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Diesel-Skandal Weg für Nachrüstung von Diesel ist frei

Die technischen Vorschriften des Ministeriums liegen vor. Umstritten bleibt die Frage nach der Haftung.

Verkehr in Stuttgart
Auch in Stuttgart ein Problem: Auto-Abgase und die darin enthaltenen Giftstoffe (Symbolbild). Foto: dpa

Das Verkehrsministerium hat geliefert. Die technischen Vorschriften für die Nachrüstung älterer Diesel-Pkw mit zusätzlichen Katalysatoren liegen vor. Die Frankfurter Rundschau erläutert, warum der Weg aber noch weit ist, bis die Autos wirklich sauber sind und von Fahrverboten befreit werden können. 

Was genau hat das Ministerium jetzt vorgelegt?
Das Ministerium hat – wie im Oktober angekündigt – zusammen mit dem Kraftfahrtbundesamt (KBA) und dem TÜV Nord auf 30 Seiten die technischen Vorschriften für Umbauten an Dieselautos erarbeitet, um sie mit einem zusätzlichen SCR-Katalysator auszurüsten. Dieser reduziert mittels Harnstoff (AdBlue) giftiges Stickoxid (NOX), das beim Verbrennen von Dieselkraftstoff entsteht, in harmlosen Stickstoff plus Wasser. Für diesen Prozess werden neben dem Kat noch Sensoren, ein Steuergerät, ein Dosiergerät, zusätzliche Leitungen und ein Tank für AdBlue benötigt. 

Was sind die wichtigsten technischen Vorgaben?
Die umgebaute Abgasanlage muss mindestens 100 000 Kilometer oder fünf Jahre halten. Außerdem dürfen die Fahrzeuge im Realbetrieb nicht mehr als 270 Milligramm NOX pro Kilometer ausstoßen. Die Reinigungsanlage muss auch noch bei minus sieben Grad voll funktionsfähig sein. Die Autos dürfen nicht lauter werden. Die Nachrüstsätze sind für Dieselautos der Schadstoffklassen Euro 4 und Euro 5 vorgesehen. Ältere Fahrzeuge können nicht umgebaut werden.

Wann können Autobesitzer ihre Fahrzeuge nachrüsten lassen?
Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) sagte am Freitag, jetzt sei die Nachrüstindustrie am Zug, wirksame Systeme zu entwickeln. Das haben mehrere Unternehmen bereits getan: Der ADAC hat schon im Sommer einen Langzeittest mit drei Fahrzeugen mit SCR-Kats der Firmen Baumot Twintec, Oberland-Mangold und HJS gestartet. Sie fahren täglich 700 Kilometer auf verschiedenen Straßen. Insgesamt sollen sie 50 000 Kilometer mit der Zusatzabgasreinigung zurücklegen. Die Firma Dr. Pley, ein weiterer Anbieter, teilt mit, dass erste Anträge für „fahrzeugspezifische Nachrüstsysteme“ beim KBA bereits eingereicht worden seien. Wenn die Behörde die Betriebserlaubnis erteilt, kann der Einbau erfolgen. Dr. Pley rechnet damit, dass es im Sommer 2019 so weit sein wird.

Was bewirken die Zusatzkatalysatoren?
Die ADAC-Tests haben ergeben, dass die drei Testfahrzeuge (Euro 5) vor dem Einbau unter Normalbedingungen auf der Straße bis zu 1200 Milligramm NOX in die Luft geblasen haben – bei den offiziellen Prüfstandtests dürfen es maximal 180 Milligramm sein. Nach dem Einbau der Kats gingen die Emissionen laut ADAC um 60 bis 80 Prozent zurück. Die Umrüstsysteme drückten den NOX-Ausstoß im Alltagsbetrieb „auf oder unter den Grenzwert von 270 Milligramm“. Dieser Wert ist maßgeblich: Denn nur Autos, die ihn erreichen oder unterschreiten, sollen nach den Vorgaben der Bundesregierung von Fahrverboten ausgeschlossen werden. 

Für welche Marken wird die Nachrüstung möglich sein?
Prinzipiell ist das für alle Pkw-Marken möglich, die in Deutschland auf dem Markt sind – also auch für die Fahrzeuge von Importeuren. Allerdings müssen die Hersteller der Kats jeweils spezifische Umbausätze entwickeln. Denn Abgasanlagen sind nicht alle gleich und technische Details sind für die Funktionsfähigkeit entscheidend. Die Nachrüster werden sich auf die Modelle konzentrieren, die hohe Marktanteile haben. 

Was kostet der Umbau?
Das Verkehrsministerium kalkuliert mit durchschnittlich 3000 Euro und „erwartet“, dass die Hersteller – die heimischen wie die ausländischen – die Kosten übernehmen. Aber vor allem Importeure lehnen dies ab.

Welche Rolle spielen die deutschen Autobauer?
Vorsichtig formuliert: eine sehr defensive. Sie haben die Nachrüstungen lange Zeit kategorisch abgelehnt. Auf Druck der Bundesregierung haben Volkswagen und Daimler sich bereiterklärt, lediglich Autofahrern aus Regionen mit besonders hohen NOX-Belastungen, wo also Fahrverbote drohen, bis zu 3000 Euro für Nachrüstung zu zahlen. Die gleiche Summe will BMW gewähren, damit Kunden „Maßnahmen zur Sicherung ihrer Mobilität“ ergreifen können. Was mit Letzterem genau gemeint ist, ist allerdings unklar.

Wie sieht es mit der Haftung für Nachrüstungen aus?
Die Hersteller lehnen jegliche Haftung ab. BMW will gar nichts von zusätzlichen Kats wissen. Daimler hingegen kooperiert mit den Herstellern. Im neuen Jahr soll geklärt werden, für welche Baureihen Nachrüstungen angeboten werden. Volkswagen rät vom Einsatz der SCR-Bausätze ausdrücklich ab. Entwicklungschef Frank Welsch warnte am Freitag vor Mehrverbrauch und erhöhten CO2-Emissionen. Zudem könnten Motoren lauter werden und an Leistung verlieren. Überdies gebe es keine gesicherten Erkenntnisse, wie sich nachträgliche Eingriffe langfristig auswirkten. Dr.-Pley-Chef Martin Pley hat indes erklärt, sein Unternehmen werde „die geforderte Gewährleistung“ übernehmen. 

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