Lade Inhalte...

"Die Vorräte sind aufgebraucht"

WFP-Vertreter Ralf Südhoff über die Hungerkrise in Ostafrika und nötige Investitionen.

17.10.2011 19:42
Hilfe für Dürreopfer in Mogadischu. Foto: ap/Farah Abdi Warsameh

In Ostafrika hat die anhaltende Dürre eine Hungerkrise ausgelöst oder verschärft, von der derzeit rund zwei Millionen Menschen betroffen sind. Inzwischen greift die Dürre auf das benachbarte Jemen über. Es müsste weit mehr als bisher in die Landwirtschaft der betroffenen Länder investiert werden, sagt Ralf Südhoff, Leiter des Büros des UN-Welternährungsprogramms (WFP) in Berlin.

Über die Hungerkatastrophe in Ostafrika wird kaum noch berichtet, ist der Höhepunkt überschritten?

Ganz im Gegenteil, in Kenia zum Beispiel ist zu erwarten, dass wir unsere Hilfe in den nächsten Wochen bis Ende des Jahres noch verdoppeln müssen. Statt rund 1,8 Millionen Menschen werden über 3,6 Millionen Ernährungshilfe brauchen. Die Lage verschärft sich, weil erst jetzt die nächste Regenzeit kommt. Vorausgesetzt, dass Regen tatsächlich fällt, werden die meisten Menschen bis zur Ernte im Januar oder Februar unsere Unterstützung brauchen. Viele Menschen hatten bei Ausbruch der Krise im vergangenen Sommer noch für einige Monate Vorräte, also Vieh, Getreide oder etwas Geld. Aber die sind aufgebraucht.

Steht für die nötige Hilfe genug Geld zur Verfügung?

Trotz großer Zusagen ist leider noch immer zu wenig Geld vorhanden. Allein dem WFP fehlen für die Ernährungshilfe der von uns unterstützten Menschen bis zur nächsten Ernte noch fast 300 Millionen Dollar. Das Hilfspaket des Entwicklungshilfeministerium in Berlin ist inzwischen durchaus beachtlich, auch wenn das Ministerium hier bewusst auch Gelder für langfristige Programme eingestellt hat. Außerdem sind Mittel für den Jemen bereitgestellt worden, wo sich ebenfalls gerade eine neue Hungerkrise anbahnt, allein dort muss das WFP 3,6 Millionen Menschen unterstützen.

Welche Auswirkungen haben die hohen Nahrungsmittelpreise auf die Bewältigung dieser Hungerkrise?

Extrem große: In Kenia sind die hohen Nahrungsmittelpreise der Hauptgrund, warum wir dort unsere Hilfe ausweiten müssen. In weiten Teilen Kenias sind Nahrungsmittel zwar vorhanden, aber sie sind für immer mehr Menschen einfach unbezahlbar. Auch in anderen Ländern sind diese Preise ein großes Problem. In Somalia beispielsweise stieg binnen eines Jahres der Preis für Hirse um rund 250 Prozent, der für Mais um 150 Prozent.

Das WFP kauft Hilfsgüter vorwiegend auf lokalen Märkten. Treibt das WFP damit die Preise nicht in die Höhe?

Prinzipiell ist es sinnvoll, so viel wie möglich lokal anzukaufen. Aber wir wägen natürlich ab, ob wir durch unsere Einkäufe den lokalen Produzenten helfen oder zur Steigerung der Preise beitragen. Dann entscheiden wir, die Hilfsgüter anderswo zu kaufen, etwa im südlichen Afrika. Außerdem können Rekordpreise bewirken, dass WFP zwar lokale Genossenschaften fördert und ihnen im Rahmen unseres Kleinbauernprogramms einen Ankauf zu festen Preisen garantiert. Doch dann können die Bauern von Händlern kurzfristig das Doppelte bekommen. Für die Bauern ist das vorteilhaft, wir aber müssen anderswo einkaufen.

Hat das Welternährungsprogramm damit auf entsprechende Vorwürfe des kenianischen Ökonomen Robert Shaw vor einigen Wochen also reagiert?

Das WFP hatte da schon ganz bewusst seine lokalen Einkäufe am Horn massiv eingeschränkt aufgrund unserer Marktanalysen. Hier ging es zudem nur um einen Ankauf von rund 100000 Tonnen Getreide in der ganzen Region, in der im Schnitt rund 14 Millionen Tonnen Getreide produziert werden.

Die Uno hat jüngst in einen Bericht kritisiert, dass Spekulation die Nahrungsmittelpreise erhöht. Was nützt ein solcher Bericht ?

Der Bericht zum Hunger in der Welt wird jedes Jahr vorgelegt, dabei wird immer ein aktuell besonders wichtiger Aspekt aufgegriffen. In diesem Jahr waren das die hohen und extrem schwankenden Nahrungsmittelpreise sowie die Ursachen dafür. Der Bericht soll helfen, das Thema ganz oben auf die Agenda des bevorstehenden G20-Gipfels zu setzen: Dort wird diskutiert, wie Finanzmärkte für Agrarrohstoffe besser reguliert und transparent werden können. Das WFP wurde gebeten, Vorschläge für Nahrungsmittelreserven zu machen – eine Idee, die lange verpönt war. Durch solche regionalen Reserven sollen Staaten die Chance bekommen, in Krisen Nahrungsmittel zu akzeptablen Preisen kaufen zu können. Der Bericht soll den Handlungsdruck erhöhen. Ob das passiert, steht auf einem anderen Blatt.

Wie ließen sich solche Hungerkrisen künftig verhindern?

Wir brauchen stärkeren Druck auf die Regierungen, mehr in die Landwirtschaft ihrer Länder zu investieren. Dabei könnten hohe Preise sogar einen positiven Effekt haben, weil sich zeigt, dass sich das lohnt.

Änderungen muss es auch in der internationalen Entwicklungspolitik geben, die die Landwirtschaft in den letzten 20 Jahren massiv vernachlässigt hat. Entscheidend für den Kampf gegen Dürren aber ist, was in wenigen Wochen bei der Klimakonferenz in Durban verhandelt wird: durch Klimaveränderung werden die Bedingungen für Landarbeiter, Kleinbauern und Bauern in vielen Entwicklungsländern immer schwieriger. Es gibt Prognosen, dass viele dieser Bauern bei einem ungebremsten Klimawandel 50 Prozent ihrer Produktion verlieren.

Wird schon etwas getan?Es zeichnet sich inzwischen eine kleine Trendwende ab. So investieren Regierungen in den betroffenen Ländern wieder mehr in die Landwirtschaft. Auch der Anteil der Entwicklungshilfe, der in die Landwirtschaft fließt, hat sich seit Jahresanfang erhöht, liegt aber weiter im einstelligen Bereich. Früher waren es etwa 20 Prozent, aber damals mussten wir nicht mit Rekordpreisen und Welternährungskrise kämpfen.

Das Gespräch führte Martina Doering.

Zur Startseite

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum