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Deutsche Bahn „Wir haben die Trendwende geschafft“

Kein Daniel Düsentrieb: Der neue Bahn-Chef Richard Lutz setzt auf Kontinuität, Beständigkeit – und einen ruhigen Schlaf.

Deutsche-Bahn-Vorstände
Aufmarsch der Deutsche-Bahn-Vorstände- Von links: Berthold Huber (Personenverkehr), Ronald Pofalla (Infrastruktur) und Richard Lutz (Finanzen und nun auch Konzernchef). Foto: afp

Eines wurde sehr schnell klar: Der neue Bahn-Chef Richard Lutz will sein Unternehmen nicht neu erfinden. Bei der Bilanzpressekonferenz am Donnerstag in Berlin spricht er von Kontinuität und Beständigkeit, von der Fortsetzung bewährter Strategien und von einem ruhigen Schlaf, den er angesichts der Lage des Unternehmens habe. Überschwänglich und mit zittriger Stimme dankt er seinem Vorgänger Rüdiger Grube, mit dem ihn Freundschaft verbinde. Tatsächlich kann sich Lutz die Lobeshymnen leisten, schließlich geht es dem Bahn-Konzern nach Milliardenverlusten 2015 wieder ganz passabel.

„Wir haben die Trendwende geschafft“, verkündete Lutz, der am Mittwoch vom Aufsichtsrat offiziell zum neuen Chef von 300.000 Mitarbeitern bestellt worden war. Nach Abzug von Zinsen und Steuern blieb im vergangenen Jahr ein Gewinn von 716 Millionen Euro übrig. Im Vorjahr hatte das Unternehmen insbesondere wegen der Krise der Güterbahn noch einen Verlust von 1,3 Milliarden Euro eingefahren.

Trotz der Konkurrenz durch den Fernbus verzeichnete die Bahn im Fernverkehr mit IC- und ICE-Zügen einen neuen Passagierrekord. Fast 140 Millionen Fahrgäste und damit über fünf Prozent mehr als 2016 waren mit der Bahn unterwegs. Angelockt wurden die neuen Kunden unter anderem durch eine Reihe von Sparpreis-Aktionen, mit der die Auslastung der Züge und die Gewinnsituation des Bahnkonzerns verbessert werden konnte.

Noch lange nicht pünktlich

Erfolge verkündete Lutz auch bei Service und Pünktlichkeit, wobei er hier die Lage jedoch eher schönredete. So waren im vergangenen Jahr zwar 78,9 Prozent der Fernzüge pünktlich, was gegenüber 2015 eine Verbesserung um 4,5 Prozentpunkte bedeutet. Anders ausgedrückt heißt das aber immer noch, dass jeder fünfte Zug zu spät kommt. Außerdem wurde das selbstgesteckte Ziel einer 80-prozentigen Pünktlichkeit im Fernverkehr verfehlt. Stolz berichtete Lutz auch, dass die Bahnsteiganzeigen mittlerweile in 96 Prozent der Fälle richtig anzeigen, wie die Zugwagen aufgereiht sind. In der Vergangenheit war sehr oft zu beobachten, dass die Anordnung der Wagen spiegelverkehrt angezeigt wurde, was die entnervten Passagiere regelmäßig zu hektischen Sprinteinlagen zwang.

Der 52-Jährige, der weiterhin auch für die Finanzen des Konzerns zuständig bleibt, sagte, für ihn als Spross einer Eisenbahner-Familie in der Pfalz sei der Posten des Bahn-Chefs „kein Job wie jeder andere, sondern eine Herzensangelegenheit und große Ehre zugleich“. Er könne den Kunden nicht versprechen, dass sich „jetzt alle Probleme bei der Bahn in Luft auflösen werden“. Jedoch wolle er die Bahn Stück für Stück attraktiver machen.

Lutz sagte insbesondere eine höhere Pünktlichkeit zu. Als Zielmarke gab er 81 Prozent aus. Bis März wurden im Fernverkehr nach seinen Angaben fast 84 Prozent erreicht – wobei Unpünktlichkeit bei der Bahn erst ab sechs Minuten gilt. Personenverkehrs-Vorstand Berthold Huber kündigte an, dass nach den ICE-Zügen auch immer mehr Regionalbahnen mit kostenlosem WLAN ausgestattet werden. Im ICE startet in den kommenden Wochen ein Video-Angebot mit Kinofilmen und TV-Serien.

In Kooperation mit dem Video-Streaming-Anbieter Maxdome sollen 50 kostenfreie, teilweise monatlich wechselnde Inhalte zur Verfügung stehen. Neue Kunden dürfte die Bahn in diesem Jahr durch den Lückenschluss auf der Hochgeschwindigkeitstrasse zwischen Erfurt und Nürnberg zum Fahrplanwechsel im Dezember gewinnen. Dadurch verkürzt sich die Fahrzeit von Berlin nach München im ICE-Sprinter auf knapp vier Stunden. Den Fernbus nannte Huber weiterhin eine ernstzunehmende Konkurrenz. Nach dem Ausstieg von Bahn und Post und der Konzentration in der Branche sei der Wettbewerb aber nur noch gedämpft. Daher sei man zuversichtlich, bestehen zu können.

Nur wenig bis gar nichts sagte Lutz zu den zahlreichen Problemfeldern der Bahn. Weil das Unternehmen im Regionalverkehr eine Reihe von Ausschreibungen verloren hatte, sank hier im vergangenen Jahr die Verkehrsleistung. Auch der defizitäre Güterverkehr war weiter rückläufig. Zudem stieg der ohnehin schon enorme Schuldenberg der Bahn weiter. Mittlerweile beträgt er 17,6 Milliarden Euro. Vorstandschef Lutz nannte die Situation gleichwohl „stabil und nicht wirklich kritisch“.

Ein klares Bekenntnis legte Lutz zum umstrittenen Bahnhofsprojekt Stuttgart 21 ab. Er habe alle bisherigen Entscheidungen dazu mit Überzeugung mitgetragen, versicherte der Bahn-Chef und kündigte an: „Ich bin finster entschlossen, dieses Projekt zu Ende zu führen, und zwar zu einem guten Ende.“

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