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Digitalisierter Handel Wo der Avatar beim Shoppen hilft

Stationäre Läden kämpfen mit intelligenter Technik gegen die starke Online-Konkurrenz.

Display im Laden
Wie steht mir das Shirt? Wo wurde es hergestellt? Displays liefern der Kundschaft mehr Informationen als Preisschilder und Etiketten. Foto: rtr

Eine rote Bluse muss her, passend zum schwarzen Rock. Ich lade mir eine sogenannte Bestpreis-App aufs Smartphone, und die verrät, wo es das günstigste Oberteil im gewünschten Stoff gibt. Also rein in den Laden. Aber der ist groß. Also, wo nach dem Kleidungsstück suchen? Am Eingang liegen rahmenlose Brillen bereit, nach dem Aufsetzen erklärt mir ein hilfsbereiter menschengleicher Avatar den Weg zur begehrten Bluse und bietet mir auf dem Weg zum richtigen Regal gleich noch Hilfe beim weiteren Einkaufen an.

Ich trage dicke Winterkleidung und habe eigentlich keine Lust, das Kleidungsstück anzuprobieren. Aber das ist kein Problem. In der Umkleide steht ein sogenannter Magic Mirror – ein Zauberspiegel – bereit. Dort scanne ich das Etikett des Kleidungsstücks ein, und schon wird mir dieses auf den Körper projiziert. Ich kann mich von allen Seiten betrachten und im Spiegel simulieren, es sei Frühling und ich ginge im Wald spazieren.

Ich bin unsicher: Steht mir die Bluse wirklich? Über einen Knopfdruck am Spiegel mache ich ein Foto von mir und schicke es sofort über Facebook an meine beste Freundin. Ihr Urteil: In Gelb fände sie die Bluse an mir besser, ein wenig Lippenstift würde dazu gut passen. Am Spiegel kann man auch gleich checken, ob es das Kleidungsstück in anderen Farben und in der richtigen Größe gibt – ein Verkäufer aus Fleisch und Blut bringt es mir umgehend zum Anschauen in die Kabine und bietet mir weitere Beratung an. Der Spiegel legt mir auf Wunsch roten Lippenstift virtuell auf. So ist es schön: Die Bluse in Gelb ist die richtige Wahl.

Über mein Smartphone scanne ich das Etikett der Bluse ein und bezahle automatisch. Eine Kasse gibt es in diesem Laden nicht mehr. Am Ausgang sagt mir ein freundlicher Roboter „Auf Wiedersehen!“ und bedankt sich für meinen Einkauf. Geschafft!

Eine Fiktion? Diese Geschichte schon – aber alle „Zutaten“ für genau dieses Einkaufserlebnis existieren bereits und werden in einzelnen Geschäften auch getestet. Der stationäre Handel, in Deutschland und überall auf der Welt, arbeitet seit Jahren fieberhaft an der Digitalisierung. „Nicht alles, was ausprobiert wird, wird irgendwann auch massentauglich sein. Vieles sind Spielereien, die den Kunden ein besonderes Erlebnis bieten und sie in die Läden locken sollen“, sagt Cetin Acar, Leiter des Forschungsbereichs IT beim EHI Retail Institute, einem wissenschaftlichen Institut des Handels. Aber genau darum geht es dem Handel ja auch: Menschen anzulocken.

Die stationären Läden kämpfen gegen die immer mächtiger werdende Online-Konkurrenz an – sich zurücklehnen und auf bessere Zeiten hoffen können sie daher nicht. Der Online-Handel gewinnt seit Jahren beständig Marktanteile dazu. Laut Zahlen des Handelsverbands HDE lag der Nettoumsatz der Online-Händler in Deutschland im Jahr 2000 bei 1,3 Milliarden Euro, 2010 waren es schon 20,2 Milliarden Euro, 2017 dann 48,9 Milliarden Euro.

Für dieses Jahr prognostiziert der HDE einen weiteren Anstieg auf 53,6 Milliarden Euro. Zwar hat sich das Wachstum verlangsamt, ist aber weiterhin hoch. Mit Abstand den höchsten Online-Umsatz in Deutschland macht Amazon, weit abgeschlagen folgen Otto und Zalando.

Viele stationäre Läden können da nicht mehr mithalten. Das Forschungs- und Beratungsinstitut IFH Köln geht daher davon aus, dass im schlimmsten Fall von 265 000 Geschäften (ohne Lebensmittelhandel), die es im Jahr 2012 noch gab, bis 2020 78 000 schließen könnten – und dass dieses Sterben vor allem die kleineren Händler betrifft.

Das Überleben sichern

Der stationäre Handel denkt sich allerdings allerhand aus, um sein Überleben zu sichern. Das Zauberwort heißt momentan „omnichannel“ – also die Verknüpfung verschiedener Verkaufskanäle. Ein Beispiel dafür bietet der Schuhhändler Goertz. Online können Kunden sich Schuhe zu Hause aussuchen und sie sich in einer Filiale für ein paar Tage reservieren lassen. Sind sie in der Filiale nicht vorrätig, werden sie dorthin geliefert – der Kunde erhält eine Mitteilung, wenn sie verfügbar sind. Für jemanden, der in der Nähe einer Filiale wohnt oder arbeitet, ist das einfacher, als die Schuhe nach Hause zu bestellen – und möglicherweise dem Paket hinterherzujagen oder wegen einer Retourensendung zur Post gehen zu müssen.

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