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Dieselskandal Nicht nur der Umwelt zuliebe

Nach dem Dieselgipfel bieten die Autobauer Käufern hohe Rabatte. Dabei geht es vor allem darum, den Absatz zu forcieren.

Volkswagen AG Deutschland
Sollen möglichst alle an den Mann oder die Frau gebracht werden: die Fahrzeuge aus dem Autoturm von VW. Foto: Imago

Die Zahlen sprechen für sich. 10 577 Euro statt 17 850 Euro. Wer sich heute einen neuen VW-Golf kaufen will, kann ein Schnäppchen machen und relativ mühelos einen Rabatt von gut 7000 Euro einheimsen. Der deutsche Automarkt wird derzeit durcheinandergewirbelt. „Wir erleben einen Ansturm bei den Anfragen wie seit Jahren nicht“, sagt ein Sprecher des Internetvermittlers MeinAuto.de.

Dieselskandal mit anschließendem Dieselgipfel haben Effekte ausgelöst, die noch lange auf dem Markt für neue und gebrauchte Pkw zu spüren sein werden. Auto-Professor Ferdinand Dudenhöffer rechnet mit bis zu 100 000 zusätzlichen Neuzulassungen bis zum Jahresende.

Auf dem Dieselgipfel vereinbarten die deutschen Autobauer die Umstiegsprämien. Die Aktionen wurden unter das Motto gestellt: der Umwelt zuliebe. Tatsächlich geht es aber darum, den Absatz zu forcieren und alte Diesel aus dem Verkehr zu ziehen. Auch ausländische Autobauer haben sich der Aktion angeschlossen. 15 Marken machen nach einer Zählung von Dudenhöffers Center Automotive Research (CAR) bei den Aktionen derzeit mit. Sie stehen für mehr als 80 Prozent der Neuzulassungen auf dem hiesigen Markt. Die Offerten fallen höchst unterschiedlich aus. Wer jetzt tatsächlich einen Neuwagen kaufen will, sollte sich deshalb die Konditionen der Anbieter genau anschauen.

Fiat etwa gewährt bei der nur bis zum 30. September begrenzten Kampagne eine Eco-Prämie zwischen 2000 und 6500 Euro im Falle des Verschrottens eines angejahrten Pkw und Kaufs eines Neuwagens, was aber nach Einschätzung der CAR-Experten nur für Besitzer „sehr alter und wirklich vollkommen wertloser Altfahrzeuge“ interessant ist. Denn die Italiener offerieren ohnehin auch ohne Abwracken relativ großzügige Nachlässe, und beim Verschrotten ergibt sich naturgemäß ein Restwert von null Euro für den Gebrauchten. Als einigermaßen glaubwürdig in puncto Umwelt wird die Aktion von BMW in der Branche gehandelt. Der Münchner Autobauer zahlt eine Umweltprämie von 2000 Euro für Kunden, die einen relativ sauberen Neuwagen kaufen. Er darf maximal nur 130 Gramm CO2 pro Kilometer (nach offiziellen Werten) in die Luft blasen. Zudem muss der Kunde einen alten Diesel mit Euro-4-Norm oder älter abliefern – die Aktion gilt also für Pkw, die bis 2010 zugelassen wurden. Das Fahrzeug wird in Zahlung genommen, allerdings sind besagte Restwerte für alte Diesel in den vergangenen Wochen in den Keller gegangen. Am offensivsten geht der VW-Konzern die Sache an. Die Wolfsburger haben es aber auch bitter nötig. So brachen die Verkäufe der Kernmarke in Deutschland im Juli um gut 14 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat ein. Das sind die mit Abstand größten Einbußen für VW in der jüngeren Vergangenheit. Die Marke Volkswagen steht im Fokus des Abgasskandals – die Reputation hat in Anbetracht der Betrügereien bei Dieselmanipulationen hierzulande massiv gelitten. Viele Autofahrer haben das Vertrauen in VW-Fahrzeuge verloren.

Vor allem um Kunden zu halten, bietet das Unternehmen eine „Umweltprämie“ zwischen 2000 und 10 000 Euro. Plus einer „Zukunftsprämie“ zwischen 1000 und 2380 Euro für Kunden, die sich für einen alternativen Antrieb (Gas, Hybrid, Elektro) entscheiden. Und die Rabatte, die vorher schon vom Hersteller oder von Händlern gewährt wurden, können in der Regel hinzugerechnet werden. Wer etwa nach einem Elektro-Golf bei einem Internetvermittler sucht, kann auf einen rechnerischen Preisvorteil von rund 13 000 Euro kommen. Der Golf mit dem reinrassigen Elektroantrieb kostet dann aber trotzdem noch um die 23 000 Euro. Voraussetzung ist immer, dass zugleich ein Diesel mit Euro-4 oder ein noch älter den Weg alles Irdischen, also in diesem Fall gen Schrottpresse, geht. Wer auf konventionellen Antrieb mit dem kleinsten angebotenen Benzinmotor setzt, muss nun im günstigsten Fall nur noch rund 10 500 Euro zahlen. Das entspricht einer Ermäßigung von fast 43 Prozent. Rabatte in solcher Höhe habe man bislang kaum gesehen, heißt es bei MeinAuto.de. Insider vermuten, dass der Volkswagen-Konzern mit einem derart günstigen Golf kein Geld mehr verdient, sondern zwecks Kundenbindung und der erhofften Rückeroberung verlorener Marktanteile einiges drauflegt.

Das gilt wohl auch beim Verkauf eines Touareg, für den der Höchstwert bei der Umweltprämie (10 000 Euro) ausgelobt wurde. Wer sich diesen wuchtigen Pseudogeländewagen derzeit zulegt, geht allerdings ein doppeltes Risiko ein. Der Wagen, der nur als Turbodiesel angeboten wird, soll mit einer erneuerten Software ausgestattet werden, die den Stickoxidausstoß im Alltagsbetrieb verringern soll. Offen ist, ob dies Nachteile für den Motor bringen kann. Dazu kommt, dass der Diesel-Touareg womöglich von Fahrverboten betroffen sein könnte – sofern die Verkehrsbeschränkungen tatsächlich kommen und dabei dann strenge Kriterien angelegt werden, wie sie etwa die Deutsche Umwelthilfe fordert.

Die Unwägbarkeiten mit dem in Verruf geratenen Selbstzünder haben sich bei den Kunden längst herumgesprochen. Nach einer Erhebung von MeinAuto.de lag der Anteil der über die eigene Plattform vermittelten Dieselfahrzeuge vor einem Jahr noch bei rund 43 Prozent. Er rutschte nach dem Urteil des Verwaltungsgerichts in Stuttgart, das Fahrverbote für die Schwabenmetropole fordert, auf gut 18 Prozent. Er hat sich inzwischen bei knapp 21 Prozent stabilisiert. „Die Kunden machen um den Diesel einen Bogen“, sagt ein MeinAuto-Sprecher. Die Nachfrage nach Benzinfahrzeugen sei entsprechend gestiegen.

Aber im Zuge des Abgasskandals, der Debatte über Verkehrsbeschränkungen und mit dem Ausbau des Angebots an Elektro- und Hybridfahrzeugen für die deutschen Kunden haben die Fahrzeuge mit alternativen Antrieben deutlich an Zuspruch gewonnen. Jahrelang krebsten die Stromer mit nur einem Marktanteil von weniger als einem Prozent an der Wahrnehmungsschwelle herum. Ein deutlicher Aufschwung begann schon vor einem Jahr. Derzeit werden etwa sechs von 100 der auf MeinAuto.de vermittelten Fahrzeuge vollständig oder teilweise mit elektrischer Energie angetrieben. Tendenz: steigend.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Abgasskandale

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