die Banken ein großes reales Problem. Und das trifft weit über die Bankkunden hinaus die Gesamtwirtschaft und den Staat.

… der sie dann retten muss.

Und das ist teuer – die Industriestaaten haben dafür bislang rund 1700 Milliarden Dollar ausgegeben. Darüber hinaus wird die Realwirtschaft angesteckt: Die Banken bekommen Probleme, die Kreditvergabe zwischen den Banken bricht zusammen, sie geben keine Kredite mehr und Unternehmen müssen Investitionen aufschieben, weil sie kein Geld mehr bekommen.

Vor einer solchen Kreditklemme haben Sie lange gewarnt – aber sie ist nie eingetreten.

Das lag nur an den gigantischen staatlichen Hilfen für den Bankensektor sowie an der Liquiditätsschwemme der Europäischen Zentralbank. So etwas darf nicht wieder geschehen. Die Zockergeschäfte an den Finanzmärkten haben längst das Vertrauen in die Grundfesten des kapitalistischen Wirtschaftens erschüttert.

Ist das eine Beschwerde?

Nein, ich finde das gut. Diese Erschütterung muss aber produktiv aufgenommen werden. Der beste Lehrmeister hier ist die materielle Gewalt der Krise. Nun müssen daraus Konsequenzen gezogen werden. Dies ist im Moment leider nicht zu sehen – kaum ist ein Aufschwung da, schon vertröpfelt der Elan. Der Finanzsektor wird wieder gehätschelt.

Was muss konkret getan werden?

Zum einen brauchen wir eine Einschränkung des Eigenhandels der Banken – also wenn die Bank nicht im Kundenauftrag, sondern auf eigene Rechnung spekuliert. Damit riskiert sie indirekt auch die Kundeneinlagen, wenn die Spekulation nicht aufgeht.

Aber diesen Eigenhandel haben die Banken doch seit der Finanzkrise bereits freiwillig stark eingeschränkt?

Das stimmt nur teilweise. Bei der Deutschen Bank zum Beispiel zeichnet sich bereits ab, dass das aggressive Investmentbanking wieder gestärkt werden soll. Zum anderen verlagern die Banken riskante Geschäfte zunehmend in einen unkontrollierten Sektor, zu den so genannten Schattenbanken.

Was sind Schattenbanken?

Das sind Investmentfonds wie Indexfonds oder Hedge-Fonds. Diese wurden zum Teil direkt von Managern großer Banken gegründet, zum Beispiel vom Ex-Deutsche-Bank-Händler Greg Lippmann. Diese Fonds sind weitgehend unreguliert, sie spekulieren, nehmen dafür viel Kredit auf – und diesen Kredit geben ihnen die Banken. So haben die Banken indirekt teil am Finanzkasino und lagern solche Finanzgeschäfte aus, die ihnen inzwischen entweder verboten sind oder die die Regulierung für sie unrentabel gemacht hat. Diese Schattenbanken müssen wieder zurück in den regulierten Sektor geholt werden. Entweder die Schattenbanken erringen den Status regulärer Banken. Oder sie müssen schlichtweg verboten werden.

Also sollen die Banken nicht wirklich schrumpfen, sondern nur ihre Spekulationsabteilungen abtrennen?

Sie müssen vielfach dezentraler und demokratischer werden. Es gilt weiter: Nie darf eine Bank so groß und so systemisch bedeutsam sein, dass sie im Falle einer Pleite vom Steuerzahler gerettet werden muss.

Verlieren Banken ihr Investmentgeschäft, verlieren sie Einnahmen. Sie werden weniger rentabel, weniger finanzstark und können weniger Kredite ausreichen.

Wenn die Banken weniger rentabel werden, ist das kein Beinbruch. Sie müssen mit dem Verbot der Zockergeschäfte schrumpfen. Es waren doch gerade Renditeziele von 25 Prozent wie bei der Deutschen Bank, die die Institute in riskante Geschäfte getrieben haben.

Nun ist ausgerechnet die Deutsche Bank sehr gut durch die Krise gekommen.

Das stimmt – aber der Staat stand potenziell als Pate. Wer garantiert uns, dass dies in der nächsten Finanzkrise auch möglich sein wird? Außerdem betreibt die Deutsche Bank Geschäfte, zum Beispiel die Spekulation mit Nahrungsmitteln, die für andere schädlich sind: Sie erwirtschaftet Profite zu Lasten Dritter. Zudem konnte sie auf Grund ihrer Größe in der Finanzkrise Einfluss auf die Politik nehmen. All dies widerspricht den drei Eigenschaften, auf denen unser Bankensystem aufbauen sollte: dienend, dezentral und demokratisch.

Wenn Banken schon so wichtig und gleichzeitig so gefährlich für das gesamte System sind und wenn Finanzstabilität den Status eines öffentlichen Gutes hat – warum nicht die Banken einfach verstaatlichen?

Als Übergang wäre das denkbar, um die Banken wieder auf Kurs zu bringen und die Umstrukturierung der Branche zu steuern. Danach aber brauchen wir keine verstaatlichten Banken mehr. Sie dienen dann, sind dezentral und demokratisch. Und eine Garantie für Stabilität ist der Staatseinfluss auch nicht, wie man an den Landesbanken gesehen hat.

Sie fordern für den Finanzsektor ein Verbot – wie Sie sagen – sinnloser Produkte. Würden Sie diese Forderung auf die Realwirtschaft übertragen?

Eindeutig ja. Ich will sogar weitergehen: Ein Verbot von gefährlichen, ja toxischen Finanzprodukten ist ein Ausgangspunkt für eine grundlegende Kritik am abstrakten Wachstumszwang, der die Frage blockiert, was, wann für wen überhaupt produziert werden soll – und unter welchen Bedingungen.

Das Gespräch führte Stephan Kaufmann

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

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