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Bankentribunal In den Klauen der Spekulanten

Die "Finanzialisierung" der Rohstoffmärkte verknüpft Märkte völlig unterschiedlicher Logik. Ein Beispiel: Spekulanten trieben 2008 den todbringenden Anstieg der Nahrungsmittelpreise an. Ein Gastbeitrag von Peter Wahl

01.04.2010 00:04
Peter Wahl

Viele Rohstoffe werden immer knapper, vorneweg Erdöl. Aber auch das Angebot von Kupfer oder neuer Stoffen wie dem in der Mikroelektronik benötigten Tantal oder Coltan ist knapp. Der Rohstoffhunger Chinas und der anderen Schwellenländer und das globale Bevölkerungswachstum beschleunigen die Erschöpfung der Reserven enorm. Gegenläufige Faktoren wie Innovation, Substitution, Erschließung neuer Reserven und Recycling werden den Trend allenfalls etwas abmildern, nicht aber umkehren.

Die Epoche der billigen Rohstoffe ist unwiderruflich vorbei. Das hat man auch an den Finanzmärkten gemerkt. Seit 2003 haben sich immer mehr Investmentbanken, Hedgefonds und andere institutionelle Investoren auf die Rohstoffmärkte gestürzt. So hat die Zahl von börsengehandelten Futures für Öl zwischen 2004 und 2008 um mehr als 150 Prozent zugenommen. Das Volumen der Transaktionen auf den Märkten für Öl-Futures, -Options und -Swaps war 35-mal so hoch wie das des physischen Ölmarkts (Spotmarkt). Dabei sind außerbörslich gehandelte Kontrakte (Over the Counter) noch nicht einmal erfasst. Bei anderen Ressourcen, inklusive der Agrarrohstoffe, ist die Tendenz ähnlich.

Der Einstieg der Zocker in die Rohstoffmärkte ging mit einem starken Preisanstieg einher. Denn die Preise werden jetzt nicht mehr allein durch die Fundamentals der Rohstoffmärkte (Nachfrage, Lagerhaltung, Höhe der Reserven, Investitionen in Fördertechnik etc.) bestimmt. Vielmehr kommen jetzt die "Fundamentals" der Finanzmärkte ins Spiel: Wechselkursschwankungen, Zinsdifferenzen, riskante Derivate, Portfolio- und Risikomanagement und Herdentrieb. So war der enorme Preisanstieg von Öl und Nahrungsmitteln im Sommer 2008 zum größten Teil spekulationsbedingt. Zigtausende Menschen starben damals den Hungertod.

Zwei Märkte völlig unterschiedlicher Logik und Zeithorizonte werden verknüpft: einerseits der physische Rohstoffhandel, mit Käufern und Verkäufern, deren Erwartungen sich am Gleichgewicht von Angebot und Nachfrage orientieren und die im Rhythmus der Tankerlieferungen agieren. Auf der anderen Seite Finanzmarktakteure, die an der physischen Seite des Rohstoffgeschäfts keinerlei Interesse haben, sondern auf kurzfristige Preisschwankungen spekulieren - und das alles in kürzesten Fristen, oft im Sekundentakt.

Das Hinüberwuchern der Finanzbranche in den Rohstoffsektor - von seinen Protagonisten neutral als "Finanzialisierung" bezeichnet - bedeutet nichts anderes, als die Rohstoffpreise an die Logik und Dynamik des Finanzmarktkapitalismus zu ketten. Hochriskante Spekulation, Blasen, Crashs und kurzfristige und verstärkte Volatilität greifen jetzt auf direktem Ansteckungsweg auf die Rohstoffmärkte über. Eine Studie der französischen Regierung vom Februar diesen Jahres kommt zu dem Schluss, dass die "Finanzlogik der Akteure schwer zu kontrollieren ist und ein systemisches Risiko birgt".

Die Politik war bei alledem willfähriger Erfüllungsgehilfe der Finanzbranche. In den USA wurden die Rohstoffmärkte mit dem Commodity Futures Modernization Act, den der damalige US-Präsident Bill Clinton 2000 unterschrieb, dereguliert. Bei uns wurden zum Beispiel Indexfonds, die eine wichtige Rolle bei der Rohstoffspekulation spielen, erst vor wenigen Jahren zugelassen.

Nach dem Jahrhundertcrash sollte aber klar geworden sein: Die meisten Rohstoffe sind für die Weltwirtschaft viel zu wichtig, als dass man sie zum Chip am Spieltisch des Finanzcasinos machen dürfte.

Peter Wahl ist einer der Gründer von Attac Deutschland und Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat von Attac. Er ist Mitarbeiter der entwicklungspolitischen Nichtregierungsorganisation WEED (World Economy, Ecology & Development) in Berlin. Beim Attac-Bankentribunal übernimmt er die Pflichtverteidigung von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU).

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