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Deutsche Börse Woran die Börsenfusion scheitern könnte

Seit dem Brexit-Votum steht die Börsenfusion auf der Kippe. In den nächsten Monaten muss eine Lösung gefunden werden - das ist gar nicht so einfach.

Freund oder Feind? Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir (r.) muss über das Vorhaben von Carsten Kengeter (l.) entscheiden. Foto: rtr

Nun kommt es auf das Verhandlungsgeschick von Johannes Faber an. Der Aufsichtsratschef der Deutschen Börse steht dem Referendums-Komitee vor, das in den nächsten Monaten eine Lösung für die Börsenfusion zwischen Frankfurt und London finden muss. Auch wenn die Aktionäre äußerst knapp grünes Licht gegeben haben: So wie derzeit geplant, mit einer Holding nach britischem Recht und in einer Hauptstadt außerhalb der EU, wird die Fusion nicht kommen. Das hat der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) bereits klargemacht.

Seit dem Brexit-Votum steht das Vorhaben auf der Kippe. Ökonomisch wird es von den meisten Beobachtern zwar als sinnvoll erachtet, trotzdem ist nicht absehbar, wann und zu welchen Konditionen Großbritannien von der EU geschieden wird. Fast trotzig wirkte es deshalb, als der deutsche Börsenchef Carsten Kengeter Ende Juni erklärte, er sehe „keine Gefahr, sondern Chancen für die Fusion“. Der Mann ist in seiner Freizeit eben nicht nur Marathonläufer, er rennt sogar in den Alpen.

Wie extrem sportlich der Deal werden würde, zeigten die vergangenen Wochen. Zwar war seit der Ankündigung des Fusionsvorhabens im Februar auch immer die Rede gewesen vom Brexit-Risiko. Doch das konkrete Umtauschangebot, für das sich die Aktionäre dann erwärmen mussten, war für diesen Fall nicht gestrickt: Schon der Wertverfall der London Stock Exchange brachte das sorgsam austarierte Umtauschverhältnis zur Deutschen Börse aus dem Lot – deutlich zuungunsten und zum Verdruss der hiesigen Aktionäre.

Um sie trotzdem zu überzeugen, haben Kengeter und andere führende Manager in den zurückliegenden Wochen Fondsmanager abgeklappert, denen die meisten Aktien gehören. Nicht wenige blieben trotzdem skeptisch, dass sie die Katze im Sack kaufen würden. Nur indem Kengeter noch kurz vor Ablauf des Tauschangebots die ursprünglich angestrebte Dreiviertelmehrheit auf 60 Prozent senkte und damit die Annahmefrist um zwei Wochen verlängerte, fiel der Deal bei den Eigentümern nicht durch.

Nach langer Zitterpartie kam am Dienstagabend die erlösende Nachricht, dass mit 60,35 Prozent angedienten Aktien, Stand 17 Uhr, diese Hürde genommen war. Dafür, dass Börsenchef Kengeter immer von einer Formalie gesprochen hatte, war das ein schwaches Ergebnis, auch wenn es noch eine zweiwöchige Nachfrist gibt, in der weitere Aktien umgetauscht werden können.

Immerhin kann sich der Börsenchef nun uneingeschränkt den Hürden widmen, die noch vor ihm liegen: Er muss Genehmigungen von etwa 20 Behörden aus aller Welt einholen. Entscheidend sind vor allem die aus Brüssel und aus Wiesbaden. Während die EU-Kommission die Fusion zunächst in wettbewerbsrechtlicher Hinsicht prüft, muss die hessische Börsenaufsicht klären, ob die Fortentwicklung der Frankfurter Börse auch künftig gesichert ist. An dieser Stelle ist der geplante Sitz der Holding in London der wesentliche Stolperstein. Juristen suchen längst nach Möglichkeiten, wie man ihn aus dem Weg räumen könnte. Eine Variante wäre ein Doppelsitz in London und Frankfurt. Ob damit die Kuh vom Eis käme, ist aber unklar. Eine andere Variante wäre ein Konzernsitz in einem Drittland der EU, etwa in Amsterdam. Dies ist zumindest aufwendig. Vielleicht muss am Ende sogar ein alleiniger Sitz in Frankfurt erwogen werden. Das aber würde schwierig in London, wo schon Ex-Regierungschef David Cameron auf dem Sitz in Großbritannien bestand.

Carsten Kengeters Kardinalproblem besteht darin, dass er den Fusionsvertrag, dem auch die britischen Aktionäre schon zugestimmt haben, mit keinem Jota mehr ändern kann. Also muss ein Weg gefunden werden, der einerseits den Vertrag im Nachhinein nicht verletzt, andererseits aber auch den Anforderungen der Aufsichtsbehörden genügt.

Überdies verspricht auch die Prüfung in Brüssel ungemütlich zu werden: Die Finanzminister aus Portugal und Belgien haben die EU-Kommission öffentlich aufgefordert, den Zusammenschluss zu verhindern, weil er „die Tragfähigkeit mehrerer europäischer Börsen“ gefährde. Das Eigeninteresse ist nicht zu überhören. Denn die Börsen in Lissabon und Brüssel gehören ebenso wie Paris und Amsterdam zur französischen Vierländerbörse Euronext, die gegenüber einer deutsch-britischen Börse noch stärker an Bedeutung verlieren würde. Frankreich hat seine Bedenken bereits in ähnlicher Weise vorgebracht.

Zankapfel in Brüssel dürfte das lukrative Geschäft mit dem Euro-Clearing sein, das Kengeter gerne nach Frankfurt ziehen möchte. Denn es ist ziemlich sicher, dass die EU-Länder nach dem Brexit auf einer Verlagerung der Abwicklung von Handelstransaktionen in Euro bestehen werden, die bislang in London möglich sind. Dabei geht es um ein riesiges Geschäft. Allein mit sogenannten Zins-Swaps in Euro wickelt LCH Clearnet, eine Tochtergesellschaft der Londoner Börse, jährlich Transaktionen im Volumen von 250 Billionen Euro ab. Sollte die Börsenfusion gelingen, könnte Kengeter dieses Geschäft Eurex Clearing zuschustern, einer Tochter der Deutschen Börse. Wenn nicht, hätte wohl der Standort Paris bessere Chancen, wo LCH Clearnet mit einer Tochter ebenfalls vertreten ist.

Für Frankfurt, wo sich die Wirtschaftsförderung große Hoffnungen macht, Bankengeschäft von der Themse an den Main zu locken, ist Kengeters Argumentation ziemlich schlagend. Sogar Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble hat das erkannt: Für ihn stehe nicht die Frage nach dem Sitz der Börse im Vordergrund, sondern die Aufteilung der Geschäftsfelder, sagte der CDU-Politiker kürzlich. Und selbst bei der Bundesbank gibt es einen Fusionsbefürworter. „Es mag zunächst bizarr klingen, aber ein solcher Zusammenschluss macht nach dem Referendum wirtschaftlich noch mehr Sinn“, sagte Bundesbank-Vorstand Andreas Dombret kürzlich. Wenn Großbritannien die EU verlasse, seien Brücken zwischen den Volkswirtschaften wichtiger denn je. Nur müsse eine Konzernstruktur gefunden werden, die „alle vernünftigen Interessen“ berücksichtige.

Hier nun hängt alles am Referendumsausschuss, der paritätisch mit je drei Mitgliedern aus Frankfurt und London besetzt ist und vergangene Woche erstmals getagt hat. Die nächsten Monate werden zeigen, ob es überhaupt möglich ist, eine Lösung zu finden. Sollte sich die London Stock Exchange den Konzernsitz abkaufen lassen, ist die Frage, was sie dafür fordern wird. Möglich, dass am Ende der Konzernchef nicht Kengeter heißt. Ebenso könnte auch die Fusion insgesamt scheitern, es wäre der dritte erfolglose Anlauf seit dem Jahr 2000.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Brexit

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