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Euro-Krise Deutschland zahlt keine Zinsen für neue Schulden

Der deutsche Staat profitiert von der Euro-Krise: Weil es derzeit keine bessere Adresse für sichere Geldanlagen gibt, kann Deutschland bei Zentralbanken anderer Staaten, Pensionsfonds und Lebensversicherern neue Schulden aufnehmen - ohne dafür einen Cent Zinsen zu bezahlen.

23.05.2012 12:34
Der Finanzminister hat Grund zur Freude - die Krise spielt Wolfgang Schäuble in die Hände. Foto: rtr

Der deutsche Staat profitiert von der Euro-Krise: Weil es derzeit keine bessere Adresse für sichere Geldanlagen gibt, kann Deutschland bei Zentralbanken anderer Staaten, Pensionsfonds und Lebensversicherern neue Schulden aufnehmen - ohne dafür einen Cent Zinsen zu bezahlen.

Das hat es noch nie gegeben: Deutschland leiht sich über zwei Jahre Geld von den Finanzmärkten – und muss dafür keinen Zins bezahlen. Am Mittwoch begab die Finanzagentur des Bundes Bundesschatzanweisungen über 4,6  Milliarden Euro mit einem Kupon von 0 Prozent. „Deutsche Staatspapiere sind keine festverzinslichen Wertpapiere mehr“, scherzt Christophe Bernard von der Schweizer Bank Vontobel. „Fest sind sie schon – aber nicht mehr verzinslich.“

Die Nachfrage nach den Papieren war dennoch groß. Die Bundesregierung erhielt von Banken Gebote über 7,7 Milliarden Euro. Da die Schatzbriefe mit einem leichten Abschlag  verkauft wurden, errechnet sich  für Anleger eine Mini-Rendite von 0,07 Prozent. Unterm Strich machen die Gläubiger  derzeit jedoch ein Minus-Geschäft, wenn sie der Bundesrepublik Geld leihen. Denn von der geringen Rendite muss noch die Inflationsrate abgezogen werden. Sie liegt derzeit über zwei Prozent.

Anti-Euro-Spekulanten

Dass Anleger reale Verluste hinnehmen, um ihr Geld nach Deutschland zu tragen, liegt an der Verschärfung der Euro-Krise. Viele Investoren wollen oder müssen in Euro anlegen – und da gibt es derzeit keine sicherere Adresse als die Bundesregierung. Deutschlands niedriges Haushaltsdefizit und starkes Wirtschaftswachstum ziehen daher Fluchtgeld aus ganz Europa an.

Andere Investoren setzen darauf, dass sich die Euro-Krise weiter zuspitzt und darüber immer mehr Geld in deutsche Anleihen fließen. Dies würde den Kurs der Anleihen in die Höhe treiben und sie könnten mit Gewinn verkauft werden.

Zudem spekulieren einige Anleger über Bundesanleihen auf ein Auseinanderbrechen der Euro-Zone: Sollte die Währungsunion sich auflösen, so hielten Deutschlands Gläubiger Wertpapiere in D-Mark oder einem noch zu schaffenden Nord-Euro – also in einer Währung, die gegenüber den anderen Währungen stark aufwerten würden. Diese Aufwertung wäre der Gewinn der Anti-Euro-Spekulanten.

Staat spart Ausgaben für Zinsen

Großer Profiteur der Mini-Zinsen ist zum einen der Staat. Im laufenden Jahr muss sich Finanzminister Wolfgang Schäuble 252 Milliarden Euro leihen, um Altschulden zu tilgen und die Neuverschuldung zu finanzieren.

Diese Kreditaufnahme wird für ihn immer billiger. Für zweijährige Bundesschatzanweisungen zum Beispiel  musste er in den beiden vergangenen Jahrzehnten den Anlegern im Schnitt rund vier Prozent Zinsen bieten. Nun sind es null Prozent. Laut Deutscher Bank lag der durchschnittliche Zins, den die Bundesregierung auf ihre Schulden zahlen muss, 2008 noch bei 4,4 Prozent, für dieses Jahr seien es nur noch 3,5 Prozent. Dies entspreche einer Ersparnis von zehn Milliarden Euro in diesem Jahr.

Mit den sinkenden Zinsen  werden Haushaltsmittel für andere Zwecke frei: Noch vor vier Jahren gab die Bundesregierung  fast 15 Prozent ihres Budgets für Zinszahlungen aus, inzwischen liege diese Quote bei 11,5 Prozent, errechnete Oliver Rakau von der Deutschen Bank. Im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt hätten  die Zinsausgaben zuletzt knapp 1,3 Prozent betragen. Damit lägen sie  so niedrig wie noch nie seit der Wiedervereinigung Deutschlands.

Auch KfW kommt in den Genuss des billigen Geldes

Auch andere Adressen kommen nun in den Genuss des billigen Geldes. So sammelte die  Staatsbank KfW am Mittwoch  bei Investoren fünf Milliarden Euro ein und musste dafür kaum Zinsen zahlen. Der Kupon des Bonds mit drei Jahren Laufzeit habe lediglich 0,625 Prozent betragen und liege damit so tief wie niemals zuvor, teilte die KfW mit.

Und auch für den privaten Sektor wird Kredit billiger. Denn in der Euro-Zone orientieren sich die Zinsen, die Unternehmen und private Haushalte zahlen müssen, inzwischen wieder an den Zinsen, die ihre Heimat- Regierung  zahlt. „Deutsche Unternehmen und Haushalte profitieren in diesem Sinne von der Euro-Krise“, so die Bank M.M. Warburg.

Die niedrigen Zinsen feuern wiederum die Konjunktur in Deutschland an, denn „sie sorgen für sehr günstige Finanzierungsbedingungen“, so die Commerzbank. Dies erhöht die Steuereinnahmen,  das Haushaltsdefizit sinkt und Deutschland wird darüber immer attraktiver für Investoren. Ganz anders im Rest Europas. So muss Griechenland zum Beispiel einen Zins von 4,3 Prozent zahlen, nur um sich für drei Monate Geld zu leihen. In Südeuropa bremsen die teuren Schulden die wirtschaftliche Erholung. Der Zins liegt deutlich über der Wachstumsrate der Wirtschaft.

Verlierer des Zinsrutschs sind Deutschlands Kreditgeber. Käufer zweijähriger Bundesanleihen sind zum einen die Zentralbanken anderer Länder; zum anderen Pensionsfonds und Lebensversicherer. Sie sind durch aufsichtsrechtliche Regularien dazu verpflichtet, in sichere Staatspapiere zu investieren – und Sicherheit bietet in Europa derzeit fast nur noch Deutschland.

Konjunktur wird angefeuert

Zum anderen ist der Markt für Bundesschatzanweisungen sehr liquide, man kann sie jederzeit verkaufen. „Lebensversicherer kaufen diese Papiere in der Hoffnung, sie jederzeit gegen höherverzinsliche Papiere wieder eintauschen zu können – wenn die Marktsituation das hergibt“, so ein Sprecher der Finanzagentur.  So lange die Euro-Krise anhält, dürfte sich diese Hoffnung kaum erfüllen. Damit wird es für die Lebensversicherer immer schwieriger, ihre Verzinsungsversprechen zu erfüllen.

Immerhin – weiter nach unten geht es mit den Zinsen auf zweijährige Papiere wohl nicht. Der Bund beabsichtige nicht, Wertpapiere mit negativen Kupons zu begeben, hieß es am Mittwoch von der Finanzagentur.

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