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Deutsche Börse Fusion mit London in der Kritik

Gegen den geplanten Zusammenschluss der Deutschen Börse mit der London Stock Exchange formiert sich breiter Widerstand.

Wer setzt sich durch? Die Börse oder ihre Kritiker? Foto: rtr

Lange konnte man in Frankfurt den Eindruck haben, die geplante Fusion der Deutschen Börse mit der London Stock Exchange werde nach zwei gescheiterten Anläufen in den Jahren 2000 und 2004 dieses Mal glatt über die Bühne gehen.

Gewiss, es gab ein paar Kritiker, die sich daran störten, dass der Sitz der künftigen Holding in der britischen Hauptstadt sein sollte und nicht am Main, obwohl doch die deutsche Seite mehr finanzielles Gewicht auf die Waage bringt als die britische. Aber ansonsten blieb es seit Ankündigung des Vorhabens im Februar ruhig.

Doch jetzt zeigt sich, dass dieser Eindruck trog: In Frankfurt regt sich zunehmend Widerstand gegen die Pläne, seit das konkrete Umtauschangebot für die Aktionäre und damit Details des Vorhabens auf dem Tisch liegen. Seitdem ist nämlich klar: Mindestens 700 Arbeitsplätze netto werden in London und Frankfurt in den nächsten drei Jahren verlorengehen, damit die geplanten Einspareffekte von 450 Millionen Euro auch Wirklichkeit werden.

Vor allem aber macht sich die Angst breit, dass Deutschlands Finanzzentrum künftig von London aus bestimmt werden könnte. Äußerten sich am Mittwoch zunächst Vertreter aller hessischen Landtagsfraktionen in einer Fernsehdiskussion skeptisch bis ablehnend, meldete sich am Freitag überraschend auch die Frankfurter Industrie- und Handelskammer (IHK) mit ungewohnt kritischem Ton zu Wort.

Es sei „zu erwarten, dass die außerhalb des Einflussbereiches der deutschen Börsenaufsicht agierende Holdingleitung in England Entscheidungen trifft, die die im Allgemeininteresse wahrzunehmende Funktion der Börse in Frankfurt nicht ausreichend berücksichtigen oder ihr gar zuwiderlaufen“, hieß es da. „Dies könnte nicht nur zur Schwächung des größten inländischen Finanzplatzes in der Mainmetropole, sondern zum Nachteil der gesamten deutschen Wirtschaft führen.“

Die Formulierung der IHK ist zwar sperrig, aber eindeutig: Die Kammer, zu deren Aufgaben die Interessensvertretung der Wirtschaft gegenüber Politik und Verwaltung gehört, fordert die Landesregierung indirekt dazu auf, dem geplanten Zusammenschluss ihren Segen zu verweigern. Ähnlich hatte sich auch der Betriebsrat der Börse geäußert. Um einen „europäischen Champion“ zu formen, müsse der Hauptsitz in Frankfurt liegen. In der bisher geplanten Form werde der Finanzplatz Frankfurt beschädigt.

Warten auf Al-Wazir

Zu den mehr als 20 Behörden, die das Fusionsvorhaben weltweit billigen müssen, gehört auch die hessische Börsenaufsicht, die Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir (Grüne) untersteht. Sie müsste einschreiten, wenn „die Durchführung und angemessene Fortentwicklung des Börsenbetriebs beeinträchtigt wird“. So steht es im Börsengesetz. Deshalb ist die Frage, wer bei der Frankfurter Börse künftig das Sagen haben wird, so entscheidend.

Die Kritiker fürchten, dass die Entscheidungen künftig in London getroffen werden, die Börse dagegen argumentiert, der eigentliche Börsenbetreiber bleibe in Eschborn und unterliege weiter der deutschen Aufsicht. Im Wirtschaftsministerium in Wiesbaden wollte man sich zur Stellungnahme der IHK nicht äußern. Insider gehen davon aus, dass man dort abwarten wird, ob die Europäische Kommission Einwände hat, bevor die hessische Aufsicht selbst entscheidet.

Die Deutsche Börse selbst hat angesichts des Behördenmarathons kürzlich erklärt, sie rechne erst Anfang 2017 damit, die Fusion abschließen zu können. Zur Kritik der IHK, die bis zum Jahr 2000 Trägerin der Frankfurter Börse war, wollte sie nichts sagen. Die Frankfurter haben leidvolle Erfahrungen mit Fusionsvorhaben. 2012 war das bisher letzte mit dem Börsenbetreiber der Wall Street in New York an der EU gescheitert. Davor blitzten sie in Mailand, Paris und auch in London ab.

Die wirtschaftliche Logik des Zusammenschlusses, durch den eine europäische Superbörse entstünde, die auch im weltweiten Handel in der ersten Reihe mitspielt, stellt übrigens niemand in Frage. Vermutlich würden alle warnenden Stimmen verstummen, wenn Frankfurt den Sitz der Holding zugesprochen bekäme. Doch dieser Zug ist mit der Veröffentlichung des Börsenprospekts abgefahren.

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