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Deutsche Bahn Lob für Bahnchef nach Brandbrief

Der Chef der Deutschen Bahn, Richard Lutz, geht mit den eigenen Leuten hart ins Gericht. Die selbstkritische Problemanalyse kommt bei Fahrgästen und Gewerkschaft an.

ICE im Hauptbahnhof Erfurt
Die Bahn steckt in der Pünktlichkeitskrise. Foto: dpa

Der unabhängige Fahrgastverband Pro Bahn sieht angesichts der Krise der Deutschen Bahn auch die Politik in der Pflicht. Einen mahnenden Brief über verfehlte Ziele bei Pünktlichkeit und Gewinn von Bahn-Chef Richard Lutz an die Führungskräfte, der am Sonntag bekanntgeworden war, lobte der Ehrenvorsitzende von Pro Bahn, Karl-Peter Naumann, am Montag im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau. „Wir sehen diesen Brandbrief als sehr mutig an, weil er wirklich die Probleme beschreibt“, so Naumann. „Jetzt sind sowohl das Unternehmen als auch die Politik gefordert, hier zu Lösungen zu kommen.“

Aus Sicht von Pro Bahn sei die Politik dafür verantwortlich, dass sich der Staatskonzern im Wettbewerb mit anderen Verkehrsunternehmen schwer tue.

Brandbrief an die Bahn-Führungskräfte

In seinem Brandbrief an die Führungskräfte des Konzerns moniert Bahn-Chef Lutz unpünktliche Züge, hohe Kosten, verfehlte Gewinnziele und einen wachsenden Schuldenberg. Es gebe „nichts zu beschönigen“ an der Situation. Zugleich kündigte er entschiedene Schritte an, die die Gewinnerwartung von 2,1 Milliarden Euro bis zum Jahresende sichern sollen: „Ab sofort“ und unbefristet soll der Konzern mit einer „qualifizierten Ausgabensteuerung“ operieren.

Das bedeutet, dass jede größere Ausgabe bis auf weiteres von der Konzernleitung genehmigt werden muss. „Sinnvolle und notwendige Ausgaben für den laufenden Betrieb und für alle Anstrengungen, die wir im Sinne von Kunde, Qualität, Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit unternehmen, laufen selbstverständlich weiter“, so Lutz, der bereits seit 2010 für die Finanzen des Konzerns verantwortlich ist.

Probleme bei Pünktlichkeit und Fernverkehr der Bahn

Der Bahnchef sieht die Probleme im eigenen Unternehmen, etwa bei der Pünktlichkeit im Fernverkehr. Diese liegt im laufenden Jahr bei 82 Prozent. Vier von fünf Fernzügen sollen laut Vorgaben weniger als sechs Minuten Verspätung haben, im August waren es aber nur 76 Prozent, was laut Lutz jetzt schon bedeutet, dass weder die Vorjahreswerte noch das eigentlich gesteckte Ziel erreicht werden können. „Natürlich hat auch die Hitzewelle der letzten Wochen ihren Einfluss gehabt“, so Lutz. „Zu einer ehrlichen Bestandsaufnahme gehört aber auch, dass wir unsere eigenen Themen wie z.B. die Fahrzeugverfügbarkeit schlicht nicht im Griff haben.“

Die drängendste Sorge des Vorstands ist allerdings die finanzielle Lage des Konzerns. Der Bahn rinnt das Geld durch die Finger. Die aktuelle Gewinnerwartung von 2,1 Milliarden Euro für das Jahr 2018 ist bereits zweimal nach unten korrigiert worden. Laut Lutz’ Brief liegt die Bahn hier 160 Millionen Euro unter Plan. Ein Hauptgrund ist die schwächelnde Frachttochter DB Cargo, der es einfach nicht gelingen will, vom Boom der deutschen Logistikbranche zu profitieren. Auch gebe es „allen Grund, manche Kostenentwicklung der letzten Jahre und unser aktuelles Ausgabeverhalten kritisch zu hinterfragen“, schreibt der Bahn-Chef. Die Verwaltungskosten hätten sich seit 2015 um einen „deutlichen dreistelligen Millionenbetrag“ erhöht.

Versickert ist anscheinend auch die Finanzspritze von einer Milliarde Euro, die der Bund dem Konzern 2016 zugesagt hatte. Das Ergebnis: Zum Halbjahr 2018 lag die Nettoverschuldung der Deutschen Bahn bei 19,7 Milliarden Euro, wovon sich allein drei Milliarden Euro in den vergangenen Jahren angesammelt haben. Die Schuldengrenze von 20,4 Milliarden Euro, die der Bund dem Staatskonzern vorgegeben hat, rückt damit nahe.

Claus Weselsky, Vorsitzender der Gewerkschaft der Lokomotivführer, begrüßte im Gespräch mit der FR den selbstkritischen Ton des Vorstandsbriefs. Sparpotential sieht er vor allem bei Prestigeprojekten wie Stuttgart 21: „Wir bekommen vor lauter Vorausschau in die Zukunft offensichtlich die Gegenwart nicht in den Griff.“ Weselsky mahnte, nicht etwa bei der Einstellung von dringend benötigten Lokführern, der Qualität der Ausbildung oder den Investitionen in Gerät und Infrastruktur zu sparen. In Bezug auf kommende Tarifverhandlungen gab er sich gelassen: „Ich will mal nicht hoffen, dass der Vorstandsvorsitzende darauf abzielt, dass die Tarifrunde 2018 ausfällt.“

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